Die Frauen geben ihr Druckmittel auf

Gegen die Erhöhung des Rentenalters für Frauen gibt es kaum noch Widerstand. Warum will niemand darüber reden?

Für Feministinnen ist die Altersreform eine verzwickte Sache: Frauen-Demo auf dem Helvetiaplatz in Zürich. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Für Feministinnen ist die Altersreform eine verzwickte Sache: Frauen-Demo auf dem Helvetiaplatz in Zürich. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

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Eine Stunde lang stritten sich Petra Gössi und Gerhard Pfister. Engagiert und in allen Details. Was die Senkung des Umwandlungssatzes für ein würdiges Leben im Alter bedeute. Was ein Besitzstand bei den Zinsen in der Pensionskasse sei. Und vor allem: Reichen die 70 zusätzlichen Franken für die AHV? Braucht es die 70 Franken? Warum sind es 70 Franken? Und nicht 50 oder 85?

Sie redeten über vieles in dieser arg komplizierten Vorlage, über die wir Ende September abstimmen. Nur über ein Detail redeten die Präsidentin der FDP und der Präsident der CVP nicht.

Der Livechat von Tagesanzeiger.ch/Newsnet, Ort der oben beschriebenen Debatte, steht exemplarisch für die Abstimmungskampagne zur AHV. Wir reden über die zusätzlichen 70 Franken, vor allem über die, über Details im dritten Grade und schwer verständliche Abzüge.

Ins Gegenteil verkehrt

Dass diese Reform nur möglich wird, weil Frauen in Zukunft ein Jahr länger arbeiten, darüber reden wir nicht. Über die Erhöhung des Frauenrentenalters, das 1,4 Milliarden Franken an die AHV beisteuert, geht man hinweg wie über den Wechsel einer Jahreszeit: Ist halt so. Geht gar nicht anders. Warum das ganze Aufheben?

Offenbar, das zeigt die Debatte vor der Abstimmung, hat das Frauenrentenalter seine ideologische Schärfe verloren. Es hilft den Befürwortern der Revision sogar. Eine aktuelle Studie der Universität Zürich stellt fest, dass eine Er­höhung des Frauenrentenalters auf 65 Jahre in allen Altersgruppen und Parteien (ausser der SVP) zur Unterstützung der Reform beitrage. «Sogar die Anhänger und Anhängerinnen der SP und der Grünen stehen dieser Erhöhung nicht nur indifferent, sondern sogar positiv gegenüber», heisst es in der Studie.

Das ist eine interessante Entwicklung – weil es die Geschichte des Frauenrentenalters in ihr Gegenteil verkehrt.

Für Feministinnen und Linke war das Frauenrentenalter laut Historikerin Heidi Witzig all die Jahre immer ein Druckmittel. Das Pfand. «Jedes Mal, wenn die Erhöhung des Frauenrentenalters diskutiert wurde, sagten sie: Zuerst braucht es Lohngleichheit.» Darum hätten sie dieses Pfand auch nie aus der Hand gegeben, sagt Witzig. Die Frauen übernahmen und übernehmen noch immer den grössten Teil der unbezahlten Pflege- und Haushaltsarbeit. Man empfand es als Unrecht, wenn sie auch noch länger arbeiten sollten.

Das Feminismus-Dilemma

Heute ist das anders. Wenn sich linke und auch bürgerliche Politikerinnen zum Frauenrentenalter äussern, dann wirkt dies nur noch wie eine Klammerbemerkung. Wie etwas Kleines, das man in einem viel grösseren Zusammenhang sehen muss. Und darum zu vernachlässigen ist. Vom einstigen Widerstand ist nicht mehr viel zu spüren.

Natascha Wey etwa, Co-Präsidentin der SP Frauen Schweiz, schrieb kürzlich im Newsletter des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds: «Die Altersreform 2020 kann einen als Feministin in ein Dilemma bringen.» Weil diese neben Fort- auch Rückschritte beinhalte.

«Hin und her gerissen»

Oder Judith Schmutz, Co-Präsidentin der Jungen Grünen Schweiz. Sie sagt: «Als Feministin war ich hin und her gerissen. Trotzdem überwiegen die positiven Aspekte der Vorlage.»

Ebenso SP-Nationalrätin Silvia Schenker, die, würde man das Frauenrentenalter isoliert betrachten, gegen die Erhöhung wäre – und in vergangenen Abstimmungen auch dagegen war. «Aber in der Gesamtbilanz der aktuellen AHV-Reform akzeptiere ich sie, weil für die Frauen Ausgleiche geschaffen werden.»

Für CVP-Nationalrätin Ruth Humbel ist die Erhöhung des Frauenrentenalters gar angebracht. Mit der Reform würden gegenwärtige Benachteiligungen der Frauen verschwinden, ist sie überzeugt. Was zudem für die Vorlage spreche: «Die Frauen sind nicht schwächer als die Männer. Also können sie auch gleich lange arbeiten.»

Geschichte eines Missverständnisses

Humbel spricht damit jenen Umstand an, der dazu geführt hat, dass Frauen ihre AHV-Rente früher beziehen als die Männer. Die Geschichte eines Missverständnisses. Als die Alters- und Hinterbliebenenversicherung 1948 in der Schweiz eingeführt wurde, war das Rentenalter zuerst für alle gleich: Es lag bei 65 Jahren. 1957 wurde das Alter für die Frauen bei der 4. AHV-Revision auf 63 Jahre gesenkt. Und nur fünf Jahre später ein weiteres Mal: auf 62 Jahre.

