Elternzeit — die Debatte hat erst begonnen

Väter bekommen künftig zwei Wochen bezahlten Urlaub nach der Geburt ihres Kindes. Mehrere Initianten fordern bereits ein Vielfaches davon.

Mütter haben seit 13 Jahren einen bezahlten Mutterschaftsurlaub, Väter sollen nun auch einen bekommen. Foto: Keystone

Mütter haben seit 13 Jahren einen bezahlten Mutterschaftsurlaub, Väter sollen nun auch einen bekommen. Foto: Keystone

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Es war tatsächlich ein historischer Moment, wie SP-Nationalrat Adrian Wüthrich am Mittwoch im Nationalrat sagte. Und er selber hatte einigen Anteil daran beziehungsweise die von ihm präsidierte Travailsuisse. Die Volksinitiative für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub, die Travailsuisse und 160 Partnerorganisationen lanciert hatten, mündete gestern in die Verankerung eines Vaterschaftsurlaubs von zwei Wochen. Nachdem der Ständerat im Juni dem indirekten Gegenvorschlag zugestimmt hatte, tat dies gestern auch der Nationalrat. Das Erwerbsersatzgesetz, das auch Lohnausfälle bei Militärdienst und seit 2005 bei Mutterschaft regelt, wird um einen Passus ergänzt: Väter haben, ab der Geburt ihres Kindes, Anspruch auf zwei Wochen Betreuungszeit bei 80 Prozent ihres Lohnes, höchstens 196 Franken pro Arbeitstag. Wenn sie den Urlaub innert sechs Monaten nicht beziehen, verfällt er.

Insgesamt werden die Kosten dafür vom Bundesamt für Sozialversicherungen auf 229 Millionen Franken jährlich geschätzt, die Lohnnebenkosten steigen dadurch um 0,06 Prozent. Heute betragen die Lohnabzüge für die Erwerbsersatzkasse 0,45 Prozent, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer je hälftig zahlen.

Sechseinhalb Stunden dauerte die Debatte im Nationalrat. Und dies nicht etwa, weil das Geschäft auf der Kippe gestanden hatte. Im Gegenteil. Nach dem überraschend deutlichen Ja des Ständerats, wenige Tage nach dem nationalen Frauenstreik, wurde vom Nationalrat dasselbe erwartet. Dennoch hatten sich 58 Rednerinnen und Redner für die Debatte eingeschrieben. Viele wollten sich zu dem populären Thema äussern, so kurz vor den Wahlen sowieso.

Komitee entscheidet über Rückzug der Initiative

Dabei wiederholten sich die Argumente. So hörte man beispielsweise mehrmals, dass die Schweiz das letzte Land in Europa sei, das weder einen Vaterschaftsurlaub noch eine Elternzeit kenne. Das ändert sich nun: Der indirekte Gegenvorschlag, der keine Verfassungsänderung vorsieht, sondern direkt das Gesetz anpasst, tritt in Kraft, wenn Travailsuisse und ihre Verbündeten die Initiative zurückziehen oder wenn diese vom Volk abgelehnt wird.

Nach der Schlussabstimmung in der letzten Sessionswoche trifft sich das Initiativkomitee am 2. Oktober, wie Adrian Wüthrich sagt. Dann werde man über den Rückzug der Initiative entscheiden. National- und Ständerat empfehlen sie zur Ablehnung, doch im Volk hätte sie womöglich Chancen. Sollte sie an der Urne aber nicht durchkommen, wäre dies ein schlechtes Signal für die weiteren Vorhaben, die geplant sind:

  • Am kommenden Samstag, 14. September, lanciert die SP Kanton Zürich an ihrer Delegiertenversammlung die kantonale Elternzeit-Initiative, die je 18 Wochen bezahlte Elternzeit für Mütter und Väter fordert. 

  • Die SP Schweiz will eine nationale Elternzeit-Initiative lancieren. Nach einer Basisbefragung hat die Partei Anfang September mitgeteilt, dass sie zwei Volksinitiative lancieren werde: zur Elternzeit und zur Lohngleichheit. Die SP favorisiert ein an nordische Staaten angelehntes Elternzeitmodell, das auch die Eidgenössische Kommission für Familienfragen befürwortet: je 14 Wochen für Väter und Mütter plus zehn frei aufteilbare Wochen. Allerdings muss die Delegiertenversammlung Ende November die Initiativprojekte noch absegnen.

