Eine Verschnaufpause für Donald Trump?

Bei der Debatte der US-Vizepräsidentschaftskandidaten tat Mike Pence, was Donald Trump bei seiner Debatte versäumt hatte: Er griff Hillary Clinton scharf an.

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Die republikanische Parteizentrale erklärte eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung bereits den Sieger: Donald Trumps Vize Mike Pence habe die Debatte der beiden Vizepräsidentschaftskandidaten gewonnen, Hillary Clintons Vize Tim Kaine sie verloren.

Nach acht furchtbaren Tagen für Donald Trump sollte Pence, der Gouverneur von Indiana, gestern Abend an der Longwood Universität in Farmville im Staat Virginia bei der einzigen Debatte der beiden Stellvertreter das republikanische Schiff endlich wieder auf Kurs bringen. Tatsächlich geriet das anderthalbstündige Palaver zu einer lebhaften und von den Inhalten her interessanteren Veranstaltung als die Debatte zwischen Clinton und Trump am vorletzten Montag.

Klare Strategien

Beide Kandidaten bewiesen, dass sie fähig wären, im Notfall die Macht im Weissen Haus zu übernehmen – ein durchaus vorstellbares Szenario, da sowohl Donald Trump als auch Hillary Clinton beim Amtsantritt im Januar 2017 die ältesten Präsidenten der US-Geschichte wären. Die Strategie der beiden Vizepräsidentschaftskandidaten war klar: Senator Kaine hielt seinem republikanischen Gegner so ziemlich alles vor, was Donald Trump im Verlauf des Wahlkampfs verbrochen hat, Pence hingegen schoss sich auf Hillary Clinton ein.

Die Vizepräsidentschaftskandidaten zur Verschuldung der USA und Trumps Steuern. (Video: Youtube/CBS News)

Kaine, der als Virginias Senator Heimvorteil in Farmville genoss, wollte Pence in die Defensive zwingen, debattiert werden sollte vor allem über das Enfant terrible an der Spitze des republikanischen Teams. Und nebenbei wollte Kaine seine Chefin hochleben lassen. Pence zog sich indes gut aus der Äffare, immer wieder brachte er Clinton ins Spiel und beschuldigte die Demokratin, als Kabinettsmitglied der Obama-Administration einen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Niedergang der USA mitverantworten zu müssen.

Pence zielte wie ein Laser auf Clinton

Pence kennt das Metier, er begann seine Karriere als Moderator einer konservativen Radioshow. Und er weiss, dass es nahezu unmöglich geworden ist, Donald Trumps Schutt abzutragen: Zu viel hat sich angesammelt, zu explosiv ist manches, was der republikanische Präsidentschaftskandidat getan und gesagt hat. Dass Pence Trumps Steuergebaren als «brilliant» verteidigte – Trump hat offenbar über Jahre hinweg keine Steuern entrichtet – , mag ein Fehler gewesen sein. Wie ein Laser aber zielte der Republikaner auf Clinton, ohne sich von Kaines massiver Kritik an Trump aus der Fassung bringen zu lassen.

Trump sei eben «kein hochglanzpolierter Politiker wie Sie und Hillary», sagte Pence an die Adresse von Kaine. Vor allem aber tat der Trump-Vize gestern Abend in Farmville, was Trump bei der Debatte mit Clinton versäumt hatte: Er ging die demokratische Kandidatin scharf an, statt nach dem Köder zu schnappen, den Kaine mit seinen Litanei von Trumps Sünden für ihn auslegte. Ob Pence den wackelnden Trump damit half, ist möglich, aber nicht wahrscheinlich.

Kaine nennt Pence Donald Trumps Lehrling. (Video: Youtube/CBS News)

Tim Kaine enttäuschte ein wenig

Sicherlich aber half sich Pence: Die republikanischen Getreuen werden sich dankbar an ihn erinnern, falls der Gouverneur 2020 die US-Präsidentschaft anstreben wird. Ausserdem wurde Pence in Farmville seiner Funktion als Brücke zwischen dem Aussenseiter Trump und den Kongressrepublikanern in Washington gerecht. Sein Auftritt dürfte die republikanische Führung beruhigt haben, zumal er Programmatisches aus dem republikanischen Katechismus servierte.

Tim Kaine enttäuschte hingegen ein wenig: Bisweilen agierte er zu aufgeregt, er wirkte zu präpariert und zu sehr in der Rolle eines Angreifers, die ihm schlecht steht. Farmville könnte Team Trump eine willkommene Verschnaufpause bis zur zweiten Debatte zwischen Hillary Clinton und Donald Trump am kommenden Sonntag in St.Louis verschafft haben.

Erstellt: 05.10.2016, 05:33 Uhr

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