Ein zweites Leben im Tessin
Immer mehr Syrer stranden in Italien, von wo sie nach Nordeuropa gelangen wollen. Das Flüchtlingselend im grenznahen Mailand animiert viele Tessiner, zu helfen.

Eigentlich ist der Krieg in Syrien weit von der Schweiz entfernt. Nur eine halbe Zugstunde von der Schweizer Grenzstadt Chiasso entfernt spielt sich jedoch ein Flüchtlingsdrama ab, welches das Tessin beschäftigt. Der Mailänder Hauptbahnhof ist zur Drehscheibe für syrische Flüchtlinge geworden. Von der norditalienischen Stadt aus versuchen sie, nach Nordeuropa zu gelangen. Laut italienischen Medienberichten haben seit vergangenem Oktober Tausende Syrer eine oder mehrere Nächte in der Stazione centrale di Milano verbracht. Ein Viertel bis ein Drittel seien Kinder und Jugendliche, schätzen Vertreter von Hilfswerken, deren Notunterkünfte trotz zusätzlicher Betten hoffnungslos überlastet sind.
«Die Bilder von Kindern und Müttern, die auf dem Steinboden in der prunkvollen Bahnhofshalle übernachten, liessen mich nicht mehr los», sagt die Tessinerin Lisa Bosia. Wenn das Elend so nah sei, fühle man sich verpflichtet, etwas zu tun. Zusammen mit Bekannten sammelte sie Milchpulver, Hygieneartikel oder Kleider für die Gestrandeten. Anfang Mai fuhren sieben beladene Kleinlastwagen aus den Südtessiner Ortschaften Genestrerio und Mendrisio nach Mailand. Auch andere organisieren Transporte – darunter die wiederbelebte Aktion Posti liberi (Freie Plätze), die sich in den 1970er-Jahren für chilenische Flüchtlinge eingesetzt hatte.