Eltern von Behinderten wehren sich gegen Kesb-Kontrollen

Die Eltern von behinderten Kindern müssen der Kesb beweisen, dass sie vertrauenswürdig sind. Mit Referenzen, Strafregister- und Kontoauszügen.

Tänzerinnen und Tänzer bei einer Probe der Aufführung «Lo scintillio della brina» in Locarno. Foto: Samuel Golay (Keystone)

Tänzerinnen und Tänzer bei einer Probe der Aufführung «Lo scintillio della brina» in Locarno. Foto: Samuel Golay (Keystone)

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Eine Mutter ruft aufgelöst bei Pro Insieme an. Seit Jahrzehnten kümmern sich die Eltern um ihre behinderte Tochter. Nun müssten sie plötzlich all ihre Auslagen belegen und die Rechnungen bei der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) vorzeigen. Die Kesb will auch, dass die Eltern mit ihrer Tochter einen Vertrag abschliessen, in dem festgehalten wird, wie hoch die Summe von Kost und Logis der Tochter ist. Das erscheint ihnen absurd. Sie wehren sich gegen die Kesb-Forderungen – mit Erfolg.

Christa Schönbächler, Co-Geschäftsleiterin bei Insieme, kennt viele solcher Geschichten. Eine andere Mutter sei beispielsweise aufgefordert worden, alle zwei Jahre einen ärztlichen Bericht über den Gesundheitszustand ihrer Tochter an die Kesb zu schicken. Vor mehreren Jahren war sie im Spital gewesen wegen einer Lungenentzündung, seither war jedoch alles in Ordnung. Warum also diese Untersuchungen und Kontrollen?

Seit 2013 sind Eltern, die sich um ihr behindertes Kind kümmern, nicht automatisch auch berechtigt, dies weiterhin zu tun, wenn das Kind volljährig wird. Gemäss dem neuen Erwachsenenschutzrecht müssen sie von den Kesb als Beistände eingesetzt werden. Damit geht oft ein beträchtlicher administrativer Aufwand einher: Die Eltern müssen beweisen, dass sie weder vorbestraft noch verschuldet sind: Betreibungs-, Vorstrafenregister und zwei Referenzen pro Elternteil können die Kesb einfordern. Dazu kommt in manchen Fällen ein obligatorischer eintägiger Basiskurs. Viele Eltern erleben die plötzliche Kontrolle als Affront. Nachdem sie sich jahrelang aufopfernd um ihr Kind gekümmert haben, fühlen sie sich von den Behörden gegängelt und verdächtigt. Nach der Eintrittsprüfung verlangen die Kesb in vielen Fällen von den Eltern alle zwei Jahre einen Bericht. Ein Arzt und Vater eines behinderten Kindes sagte zur NZZ, er erlebe dies als «administrativen Overkill» – und als «entwürdigend».

Viel Spielraum

Christa Schönbächler bestätigt, dass viele Eltern die Rechenschaftspflicht als sinnlos empfinden. «Sie haben das Gefühl, dass ihnen misstraut wird. Viele können gar nicht glauben, dass sie plötzlich einen Strafregisterauszug vorweisen sollen.» Wie oft und wie ausführlich Eltern Rechenschaft abliefern müssen, darüber können die einzelnen Kesb-Behörden relativ frei selbst entscheiden. Sie können Eltern auch davon befreien, alle zwei Jahre einen Kontoauszug, eine Steuererklärung, einen Bericht und Ähnliches vorweisen zu müssen. Kesb-Präsident Guido Marbet zeigte in «10 vor 10» Verständnis für das Unverständnis der Eltern. «Unsere Arbeit soll als Unterstützung erfahren werden», betonte er.

Doch dass die meisten Eltern für die Kontrollen, die sie nicht wollen, auch noch selbst bezahlen müssen, bringt für viele das Fass zum Überlaufen. In diesem Punkt signalisierte Guido Marbet eine gewisse Verhandlungsbereitschaft.

Für Pro Insieme ist das allerdings noch nicht genug. «Wir wollen eine Umkehrung der Praxis», sagt Christa Schönbächler. «Und eine Harmonisierung.» Denn dass die einzelnen Behörden derart unterschiedlich mit den Eltern umgingen, sei nicht fair. «Uns geht es darum, dass wieder das richtige Augenmass gefunden wird.» Wann immer möglich, sollten die Eltern von der Rechenschaftspflicht entbunden werden. «Diese Eltern, die sehr viel Zeit für ihr Kind aufwenden, sollten nicht noch mit unnötiger Administration belastet werden.» Zudem finde sie es beunruhigend, dass sich die Kesb primär für die finanziellen Verhältnisse der Familie zu interessieren scheine. «Wichtig wäre doch auch ein ausführliches Gespräch am Anfang der Beistandsschaft, bei der die Kesb klarmachen könnte, dass es um Unterstützung und nicht um Schikane geht», sagt Schönbächler. Auch der Obwaldner CVP-Nationalrat Karl Vogler fordert in einer parlamentarischen Initiative, dass Personen – vor allem die Eltern und die Ehegatten, die als Beistand oder Beiständin ihres Kindes oder des anderen Ehegatten eingesetzt werden – nur noch ausnahmsweise der Pflicht zur periodischen Berichterstattung und Rechnungsablage gegenüber der Kesb unterstellt werden.

Finanzielle Eigeninteressen

Tatsächlich gibt es aber auch immer wieder Einzelfälle, in denen die Kesb die finanziellen Verhältnisse der Eltern zu recht kontrolliert hat. Wie Kinderschutzexperte Christoph Häfeli zur NZZ sagte, gäbe es in manchen Fällen finanzielle Eigeninteressen der Eltern, vor denen man das Kind schützen müsse. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn dem Kind eine grosse Erbschaft aus der Verwandtschaft zusteht. Gleichzeitig gibt es laut Häfeli auch Eltern, die ihre erwachsenen Kinder wie Zehnjährige behandelten und nicht genug förderten. Er betont aber: «Die meisten Eltern machen ihre Sache gut.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2016, 15:53 Uhr

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