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Elternzeit, jetzt!

Das Parlament nähert sich in Zwergenschritten einem Vaterschaftsurlaub. Zeitgemässer wäre der Elternurlaub.

So ein Neugeborenes krempelt das Familiensystem um. Foto: Eric Thalmann (Getty)
So ein Neugeborenes krempelt das Familiensystem um. Foto: Eric Thalmann (Getty)

Die konservative Schweiz bewegt sich. Unter Ächzen und Stöhnen zwar, denn die traditionellen Rollenbilder sind arg eingerostet und bewegen kann man sie nur unter Schmerzen. Doch zumindest lässt sich die Initiative erkennen, endlich einen Schritt vorwärtszumachen – und das ist bitter nötig, wenn die Schweizer Familienpolitik nicht vollkommen vergreisen will. Die zaghaften Bewegungen ausgelöst hat die letztes Jahr eingereichte Initiative für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub. Diese Woche hat sich die zuständige Ständeratskommission nun zu einem indirekten Gegenvorschlag durchgerungen. Er sieht zwei Wochen Urlaub für Väter vor. Das ist nicht üppig, aber besser als der eine Tag, den Neuväter bis jetzt zugute haben. Ansonsten: ein gutschweizerischer Kompromiss, der trotz guter Absichten nicht von alten Rollenbildern lassen will.

Mutig wäre anders. Zum Beispiel das Modell einer gemeinsamen Elternzeit, wie es in den meisten OECD-Ländern mittlerweile Standard ist. Eltern bekommen einen gemeinsamen Urlaub und können je nach Situation selber entscheiden, wer wie viel von dieser Elternzeit beziehen will. Es ist das Modell, das der FDP mit ihrem Vorschlag eines 16-wöchigen Elternurlaubs vorschwebte. Die Hälfte davon ginge obligatorisch an die Mütter, der Rest liesse sich flexibel aufteilen.

Doch der Vorschlag war chancenlos. Links befürchtete eine Aufweichung des Mutterschutzes. Die GLP argumentierte, 16 Wochen seien zu wenig, um traditionelle Rollen aufzubrechen. Und den übrigen Bürgerlichen ist das alles ohnehin zu teuer. Überzeugend ist keines der drei Argumente.

Das Haltung der SVP, Elternschaft sei Privatsache und deshalb auch so zu finanzieren, ist rückständig, weil so die meisten Väter weiterhin nach einem Tag ins Büro verschwinden und die Arbeit den Müttern überlassen.

Alles andere wäre zu kompliziert. Auch das Argument der GLP, erst mit 14 Wochen für beide Geschlechter liessen sich Rollenmodelle aufbrechen, ist wackelig. Woher will die Partei wissen, ab welcher Menge Elternzeit tatsächlich eine Auswirkung auf das Rollenverständnis zu erwarten ist? Eine so komplizierte Frage hängt kaum nur von der korrekten Anzahl Stunden Elternurlaub ab.

Und so wichtig Mutterschutz auch ist – nicht alle Mütter wollen 14 Wochen zu Hause bleiben. Manche können es, wie viele Väter auch, gar nicht erwarten, wieder einmal etwas anderes zu tun, als Popöchen abzuwischen und «Heile Säge» zu singen. Und die Befürchtung, Neuväter könnten aus lauter Faulheit Druck auf die Mütter machen, vorzeitig an den Arbeitsplatz zurückzukehren, ist weit hergeholt.

Elternzeit bietet mehr Spielraum

Nimmt man Gleichstellung ernst, dann ist die Elternzeit die beste Lösung. Die grösste Veränderung, die ein Paar nach der Gründung einer Familie zu bewältigen hat, ist der Übergang von einem Zweiergespann zu einem Familiensystem. In einem System gibt es keine individuellen Lösungen, jede getroffene Entscheidung, insbesondere wenn sie die Erwerbsarbeit betreffen, wirkt sich auf das ganze Familiengefüge aus. Und zwar nicht nur heute und morgen. Manchmal kommt die Quittung für das gewählte Modell erst nach Jahren, wenn eine Scheidung ansteht oder die Kinder ausziehen.

Die Lebensmodelle von Familien sind heute divers, diese Entwicklung wird mit der Flexibilisierung der Arbeitswelt weiter zunehmen. Ein Elternurlaub zwingt Paare, über ihre Zukunftsperspektiven zu sprechen. Und er bietet maximalen Spielraum, um an die jeweiligen Bedürfnisse der Eltern angepasst zu werden. Das ist für Paare, die sich im Berufsleben gleichgestellt verwirklichen wollen, die wichtigste Voraussetzung. Der Vorschlag eines zweiwöchigen Urlaubs ist möglicherweise am ehesten konsensfähig. Zukunftsträchtiger wäre aber Elternzeit.

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