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Eine bürgerliche Feministin

Die St. Galler Nationalrätin Susanne Vincenz-Stauffacher wird die neue Präsidentin der FDP Frauen Schweiz.

Mag keine Vorschriften, aber eine Frauenquote könnte ihre Unterstützung finden: Susanne Vincenz-Stauffacher aus St. Gallen. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)
Mag keine Vorschriften, aber eine Frauenquote könnte ihre Unterstützung finden: Susanne Vincenz-Stauffacher aus St. Gallen. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Es gibt Politikerinnen, die sich als Vertreterinnen ihres Geschlechts sehen und diesem ihre unbedingte Solidarität aussprechen. Andere verstehen sich als Einzelkämpferinnen, die beweisen, dass Frauen alles können, wenn sie nur wollen. Und dann gibt es Politikerinnen wie Susanne Vincenz-Stauffacher, die es scheinbar schaffen, beide Überzeugungen zu vereinen.

Die NZZ zählt die 53-jährige FDPlerin aus Abtwil SG zu den vielversprechenden Neulingen im eidgenössischen Parlament – seit Dezember sitzt sie im Nationalrat. Noch bis Ende Mai weilt Vincenz-Stauffacher im St. Galler Kantonsrat, sie hat dann knapp drei Jahre als Kantonsrätin politisiert. Am 9. Mai wird sie voraussichtlich zur neuen Präsidentin der FDP Frauen Schweiz gewählt – die Findungs­kommission hat sie am vergangenen Sonntag einstimmig nominiert.

Vincenz-Stauffacher sagt: «Ich bin eine pointierte Frauenpolitikerin.»Sie sagt aber auch, dass Frauen eine Bringschuld hätten, sich zur Verfügung zu stellen und politisch zu engagieren. Schliesslich verbiete ihnen niemand die Teilhabe.

Daheim bei den Kindern zu sein, werde noch immer als Mangel an beruflicher oder politischer Erfahrung gedeutet, sagt Vincenz-Stauffacher. Dabei sei es doch eine Kompetenz in einem anderen Bereich.

Für sie als Freisinnige steht die Eigenverantwortung über allem: «Ich mag Vorschriften nicht.» Aber eine Frauenquote könnte sie sich, zähneknirschend, als Übergangslösung allenfalls doch vorstellen: «Langsam werde auch ich ungeduldig.» Eine separate Politik für Frauen will sie nicht, weil es darum gehe, Männer und Frauen gleichberechtigt zu behandeln. Und doch findet sie, dass es die Frauen­sektion FDP brauche, da diese als Ort des Austauschs nützlich sei.

Vincenz-Stauffacher politisiert am linken Rand der FDP, in sozialen Fragen klingt sie oft wie eine Linke. Erst im Herbst hiess der Kantonsrat das Postulat «Kinderbetreuung und Politik» gut, das sie zusammen mit zwei SP-Kantonsrätinnen eingereicht hatte. Ein Parteienwechsel steht für sie aber ausser Frage. Ihre regelmässigen Standortbestimmungen würden jedes Mal ein deutliches Ja für die FDP ergeben, sagt sie. Und schafft es, mit ihrer Begründung den Staub vom freisinnigen Dogma etwas wegzuwischen: «Ich habe eine grosse Eigenverantwortungslust.»

Im Alter von 25 Jahren hat sich Vincenz-Stauffacher als Scheidungsanwältin selbstständig gemacht und mit einer Freundin eine eigene Kanzlei gegründet. Sie vertritt auch KMU und engagiert sich seit langem ehrenamtlich. Vor allem die rund zehn Jahre als Präsidentin der Frauenzentrale des Kantons St. Gallen haben sie beeinflusst. Ebenso die Erfahrung, die sie vor 24 Jahren mit ihrem ersten Kind gemacht hat: dass es neben dem eigenen Willen auch gesellschaftliche Strukturen braucht, um als Mutter berufstätig sein zu können. Daheim bei den Kindern zu sein, werde noch immer als Mangel an beruflicher oder politischer Erfahrung gedeutet, sagt Vincenz-Stauffacher. Dabei sei es doch eine Kompetenz in einem anderen Bereich.

Ist Vincenz-Stauffacher eine bürgerliche Feministin? Die Art, wie sie im ersten Moment reagiert, nimmt die eigentliche Antwort vorweg: «Der Begriff ‹Feministin› ist ja eher ­radikal?…» Dann ringt sie sich durch: Verstehe man den Zusatz «bürgerlich» als Korrektiv, dann ja – dann sei sie eine bürgerliche Feministin.

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