Das tiefere Frauenrentenalter wurde zum einen physiologisch begründet. Im «Bundesblatt» von 1956 hiess es, dass die «Körperkräfte der Frauen im All­gemeinen früher nachlassen» würden als jene der Männer. Man wollte die Frauen schonen.

Faktisch Rentenalter 60

Zum anderen wurden ledige Frauen anders behandelt als die verheirateten. Diese hatten zwar keinen eigenständigen Rentenanspruch, dennoch galt für sie faktisch das Rentenalter 60: Wenn sie 60 wurden, wurde die AHV-Rente der pensionierten Ehemänner nämlich durch eine höhere Ehepaarrente ersetzt. Das ganze Konzept der AHV war vom voll erwerbstätigen Mann her gedacht, dem die Ehefrau angehängt war. Ledige Frauen mussten länger warten, bis sie von den Leistungen der AHV profitieren konnten.

Nur langsam setzte sich in der Gesellschaft die Idee durch, dass Frauen doch gleich viel leisten können wie Männer. Dass ein System, das sich nur am arbeitenden Mann orientiert, einen Grundfehler hat. Im Rahmen der 10. AHV-Revision wurde das Rentenalter für die Frau ab 2001 erhöht: von 62 auf 64Jahre. Entgegen kam man den Frauen mit Erziehungs- und Betreuungsgutschriften, weil hauptsächlich sie die unbezahlte Familienarbeit leisteten. «Das war ein Zückerli für die Frauen», sagt Historikerin Witzig.

Widerstand am Rand

Und genau so ein Zückerchen seien die 70 Franken Rentenzuschlag, die es mit der aktuellen AHV-Reform gäbe. Das Frauenrentenalter sei eine ideologische Frage, sagt die Junge Grüne Judith Schmutz. Die 70 Franken sind konkret. Mit den 70 Franken könne die Rente vieler Frauen, die Teilzeit arbeiten, real aufgebessert werden, sagt Schmutz. Der Zuschlag komme gerade Frauen mit tieferen Löhnen zugute, sagt SP-Nationalrätin Schenker.

Zudem ist es laut der grünen Nationalrätin Maya Graf für die jüngeren Generationen nicht mehr nachvollziehbar, warum Frauen ein Jahr früher in Pension gehen sollen. «Für meine Generation ist das noch etwas anderes: Wir waren im Durchschnitt weniger berufstätig und weniger gut ausgebildet.»

Argumentatives Kunststück

Der Widerstand gegen die Erhöhung findet sich nur noch im härtesten Kern der Frauenbewegung. Das Referendum gegen die AHV-Reform haben Gewerkschaften in der Romandie ergriffen. In Basel gibt es ein Frauenkomitee gegen die AHV-Revision, das zu grossen Teilen aus der links-alternativen Basta! besteht. Und dann ist da noch Tamara Funiciello, die Präsidentin der Juso. Jung, laut und streitlustig. Sie vollbringt ein argumentatives Kunststück, das gar nicht so einfach ist: Wie mache ich aus einer paternalistisch geprägten Idee eine feministische?

Punkt 1: Der Druck, dass Frauen nicht jammern sollen, bestehe seit den 50er-Jahren. Schon dort habe es geheissen, es sei jetzt genug mit dieser Gleichstellung; die Frau solle sich, bitte schön, begnügen. «Wir wären heute immer noch in den 50er-Jahren, wenn sich die Frauen damals begnügt hätten.»

Punkt 2: Warum müssen sich immer die Frauen anpassen? «Es ist doch total patriarchalisch, dass die Frauen nun so lange wie die Männer arbeiten müssen. Und nicht umgekehrt.» Die Reform werde nicht ganzheitlich gedacht, die ­Digitalisierung und die Veränderung der Arbeitswelt spielten keine Rolle, und das sei ein Fehler. Ein entscheidender. «In Zukunft wird es weniger und nicht mehr Erwerbsarbeit geben. Wir müssen das System neu denken!»

Heisst, und damit sind wir bei Punkt 3 angelangt: Solange die Diskriminierung im Arbeitsmarkt nicht beseitigt sei, solange die Frauen nicht gleiche Löhne wie die Männer erhalten; solange Pflege- und Haushaltsarbeit nicht richtig entlöhnt wird, so lange wird jemand wie ­Tamara Funiciello einer Erhöhung des Rentenalters niemals zustimmen.

Doch Funiciello ist die Ausnahme.

Der Spatz fliegt

Die Mehrheit, Frauen wie Natascha Wey, Judith Schmutz, Silvia Schenker und Maya Graf, ist dafür. Realpolitik schlägt Ideologie. Auch wenn die Pflege- und Haushaltsarbeit noch nicht entlöhnt wird. Auch wenn Frauen immer noch nicht den gleichen Lohn für gleiche Arbeit erhalten. Auch wenn noch immer mehr Frauen Teilzeit arbeiten oder in ­typischen Frauenberufen, die schlechter bezahlt sind. Denn mit einem Nein zur Reform seien diese Ungerechtigkeiten erst recht nicht aus der Welt zu schaffen, sagen sie und wissen gleichzeitig nicht, was ihr Nachgeben für all diese Gleichstellungsfragen bedeutet. Heute schlucken sie die Kröte. Und geben das Pfand, geben den Spatz aus der Hand, wie es eine der Frauen sagt. Wenigstens fliege der in die richtige Richtung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2017, 22:21 Uhr

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