So funktioniert der Heroin-Markt in der Schweiz

Wenn hierzulande Heroin verkauft wird, sind fast immer albanische Banden involviert. Eine Studie zeigt jetzt, wie sie vorgehen.

Heroin ist in der Schweiz viel günstiger als noch in den 90er Jahren: Damals kostete ein Gramm rund 500 Franken, heute sind es 20 bis 40 Franken.

Heroin ist in der Schweiz viel günstiger als noch in den 90er Jahren: Damals kostete ein Gramm rund 500 Franken, heute sind es 20 bis 40 Franken. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwei Tote, ein Verletzter, ein mutmasslicher Täter verhaftet, einer auf der Flucht: Die Ermittlungen zur Schiesserei von Ende März in einem Basler Café laufen, doch vieles deutet auf einen Zusammenhang mit Drogengeschäften hin, mit Heroin. Die Staatsanwaltschaft schliesst das zumindest bis heute nicht aus. Auffällig ist, dass es sich bei allen Beteiligten der Gewalttat um Albaner handelt und sich alle nur vorübergehend in der Schweiz aufhielten.

Der Handel mit Heroin ist ein Geschäft, das in der Schweiz fast vollständig von albanischen Banden kontrolliert wird. Zwischen 100 und 150 Millionen Franken wird hier jährlich mit der Droge umgesetzt. Das zeigt eine heute veröffentlichte Studie. Kriminologen der Universität Lausanne und Experten der Organisation Sucht Schweiz haben Polizisten und Süchtige befragt, Abwasser auf Heroinrückstände untersuchen lassen, um die konsumierten Mengen zu ermitteln, und so erstmals ein umfassendes Bild dieses Marktes gezeichnet.

«Es ist ein extrem stabiler Markt», sagt Studienautor Frank Zobel. Albaner dominierten ihn schon seit vielen Jahren. Organisiert sind sie in kleineren Gruppen, die die Schweiz unter sich aufgeteilt haben. Sichtbar wird dies für die Öffentlichkeit in den Polizeimeldungen. Fast jeden Monat berichtet beispielsweise die Zürcher Stadtpolizei von einer Verhaftung albanischer Heroinverkäufer. Es sind in der Regel die kleinen Fische, die ins Netz gehen. Jene, die die Aufgabe haben, das Heroin in Säckchen à 5 Gramm an einheimische Dealer, die meist selbst süchtig sind, zu verkaufen. Es ist die Aufgabe mit dem grössten Risiko, gefasst zu werden.

Heroin in der Schweiz
Konsumenten: 20'000–30'000
Umsatz: 100–150 Millionen
Preis pro Gramm: 20–40 Franken

Diese Geschäfte laufen in Zentren wie Zürich, Bern oder Genf ab. Die Einheimischen übernehmen dann die Feinverteilung auf den Rest der Schweiz. Ihre Geschäftspartner werden dagegen nur für wenige Wochen oder Monate aus Albanien in die Schweiz entsandt – offiziell häufig als Touristen, wie auch Peter Gill, Sprecher der Basler Staatsanwaltschaft, bestätigt. Für Albaner gilt seit Ende 2010 Visafreiheit für den Schengenraum. Für Aufenthalte bis zu 90 Tagen.

«Das ist die Stärke des albanischen Systems», sagt Autor Zobel. «Es werden junge Männer für kurze Zeit in die Schweiz entsandt, die wenig wissen über ihre Organisation. Wird einer verhaftet, folgt sofort der nächste.» Das Rekrutierungspotential ist gemäss Marco Cortesi, dem Sprecher der Zürcher Stadtpolizei, «fast unerschöpflich». Die Aussicht auf leicht verdientes Geld sei verlockend.

Die Befragung durch die Studienautoren hat denn auch ergeben, dass die Schweizer Polizeikorps trotz regelmässiger Verhaftungen kaum etwas über die Hintermänner wissen. Detailwissen zu Transportwegen und Lagerstätten fehlen ebenso. «Wir kommen nur selten an die Köpfe heran», sagt auch Cortesi. Und die Verhafteten würden kaum Aussagen machen. Die Gruppen sind laut Gill von der Basler Staatsanwaltschaft«kartellähnlich» organisiert. «Jede untere Hierarchiestufe weiss kaum etwas von der Nächsthöheren.» Die Bekämpfung des Drogenhandels sei deshalb äusserst schwierig, zeitaufwendig und mit hohen Kosten verbunden. «Es kann nur die Spitze des Eisbergs bekämpft werden», sagt Gill.

Trotzdem stellt Drogenexperte Zobel den Schweizer Behörden ein gutes Zeugnis aus. Es gelinge ihnen seit Jahren, den Markt für Heroin klein zu halten. Im Gegensatz zu Nordamerika, wo die Droge wieder auf dem Vormarsch ist.

Der Preis ist eingebrochen

Die Abwassertests zeigen, dass in der Schweiz weniger Menschen Heroin konsumieren als von den Experten erwartet: Wenn man die Zahlen aus dem Kanton Waadt, in dem die Tests durchgeführt wurden, auf die ganze Schweiz hochrechnet, sind es zwischen 12’000 und 18’000, die die Droge regelmässig nehmen. Gegen 10’000 konsumieren gelegentlich. Auch die geschätzten Gewinne der albanischen Banden sind alles andere als spektakulär: Für den Kanton Waadt, der in der Studie schwerpunktmässig untersucht wurde, sollen es zwischen 2 und 4 Millionen Franken pro Jahr sein. Und das, obwohl der Wert der Droge auf Weg aus dem Herstellungsland Afghanistan auf die Strassen von Lausanne um das 45-Fache steigt.

Der Grund: Der Heroin-Preis ist in der Schweiz im Keller. Vor einem Vierteljahrhundert, zu Zeiten der offenen Drogenszene in Zürich, kostete 1 Gramm Heroin 500 Franken. Heute sind es zwischen 20 und 40 Franken – dafür beträgt der Reinheitsgrad auch nur noch 10 bis 15 Prozent. Gestreckt wird mit einem Pulver aus Koffein und dem Schmerzmittel Paracetamol, das in Struktur und Farbe Heroin ähnelt. Gemäss Studienautor Zobel ist der Preiszerfall mit ein Grund, dass die Droge Heroin in der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen wird. Beschaffungskriminalität ist anders als in den 90er-Jahren selten geworden.

Erstellt: 28.06.2017, 09:12 Uhr

Artikel zum Thema

Der Arzt vom Platzspitz über Heroin und MDMA

Video André Seidenberg war früher Arzt auf dem Platzspitz. Er erzählt, wie sich der Drogenkonsum in der heutigen Zeit verändert hat. Mehr...

Heroin für die ganze Familie

Kolumne Gabriel Vetter über Thomas Bucheli und die seltsame Tatsache, dass er oft an den Tod denkt, seit er ein Smartphone hat. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Die Inflation wird überschätzt
Mamablog Freiwillige Kinder vor!
Geldblog Solarenergie: So setzen Sie auf den Megatrend

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...