Eine Generation wird zur Grosssponsorin gemacht

Die Politik muss sich der Frage stellen: Wer zahlt die Kosten der Umverteilung in der 2. Säule?

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Nun weiss man es: In der beruflichen Vorsorge wurden allein in den letzten zehn Jahren Gelder in der Grössenordnung von 90 Milliarden Franken von den Erwerbstätigen zu den Pensionierten umverteilt. Das errechnete der Vorsorgeberater PPCmetrics.

Dabei ist es nicht per se schlecht, wenn in der zweiten Säule umverteilt wird, sondern zum Teil gewollt – letztlich ist sie nichts anderes als eine Versicherung. Erwerbstätige versichern sich etwa gegen das «Risiko» der Langlebigkeit und dass ihnen im hohen Alter das Geld ausgeht. Oder sie versichern sich gegen einen Börsencrash – hätten jene, die nach der Finanzkrise in den Ruhestand gegangen sind, ihr Geld selber angelegt, müssten heute viele schmal durch. Nicht vorgesehen ist jedoch, dass über so lange Zeit so viel Geld zu den Pensionierten umverteilt wird.

Was ist falsch gelaufen? Wir alle, Stimmbevölkerung, Politik und Pensionskassen, haben zu lange darauf gehofft, dass der dritte Beitragszahler, der Kapitalmarkt, zu seiner früheren Form aufläuft und das angesparte Geld wieder grosszügig verzinst. Kaum jemand hätte gedacht, dass die aktuelle Tiefzinsphase so lange dauert. Und so haben Pensionskassen zu lange zu hohe Renten versprochen.

Die Kassen verteilen um

Das Kind, die obligatorische berufliche Vorsorge, wurde 1985 aber bereits mit Geburtsfehlern in die Welt gesetzt. Seine Väter glaubten, dass sich immer eine sichere Rendite von mindestens 4 Prozent erzielen lässt. Und sie berechneten anhand veralteter Annahmen, wie lange die Renten reichen müssen. Entsprechend optimistisch schrieben sie einen Umwandlungssatz von 7,2 Prozent ins Gesetz. Mit diesem wurden die Renten berechnet.

Es zeichnete sich aber bald ab, dass die Menschen dank des medizinischen Fortschritts älter werden; dank der hohen Renditen konnten die Renten aber noch bezahlt werden. Dann aber, im Jahr 2003, sanken die erwarteten Renditen erstmals unter 4 Prozent und rasselten bis heute auf unter 2 Prozent. Dennoch wurde der Umwandlungssatz von nun 6,8 Prozent unverzagt hochgehalten. Das ist deshalb ein Problem, weil in diesem Satz ein Versprechen angelegt ist: das Versprechen, dass Pensionskassen das Kapital der Rentner immer zu 5 Prozent verzinsen. Nur so reicht die Rente trotz höherer Lebenserwartung noch bis ans Lebensende. Um das Versprechen einzulösen, verzinsen die Kassen das Kapital der Erwerbstätigen zu einem tieferen Satz als jenes der Rentner. Das heisst, sie verteilen um.

Wenn eine Kasse eine Rente berechnet, weiss sie bereits, dass das Ersparte dafür nicht reichen wird.

Das wird heute planmässig getan: Wenn eine Kasse anhand des gesetzlich vorgegebenen Umwandlungssatzes eine Rente berechnet, weiss sie bereits, dass das Ersparte dafür nicht reichen wird. Das ist umso stossender, als dass Erwerbstätige verpflichtet sind, in die zweite Säule einzuzahlen – und so zu Zwangssponsoren der Rentnergeneration werden.

Dadurch droht das Vertrauen in die berufliche Vorsorge zu schwinden, und bereits werden Rufe von links laut, man solle die AHV stärken. Dabei ist unsere Altersvorsorge mit den drei Säulen AHV, berufliche und private Vorsorge gerade deshalb so gut, weil sie die Risiken verteilt. Die zweite Säule darbt wegen der tiefen Zinsen. Wenn aber die Zahl der Rentner steigt und jene der Erwerbstätigen sinkt, hat die AHV ein Problem.

Wer soll die Milliarden bezahlen?

Das Problem lässt sich längst nicht mehr lösen, indem man den Umwandlungssatz reduziert: Selbst wenn man ihn drastisch senkte, wäre die Umverteilung nicht mehr zu stoppen: Nur Neurentner bekämen tiefere Renten. Die Bisherigen, deren Renten garantiert sind, wären weiterhin auf Fremdgeld angewiesen. Die 90 Milliarden werden jenen fehlen, die sie gegeben haben. Eine ganze Generation wird mit deutlich tieferen Renten leben müssen, und selbst Erwerbstätige, die heute dem Mittelstand angehören, werden Ergänzungsleistungen brauchen. Das wird auch für die öffentliche Hand zu einer grossen Belastung.

So genügt es nicht mehr, die berufliche Vorsorge nur zu reformieren. Politikerinnen und Politiker müssen sich auch einer Frage stellen, die sie bisher völlig ausgeblendet haben: Wer soll die 90 Milliarden am Ende bezahlen? Konsumenten, Steuerzahler, spätere Generationen oder gar auch die heutigen Rentner? Oder wollen sie den Verlust allein auf der jetzigen Generation sitzen lassen? Dass der Kapitalmarkt das Problem für sie löst, darauf können sie definitiv nicht mehr hoffen.

Erstellt: 26.05.2019, 22:08 Uhr

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