Eklat bei Waffenlobby Pro Tell

Willy Pfund, Präsident beim Verein für ein freiheitliches Waffenrecht, spricht von einem «Putsch» und legt sein Amt per sofort nieder.

Die Schweizer Waffenlobby braucht einen neuen Chef. Foto: Keystone

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Immer wenn es darum geht, die Interessen der Schützen oder der Armee zu verteidigen, ist Pro Tell zur Stelle. Die Gruppierung zählt rund 8500 Mitglieder und assoziierte Verbände und bringt sich regelmässig in die politische Debatte ein. 2005 hatte Pro Tell zusätzlich zur SVP und zur Auns das Referendum gegen das Schengen-Abkommen ergriffen. Weil der Vertrag auch Auswirkungen auf das Waffenrecht hat, warnte Pro Tell – anders als der Schiesssportverband – vor dem «Ende der schweizerischen Schützentradition», scheiterte mit dem Referendum jedoch an der Urne. 2011 kämpfte die Vereinigung erfolgreich gegen die linke Waffenschutzinitiative. Diese forderte, dass Armeewaffen nicht mehr zu Hause aufbewahrt werden dürfen.

Suspendiert durch den Vorstand

Mit markigen Worten trat jeweils Pro-Tell-Präsident Willy Pfund auf. «Der Einzelne trägt mit seiner persönlichen Waffe zur Sicherheit bei, weil der Staat nicht überall verfügbar sein kann», sagte er beispielsweise 2006. Der Alt-FDP-Nationalrat aus dem Kanton Solothurn präsidierte Pro Tell seit 2002. Nun aber hat der 77-Jährige genug. Wie Pro Tell am Freitag mitteilte, hat Pfund am Mittwoch «aus persönlichen Gründen» den sofortigen Rücktritt von allen Ämtern erklärt. Interimistisch wird der Verein von Vizepräsident Werner Hohler geführt. An der Generalversammlung im Frühjahr 2017 soll ein neuer Präsident gewählt werden.

Der Abgang ist keineswegs in gutem Einvernehmen erfolgt. Dies belegt ein Mail, das Pfund am 29. August dem Vereinsvorstand schickte und das dem TA vorliegt. Darin kritisiert Pfund einen Vorstandsentscheid desselben Tages, wonach er wegen autokratischen Führungsstils und mangelnder Kommunikation per sofort suspendiert werde.

Pfund bezeichnet dieses Vorgehen als «Putsch, statutenwidrig und respektlos». Es lasse jeden Respekt vor seiner Person und seinen Leistungen für Pro Tell vermissen, schreibt Pfund: «Ich bin erschüttert. Das Vertrauen ist in jeder Hinsicht zerstört.» Deswegen trete er per sofort zurück. Auf Anfrage erklärte Pfund, er habe sich gegen Kreise innerhalb von Pro Tell gewehrt, die eine noch weitergehendere Liberalisierung des Waffenrechts forderten: «Ich habe mich am politisch Machbaren orientiert und dafür gekämpft, das Erreichte zu sichern.»

Kampf gegen Schengen

Keinen weiteren Kommentar zum Abgang von Pfund macht Pro Tell. «Wir haben Stillschweigen vereinbart», sagt Interimspräsident Werner Hohler. Am Kurs der Organisation werde sich nichts ändern. «Auch künftig werden wir für ein freiheitliches Schweizer Waffenrecht kämpfen.» Der Hauptfokus liege derzeit auf möglichen Verschärfungen, die sich aus dem Schengen-Abkommen ergeben könnten.

Die EU-Kommission plant eine Verschärfung des Waffenrechts. Als Schengen-Mitglied ist auch die Schweiz davon betroffen. Laut Justizministerin Simonetta Sommaruga ist vorgesehen, dass Armeeangehörige ihre Waffe auch nach absolvierter Dienstpflicht behalten dürfen. Allerdings müssen sie sich in periodischen Checks überprüfen lassen. Beschliesst die EU tatsächlich diese periodische Überprüfung, dürfte der Widerstand in der Schweiz gross sein – und Schengen von Pro Tell und weiteren Organisationen grundsätzlich infrage gestellt werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2016, 20:50 Uhr

Willy Pfund, ex-Präsident bei Pro Tell.

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