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Eine geradezu olympische Wahrsagerei

Am Sonntag stimmen die Bündner darüber ab, ob sie mit den Wallisern um die Olympiavergabe von 2026 konkurrieren wollen. Wissen sie genug?

MeinungChristian Brüngger
Mindestens hier wird ein Ja empfohlen: Abstimmungs-Plakat in Davos Wiesen. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)
Mindestens hier wird ein Ja empfohlen: Abstimmungs-Plakat in Davos Wiesen. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Die Walliser haben ihr Olympiaprojekt clever vorbereitet: Weil sie für mögliche Winterspiele 2026 mit anderen Kantonen kooperieren, brauchen sie die Bürger vorerst nicht zu befragen. Die Bündner Initiatoren hingegen, die Olympia allein organisieren wollen, müssen übermorgen das kritische Volk entscheiden lassen – über einen Kredit von 25 Millionen Franken. So viel kostet schon ein chancenreiches Kandidaturen-Dossier, das dann gegen die ausländischen Bewerber bestehen könnte. Mindestens.

Im März wird Swiss Olympic entscheiden, der Dachverband des Schweizer Sports: ob es überhaupt einen Bewerber ins Olympiarennen für das ferne 2026 schicken wird. Wie unberechenbar der Kandidaturprozess für den viertgrössten Sportanlass der Welt geworden ist – nach Sommerspielen, Fussball-WM und -EM –, verdeutlicht diese Bündner Abstimmung: Es handelt sich um eine olympische Form der Wahrsagerei. Wie sollen Bürger und mögliche Organisatoren jetzt schon wissen, wie die Welt in neun Jahren aussehen wird?

Die Fantasiesumme

Denn die Zukunft lässt sich anhand des wichtigsten Kostentreibers, der Sicherheitslage, unmöglich antizipieren. Klar ist nur die Tendenz: Seit den Anschlägen auf die New Yorker Zwillingstürme vor rund 15 Jahren hat sich der Sicherheitsetat für Spiele vervielfacht. Die Milliardengrenze ist oft übertroffen. Die Bündner Organisatoren budgetieren im Moment mit 340 Millionen Franken. Man muss die Summe zum jetzigen Zeitpunkt als Fantasiezahl bezeichnen. Aber anhand irgendwelcher Informationen müssen die Bürger schliesslich entscheiden können.

Wie unglücklich früh der Zeitpunkt für eine solche Stimmabgabe ist, zeigt das ganze Bündner Projekt: Die Stadt Zürich mit ihren Stadien und Hotels soll einen zentralen Part für 2026 übernehmen. Bloss liess der Gemeinderat die Bündner wissen, dass er keinen Franken für Spiele aufzuwenden gedenke. Das bedeutet, dass diese Kandidatur bloss auf dem Papier noch in dieser Form besteht. Die potenziellen Organisatoren müssten bei einem Volks-Ja also entweder nochmals mit den Zürchern verhandeln oder sich einen anderen Zentrumshub suchen.

Darum wäre es ehrlicher, wenn die Bürger zum aktuellen Zeitpunkt über eine Olympiabewerbung ohne Inhalt votierten. Weil ein solch kühnes Bekenntnis niemals ein Ja erhielte, stellt man also einen zweifelhaften Papieranlass auf.

Der Ablauf gehört gekürzt

Das ist nicht gut. Aber warum ist das so? Es liegt am Zeitplan, den erst Swiss Olympic und dann das Internationale Olympische Komitee (IOK) als Hüter der Spiele festlegten. Bis zum März müssen die Bewerber ihr internes Dossier einreichen. 2019 stimmt das IOK ab. Will man diese frühe Abstimmung beide Male mit Substanz versehen, sowohl im Bewerbungsverlauf wie bei der Abstimmung selbst, müsste primär das IOK seinen Entscheidungsprozess verkürzen.

Natürlich kann ein Anlass dieser Grösse nicht in ein, zwei Jahren vergeben werden, zeitnaher an den Spielen aber ist er möglich. Denn das IOK hat sich mit seinem Präsidenten Thomas Bach eine Grossreform namens «Agenda 2020» auferlegt. Ihre wichtigste Absicht: Künftige Olympische Spiele sollen kleiner und nachhaltiger werden – und die grosse Mehrheit der Stadien soll vorhanden sein.

Also braucht ein Organisator keine sieben Jahre nach dem Zuschlag mehr, bis er die wenigen noch zu erstellenden Anlagen gebaut hat. Auch die Sicherheitslage liesse sich zumindest ein wenig realistischer abschätzen. Zwar bliebe das Veranstalten von Olympischen Spielen ein Wagnis. Aber so viel Risiko müsste ein Stimmvolk schon aushalten können, wenn es das «Fest der Jugend» wirklich bei sich haben möchte.

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