«Eine Art erneuter Schlag ins Gesicht»

Bei einem Fall wie Rupperswil blicke man zu viel zum Täter statt zu den Opfern. Diese sollen nicht vergessen gehen, sagt Traumatherapeutin Rosmarie Barwinski.

«Die Videos sind unglaublich schlimm»: Staatsanwältin Barbara Loppacher äussert sich am Mittwochmittag zum Prozess. Video: hoh/Tamedia

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Frau Barwinski, was geht in den Hinterbliebenen vor, wenn sie, wie im Fall Rupperswil, erfahren, dass ihre Nächsten ermordet wurden?
Eine massivste Traumatisierung überrollt die Opfer. Im ersten Moment ist die Tat emotional nicht fassbar. Es würde wohl förmlich das Herz zerreissen. Je schwerer das erfolgte Trauma, desto mehr Zeit ist nötig, um überhaupt zu realisieren, was passiert ist.

Wie sieht das Leben in den darauffolgenden Wochen aus?
Schnell entstehen in den Gedanken Bilder: Man stellt sich vor, wie die Tat vor sich ging, was geschehen ist – auch wenn man dies nicht möchte. Diese Vorstellungen können sich mit einem Gefühl von Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit abwechseln. Ein Gefühl von grässlicher Ohnmacht und tiefer Verzweiflung übernimmt. Und ständig ist da die Frage: «Wie kann so etwas in dieser, meiner Welt geschehen?»

Welche konkreten psychischen und psychosomatischen Symptome können in der Folge auftreten?
Die folgenden Symptome sind vielfältig: Neben den beschriebenen Gefühlen kommt es oft zu Schlaflosigkeit, extremer innerer Unruhe, Kopfschmerzen, Kopfdruck, Schwindelgefühle, Niedergeschlagenheit und Appetitlosigkeit.

Wie verläuft die Verarbeitung eines solchen Traumas?
Generell unterscheidet man drei Phasen: Auf den dramatischen Schock folgt die oben beschriebene traumatische Reaktion. Wenn es gut läuft, setzt später eine Art Erholung und Trauerprozess ein. Bis man jedoch an diesen Punkt gelangt, können bei solch schrecklichen Ereignissen Jahre vergehen.

Verarbeiten denn alle gleich?
Nein, der Prozess ist sehr individuell. Wichtig ist, dies den Betroffenen immer wieder mitzuteilen: Es gibt kein Richtig oder Verkehrt; es gibt keinen Druck, keine Erwartungshaltung an sie.

Was können Angehörige und Freunde tun, um traumatisierten Menschen zu helfen?
Das Schwierigste für das Umfeld ist es, diese Gefühle wie Ohnmacht und Verzweiflung mit ihnen auszuhalten. Zu oft ist man versucht, zu schnell in Aktion zu gehen, und erteilt Ratschläge. Solche sind jedoch förmlich Gift für die Betroffenen. Sie brauchen in erster Linie Verständnis und Unterstützer, die ihre Hilflosigkeit mit ihnen aushalten.

Im Fall Rupperswil hat auch der Beschuldigte N. Angehörige. Inwiefern erfahren auch diese einen Schock?
Ich denke, die Tat wirkte auch auf sie traumatisierend. Schnell kommt auch die Frage, wie jemand, den man kennt, so etwas tun konnte. Eine zusätzliche Komponente ist zudem die Schuldproblematik: Man fragt sich beispielsweise, ob man die Tat hätte verhindern können, oder warum man nichts bemerkt hat.

Derzeit läuft der Gerichtsfall. Nicht alle Hinterbliebenen nehmen daran teil. Inwiefern ist eine erneute Begegnung mit dem Täter sinnvoll?
Es ist wichtig, dass die Betroffenen selbst entscheiden, was für sie gut ist und was ihnen hilft. Eine solche Konfrontation ist eine grosse Herausforderung und für die Angehörigen oft erschütternd und kaum zu ertragen. Doch kann ein Gegenübertreten auch helfen, die Fragen zu beantworten, die einen herumtreiben: «Was ist das für ein Mensch, der mir dies antat?», «Was ist genau passiert?»

Der Beschuldigte N. hat den Hinterbliebenen einen Brief geschrieben. Glauben Sie, das war für die Opfer hilfreich?
Nein, im Moment sicherlich nicht. Ich denke, dass die Hinterbliebenen dies als Grenzverletzung erlebt haben könnten – eine Art erneuter Schlag ins Gesicht.

Der ehemalige Partner der ermordeten Carla S. hat ein Buch über den Fall Rupperswil verfasst. Hilft diese Form von Verarbeitung?
Absolut. Schreiben, wenn man denn diesen Zugang hat, ist eine gute Therapie. Bei der Verarbeitung von Traumata geht es darum, das Geschehene psychisch fassbar zu machen und Worte dafür zu finden. Schreiben kann helfen, das Unsagbare sagbar zu machen und die Tat seelisch besser einordnen zu können.

Inwiefern ist die Höhe des Strafmasses für die Hinterbliebenen entscheidend?
Das Strafmass spielt eine grosse Rolle. Ein Trauma ist immer auch eine Erschütterung des eigenen Weltverständnisses. Die Hinterbliebenen haben das Gefühl, dass es keine Gerechtigkeit, keine moralische Richtlinie mehr gibt. Je nachdem, wie die Gerichte entscheiden, kann das Vertrauen in eine gerechte Welt nochmals von Neuem erschüttert werden.

Was können wir als Gesellschaft für die Hinterbliebenen im Fall Rupperswil tun?
Bei solch schlimmen Taten gehen die Opfer oft vergessen. Alles schaut auf den Täter. Dabei sind es die Opfer, denen Schreckliches widerfahren ist. Sie sollen ihren Platz bekommen und nicht vergessen gehen. Denn sie verdienen unser Mitgefühl – und nicht bloss unser Mitleid. Ihnen dies zu geben, ist unsere gesellschaftliche und politische Verantwortung.

Aus Rücksichtnahme auf die Opfer und ihre Angehörigen in diesem Fall hat sich die Redaktion dazu entschlossen, unter diesem Artikel keine Kommentare zuzulassen. Wir bitten um Ihr Verständnis. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2018, 17:52 Uhr

Rosmarie Barwinski ist als Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin tätig, Professorin an der Universität zu Köln und Leiterin des Schweizer Instituts für Psychotraumatologie in Winterthur. (Bild: zVg)

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