Einsicht braucht es nur von Frauen

Am Beispiel AHV-Revision zeigt sich: Gleichstellung zu schaffen ist leicht, wenn es um Pflichten geht. Bei den Rechten ist das schwieriger.

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Redet man mit Tamara Funiciello, die ihre Mails stets mit «solidarischen Grüssen» beendet, fühlt man sich in eine Zeit versetzt, die man so gar nicht mehr gekannt hat. Revolution oder Tod. Alles oder nichts. Frauen an die Macht. Lang lebe das Matriarchat! Juso-Präsidentin Funiciello ist eine Sondererscheinung. Sie ist eine jener Feministinnen, die die AHV-Reform vor allem bekämpfen, weil das Rentenalter für die Frau erhöht wird. Ihr Kampf findet irgendwo am Rand statt, kaum beachtet in der Deutschschweiz. Ihr Kampf ist so anachronistisch wie sie selbst.

Für eine Mehrheit, auch eine Mehrheit der Frauen, ist es eine Selbstverständlichkeit, gleich lange zu arbeiten wie die Männer. Sie nehmen das mit einem Gleichmut hin, der mit dem schäumenden Eifer der Jungbürgerlichen kontrastiert, die nicht begreifen wollen, dass die AHV schon immer ein Solidaritätsprojekt zwischen den Generationen war. Der Gleichmut der Frauen ist ein rationaler: Es gibt keinen Grund, dass Frauen weniger lange arbeiten sollen als Männer. Welchen denn? Frauen sind so leistungsfähig wie die Männer, sind genauso ausgebildet. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Frauen nun ihr Privileg diskussionslos abgeben, ist symptomatisch für viele Geschlechterdebatten. Einsicht wird offenbar nur von Frauen erwartet. So war es beispielsweise auch bei der Diskussion um einen allgemeinen Bürgerdienst für Männer und Frauen: Warum denn nicht? Männer müssen ja auch ins Militär.

Frauen – und Männer sowieso – sind rasch bereit, Gleichstellung zu schaffen, wenn es um Pflichten geht. Bei den Rechten ist das schwieriger. Dass massgebliche Frauenorganisationen mit ihrer Unterstützung der AHV-Revision und der Erhöhung des Frauen­rentenalters nun ihr Pfand für alle anderen geschlechterpolitischen Forderungen weggeben – es könnte sich später rächen. Das ist kein Grund, die AHV-Reform ­abzulehnen. Doch es zeigt: Es braucht Frauen wie ­Tamara Funiciello. Die auf jene Flecken hinweisen, die viele Frauen und noch mehr Männer schon lange nicht mehr sehen. Immer eine Spur zu laut. Aber in der Sache berechtigt.

Erstellt: 30.08.2017, 22:03 Uhr

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