  • Der Verein Public Beta, gegründet von Netzaktivist Daniel Graf, plant ebenfalls eine Elternzeit-Volksinitiative unter dem Titel «Gleichstellung plus»: je 15 Wochen für Vater und Mutter. Im Oktober soll der Initiativtext vorliegen, in den ersten Monaten 2020 will Public Beta die Initiative lancieren. Das Vorhaben wird auch von bürgerlichen Exponenten unterstützt.

Fraglich ist, ob sich die SP und Public Beta auf einen gemeinsamen Initiativtext einigen können. Denn bei zwei Volksinitiativen zum selben Thema mit unterschiedlichen Elternzeitmodellen würden sich die Ressourcen arg verzetteln. Erste Gespräche zwischen SP und Public Beta ergaben noch keine Einigung, wie Beteiligte erzählen. Absehbar ist, dass die SP ein so populäres Thema ungern einer anderen Organisation überlässt. Bürgerliche Politikerinnen wie Kathrin Bertschy und Rosmarie Quadranti würden jedoch einen neutralen Absender wie Public Beta bevorzugen, weil dann überparteiliche Allianzen einfacher wären.

Während Politstrategen nun an dem perfekten Elternzeitmodell feilen, das vielleicht irgendwann Realität wird, dürfen sich Männer freuen, die in nächster Zukunft Vater werden. Sie haben zwei Wochen Babyzeit auf sicher.

Erstellt: 11.09.2019, 21:39 Uhr

Unternehmen etwas grosszügiger

Die SVP und ­Wirtschaftsverbände wollen den Vaterschaftsurlaub nicht gesetzlich regeln. Für sie soll die Verantwortung bei den Vätern und den Arbeitgebern liegen. Wie viele Freitage bieten die Unternehmen jungen Vätern heute?

Viele Firmen gewähren ihren Mitarbeitern einen längeren Vaterschaftsurlaub, als gesetzlich festgelegt ist. Vor allem grosse Unternehmen sind hier führend: Schweizweit konnte sich Novartis dieses Jahr profilieren. Neu­väter erhalten seit Juli 14 Wochen bezahlten Urlaub – vorher waren es sechs Tage gewesen. Neben Novartis gehen vor allem international agierende Unternehmen voran. Google, Volvo und Microsoft erzielten in einer Studie von Travailsuisse, die die Vaterschaftsurlaubstage verschiedener Unternehmen erhob, die ­Spitzenplätze. Travailsuisse führt ­diese ­Analyse seit 2016 durch. In jener von 2017 untersuchte der Gewerkschaftsdachverband die Länge des Vaterschaftsurlaubs in 35ausgewählten Unternehmen.

Coop und die Zurich-Versicherung verlängerten seit 2017 den Vaterschaftsurlaub von jeweils fünf auf 15 Tage. Bei Swisscom und Swiss Life wurde der Urlaub jeweils um eine Woche verlängert und beträgt jetzt 15 beziehungsweise zehn Tage. Die SBB und Ikea bieten beide zwei Wochen mehr Vaterschaftsurlaub an, die SBB 20 Tage, die Ikea 30 Tage. Die meisten Unternehmen blieben aber bei derselben Feriendauer. Nur neun Unternehmen erhöhten sie. Bei zwei Firmen – Swiss und IBM Schweiz – wurden sie sogar reduziert.

Ebenfalls verhalten ist die Entwicklung bei den Gesamtarbeitsverträgen. 2017 erhielten 39 Prozent der betreffenden Arbeitnehmer nur einen Tag Vaterschaftsabsenz. Drei Viertel der Arbeitnehmer durften maximal drei Freitage beziehen.

In den letzten zwei Jahren hat sich das zum Teil verändert: Weiterhin bekommen 38 Prozent der Arbeitnehmer nur einen Tag. Dafür hat sich der Anteil jener, diemaximal drei Tage erhalten, stark verringert, nämlich auf neu 53Prozent der Arbeitnehmer.
Billy Neville

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