Energiepolitik als Gesellschaftsprojekt

Zur Nachhaltigkeit der Energiestrategie gehört auch der Verzicht auf fixe Abschalttermine.

Kernenergie hat einen immer schwereren Stand: AKW Gösgen. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Kernenergie hat einen immer schwereren Stand: AKW Gösgen. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Okkupiert von der deutschen Politik, welche die «Energiewende» zum Markenzeichen für eine «richtige» Energiepolitik hochstilisiert, geniesst der Begriff heute bei uns in der Schweiz ein anrüchiges Image. Zu Recht aus meiner Sicht. Denn diese Worthülse ist völlig unzureichend, um die sich derzeit abspielenden Entwicklungen auch nur annähernd zu beschreiben.

Darum sprechen weder der Bundesrat noch das Bundesamt für Energie von einer «Wende», da dies den Eindruck vermittelt, dass die Energiepolitik wie bei der Sommersonnenwende ab einem genau definierten Zeitpunkt – zack! – eine andere Richtung einschlagen würde. Vielmehr geht es um einen jahrelangen Prozess, einen langfristigen Umbau unseres Energie­systems mit dem Anspruch, dieses bis zum Jahr 2050 deutlich nachhaltiger, energieeffizienter und wirtschaftlicher auszugestalten. Dafür braucht es eine langfristige Strategie, die Energiestrategie 2050 des Bundesrats.

Und wenn wir schon bei Begriffsdefinitionen sind: «Eine Strategie bezeichnet eine grundsätzliche, langfristige Verhaltensweise gegenüber der Umwelt zur Verwirklichung langfristiger Ziele», sagt Gablers Wirtschaftslexikon. Wer nun also meint, die Energiestrategie 2050 müsse rezeptartig bereits jedes Detail präzise regeln, den würde ich – wie vom Philosophen Ludwig Hasler empfohlen – direkt dem Arzt überweisen.

Wir starten jetzt, lancieren erste Initiativen, lernen und optimieren. Die Ziele und die Strategie sind klar, die weiteren Details werden Schritt für Schritt zu definieren, erproben und weiterzuentwickeln sein. Denn es finden – notabene ausserhalb der politischen Einflussnahme – derzeit extrem dynamische Entwick­lungen auf den Märkten, in den Unternehmen und insbesondere in der technologischen Innovation statt, die weitreichende Konsequenzen für unser Leben haben werden.

Die Rahmenbedingungen, die entlang der Energiestrategie 2050 in den kommenden Jahrzehnten zu definieren sind, müssen einerseits sicher und stabil und andererseits anpassungsfähig genug sein, um diese Entwicklungen zielorientiert zu lenken: für eine sichere, bezahlbare und umweltfreundliche Energieversorgung für alle. Gelingt dieser zeitgemässe Ansatz einer integralen Energiepolitik, wird sie zu einem Gesellschaftsprojekt, das alle angeht. Sie muss dem Einfluss der oft in Partikular- und Profilierungsinteressen verstrickten Wende- und Anti-Wende-Politiker entzogen werden.

Dazu braucht es Fakten, leicht zugängliche Informationen, Transparenz, gerade auch vonseiten der Energiewirtschaft. Erster Fakt: In der Schweiz werden in den nächsten Jahren keine neuen Kernkraftwerke gebaut, weil sie schlicht nicht rentabel zu betreiben wären. Zweiter Fakt: Die erneuerbaren Energien werden immer billiger. Fotovoltaik wird heute an den besten Sonnenexpositionen zu 5 Cent pro Kilowattstunde produziert. Die Marktführer haben das Versprechen abgegeben, die Kosten bis 2020 nochmals zu halbieren. Auch die Forschungen zum sicheren Einbinden der unregelmässig anfallenden erneuerbaren Energien in die Stromnetze laufen auf Hochtouren.

Es braucht keinen Abschalttermin

Dritter Fakt: Auch die bestehenden Kernkraftwerke haben angesichts der tiefen Strompreise auf den Märkten und der steigenden Sicherheitsanforderungen wirtschaftlich einen schweren Stand. Zwar könnten wir wie in Deutschland fixe Abschalttermine politisch festlegen, was jedoch absehbar zu enormen Schadenersatzforderungen an den Staat führen würde – denn die Stromer haben inzwischen das Prozessieren als zweites Standbein entdeckt. Vielversprechender ist jedoch, den Abschalttermin den Betreibern zu überlassen, die sehr wohl über Fachleute ver­fügen, die Risiken und Risikoprämien präzise abschätzen können.

Die Energiewelt ist in einem umfassenden Wandel, es findet eine radikale Veränderung von Strukturen, Märkten und Technologien statt. Die Energiestrategie 2050 hilft mit, in dieser stürmischen Welt auch langfristig Versorgungs­sicherheit zu akzeptablen Preisen zu garantieren. Wenn wir unseren Enkelkindern eine nachhal­tigere Energiewelt übergeben wollen, dann unternehmen wir diese ersten Schritte auch im Wissen, dass wir diese neuen Systeme nicht alleine definieren und bauen.

Erstellt: 14.08.2015, 20:26 Uhr

Walter Steinmann, Direktor des Bundesamts für Energie. Foto: Keystone

Artikel zum Thema

Stromlücke? Argumentationslücke!

Analyse Die Rechtsbürgerlichen bezeichnen die Energiewende als «heisse Luft». Dabei verbreiten sie selber welche. Denn sie haben keine Alternativen. Mehr...

10-Millionen-Schweiz als Energiewende-Killer?

Die neuen Einwohner-Prognosen befeuern den Streit um die Realisierbarkeit der Energiewende. Mehr...

Energiewende verteuert die Mieten

Energiesparen lohnt sich für die Vermieter, aber nicht für die Mieter. Das führt zu einem folgenschweren Konflikt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...