Eine Rente wie ein Tieflohn

6500 Franken verdient und dann nur eine Rente von 4230 Franken: Ein Beispiel zeigt, wie Neurentner inzwischen mit deutlich tieferen Einkünften leben müssen.

Versicherte sollten ihren Lebensstandard nach der Pensionierung aufrechterhalten können – so sagt es die Verfassung. Bild: Reto Oeschger

Versicherte sollten ihren Lebensstandard nach der Pensionierung aufrechterhalten können – so sagt es die Verfassung. Bild: Reto Oeschger

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Eigentlich hatte der Mann gut verdient. Er arbeitete als Apotheker bei einem Lohn von über 6500 Franken und zahlte immer in seine Altersvorsorge ein. Aber im Alter erhält er nun lediglich eine Rente von 4230 Franken – so viel wie jemand, der für einen Tieflohn arbeitet. Und dies, obwohl der – fiktive – arbeitsame Mann die höchstmögliche AHV-Rente erhält. Das hat der Schweizerische Gewerkschaftsbund mit Zahlen des Bundes errechnet.

Erstmals seit Einführung der obligatorischen Altersvorsorge sinken in diesen Jahren die Renten in der Schweiz für Personen, die neu in den Ruhestand treten, und zwar spürbar. Das zeigt die neuste Studie der Swisscanto-Vorsorge: Alleine zwischen 2013 und 2017 ist die mittlere Rente aus der ersten und der zweiten Säule, aus AHV und Pensionskasse, um 600 Franken gesunken, von 5357 auf 4741 Franken vor allem wegen der Pensionskassenrenten. Und diese werden nach Einschätzung von René Raths, Verwaltungsrat der Swisscanto-Vorsorge, weiter sinken. «Ein Ende ist vorerst nicht absehbar», sagt er auf Anfrage.

Dass die Renten sinken, bekommen nicht nur Personen zu spüren, die Brüche in ihrer Erwerbskarriere haben oder die wenig verdienen: «Die sinkenden Renten sind vor allem ein Mittelstandsproblem», konstatiert Felix Wolffers, Co-Geschäftsleiter der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos). «Selbst Personen mit einem durchschnittlichen Einkommen verfügen heute nach ihrer Pensionierung nur noch über eine Altersrente in der Grössenordnung eines Tieflohns.»

Kein Auto, keine Ferien

Ein Rentner, der 4230 Franken pro Monat erhält, muss schon heute sehr bescheiden leben, wie Max Klemenz sagt, Co-Leiter der Schuldenberatung des Kantons Zürich. Er rechnet vor: Zieht man von den 4230 Franken die zwingenden Ausgaben ab – Steuern, Miete, Krankenkasse, Gebühren –, bleiben 1800 Franken übrig. Dieses Geld muss reichen für Essen, Trinken, Kleider, Schuhe, Versicherungen, Telefon, Internet, Verkehrsmittel und Gesundheitsausgaben, eine Brille etwa oder Medikamente. Geld, das man zur Seite legen könnte, bleibt nicht übrig (siehe Grafik).

Nicht eingerechnet sind Auto, Ferien und Ausflüge. Max Klemenz sagt: «Mit 4230 Franken pro Monat kommt man durch. Aber jemand, der es nicht gewohnt ist, bescheiden zu leben, muss es erst lernen.» Bis jetzt hat die Beratungsstelle nicht mehr Rentner unter ihren Klienten registriert, ihre Zahl ist mit einem Anteil von 6 Prozent stabil geblieben. Die Folgen der fallenden Renten seien aber vielleicht einfach noch nicht bei der Schuldenberatung angekommen, meint Klemenz.

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An allen Ecken und Enden sparen: So sieht es das Schweizer Sozialversicherungssystem eigentlich nicht vor. Vielmehr sollten die Versicherten ihren bisherigen Lebensstandard auch nach ihrer Pensionierung aufrechterhalten können. So steht es in der Verfassung – die AHV soll die Existenz sichern, die Rente aus der Pensionskasse den bisherigen Lebensstandard. Das soll möglich sein, wenn sich die Rente auf 60 Prozent des bisherigen Lohns beläuft. 2013 waren die Renten gemäss Swisscanto-Studie noch so hoch, dass dieser Wert im Durchschnitt bei 80 Prozent lag, bis 2017 war er auf 71 Prozent gesunken. Aber bereits heute erreichen viele Renten diesen Wert nicht annähernd – gerade auch bei Gutverdienenden.

Bisher wenig Altersarmut

Werden künftig mehr Seniorinnen und Senioren in Armut leben? Felix Wolffers verneint: «Es wird nicht so weit kommen, dass Rentner auf das Sozialamt gehen müssen.» Wolffers, der auch das Sozialamt der Stadt Bern leitet, sagt, bei der Behörde seien kaum Fälle von Pensionierten hängig. Wenn die AHV nicht zum Leben reiche, könnten die Rentner Ergänzungsleistungen beantragen, dank diesen sei Altersarmut in der Schweiz wenig verbreitet. Sinken die Renten jedoch weiter, steigt die Zahl all jener, die auf Ergänzungsleistungen angewiesen sind. «Dann nimmt auch der politische Druck auf die Ergänzungsleistungen zu, und es wird weitere Forderungen nach Kürzungen geben», sagt Wolffers.

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Diese Meinung hat auch Thomas Gächter, Professor für Sozialversicherungsrecht an der Universität Zürich, im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet vertreten: «Wenn nichts geschieht, werden wir ein Volk von Ergänzungsleistungsbezügern.» Bereits heute sind 12 Prozent aller Senioren oder 204’800 Personen auf Ergänzungsleistungen angewiesen.

René Raths von der Swisscanto-Vorsorge sagt: «Die Versicherten werden sich künftig früher mit ihrer Pensionierung befassen müssen, um den Leistungsrückgang der zweiten Säule auszugleichen.» Und vor allem: «früher mit Sparen beginnen». Lasse man sich erst mit 55 Jahren ausrechnen, wie hoch die Rente voraussichtlich ausfalle, sei es im Grunde schon zu spät.

Video - «Mit 4000 Franken Rente kommt man durch»

Antworten auf die Frage: Wieviel Geld brauchts im Alter? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2018, 21:00 Uhr

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