Er bestraft per Gutachten

Bei Obhutsstreitigkeiten haben Gutachter enorme Macht. Gutachter G. steht seit Jahren in der Kritik. Aufträge bekommt er trotzdem aus der ganzen Schweiz.

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Der Besuch dauerte eine Viertelstunde. Dann brach N. G. zusammen. Zum vierten Mal war sie auf Anordnung des ­Familiengerichtes zur Begutachtung in die Praxis von Gutachter G. gefahren. Es ging um die Regelung des Besuchsrechts für ihren Sohn mit einem Ex-Partner. Doch das Gespräch endete abrupt. Barsch eröffnete der Gutachter N. G., was im Gutachten stehen werde. Sie, eine Unternehmerin mit eigener Firma und stressige Situationen gewohnt, war erst perplex, dann wurde sie laut, brach schliesslich in Tränen aus und beendete das Gespräch.

Das ist drei Jahre her. Gerade hat N. G. eine 15-seitige Beschwerde gegen Gutachter G. bei der Berufsethikkommission der Föderation der Schweizer Psychologen (FSP) eingereicht. Sie liegt dieser Zeitung vor. Darin sind viele irritierende Details über G. aufgelistet.

In einem der Gutachter-Gespräche habe er sie unvermittelt auf ihre «muskulösen Arme» angesprochen. An drei von vier Terminen sei Gutachter G. nicht persönlich anwesend gewesen und habe sich von seinen Angestellten wegen Krankheit entschuldigen lassen – unter anderem bei der Gerichtsverhandlung zur Eröffnung des ersten Teils des Gutachtens. Im selben Zeitraum war er aber bei verschiedenen Golfturnieren als Teilnehmer gemeldet gewesen.

Zu teure Rechnungen gestellt

Als N. G. sich nach dem Zusammenbruch im Wartezimmer der Praxis sammeln wollte, sprach der Gutachter weiter heftig auf sie ein. Er werde dieses Gespräch hier nicht protokollieren, sagte er noch. Trotzdem stellte er ihr die halbe Stunde, in der sie im Wartezimmer um Fassung rang, in Rechnung: zu 190 Franken die Stunde. Ebenso wie ihr Telefonat am nächsten Tag, um sich über G. zu beschweren und einen neuen Termin zu verlangen. Gegen die überrissenen Rechnungen wehrte sie sich erfolgreich vor dem Obergericht. So hatte Gutachter G. 640 Franken für Lektoratsarbeiten verlangt. Das sei ungerechtfertigt, befand das Gericht.

N. G. ist mit ihren Erfahrungen nicht allein. Vier Beschwerden sind bei der Berufsethikkomission der FSP über Gutachter G. hängig, eine wurde von Amtes wegen eingeleitet – warum, darüber gibt die FSP keine Auskunft. Die darin erhobenen Vorwürfe gleichen sich. Es geht um schlampige Fallführung, mangelnde Kommunikation und Ausfälligkeiten gegenüber Klienten sowie verzerrte und falsche Angaben von Sachverhalten. Wiederholt fällt auch der Vorwurf der falschen Rechnungsstellung, mit zwei Gerichtsentscheiden, die das bestätigen.

So sind als Posten auf Gutachter G.s Rechnungen verschiedentlich lange Telefonate mit Behördenmitgliedern aufgeführt. Der Inhalt der Telefonate ist geheim, also nicht zu überprüfen. Insbesondere soll Gutachter G. seine Gutachten höchst nachlässig erstellen. Sie genügen auch in den Augen von verschiedenen Experten nicht.

Für einige Betroffene liegt die Begegnung bereits Jahre zurück. Doch die Erlebnisse mit Gutachter G. können sie heute noch nicht fassen.

Im Zuge von Rechtsstreiten beurteilten verschiedene Sachverständige Gutachten von G., alle mit vernichtenden Urteilen: Die untersuchten Gutachten liessen jegliche Wissenschaftlichkeit und Seriosität vermissen. Vor allem aber behaupten die vier Beschwerdeführer und die anderen Betroffenen unabhängig voneinander, dass G. Rache-Gutachten erstelle: Verspiele man es sich mit ihm, weil man etwa Kritik an ihm äussere, werde man per Gutachten bestraft.

Gutachter G. arbeitet in einem Berufsfeld, das in den vergangenen Jahren umgewälzt wurde. Mit der Einführung der Kesb wurden die Sozialbehörden professionalisiert. Zudem mehrten sich Obhutsstreitigkeiten getrennter Elternpaare, womit auch die Nachfrage nach Gutachten wuchs, wie zahlreiche Fachleute aus Kesb und Gerichten bestätigen. Doch die von den Kesb normalerweise bevorzugten kantonalen Stellen sind chronisch überlastet. Also weicht man auf private Anbieter aus.

Die Kesb Bern etwa hat vergangenes Jahr 96 Gutachten in Kindesschutzverfahren in Auftrag gegeben, 55 davon an private Sachverständige und von diesen 17 an Gutachter G.

In der Branche bekannt

Diese Zeitung hat für vorliegende Recherche mit den vier Beschwerdeführern gesprochen und vier weitere Betroffene gefunden, die mit Gutachter G. Ähnliches erlebt haben. Für einige Betroffene liegt die Begegnung bereits Jahre zurück, die Obhutssituationen haben sich mittlerweile geklärt, oder die Kinder sind erwachsen. Doch die Erlebnisse mit Gutachter G. können sie heute noch nicht fassen: «Mein Vertrauen in den Rechtsstaat wurde erschüttert», sagt einer der Betroffenen, ein grüner Kantonsrat.

Die Irritationen über Gutachter G. ziehen sich durch seine ganze Laufbahn. Seine Praxis gründete er vor fast 20 Jahren – angeblich auf Anraten seines Doktorvaters. Doktoriert hat G. aber erst einige Jahre später. Gespräche mit Familienrechts- und Kinderanwälten sowie mit Verbandsmitgliedern der Schweizerischen Gesellschaft für Rechtspsychologie (SGRP) haben ergeben, dass die Personalie G. in Psychologenkreisen bekannt und die Qualität seiner Arbeit umstritten ist. G. integriere sich auch nicht in den wissenschaftlichen Betrieb, kümmere sich etwa nicht um die eigene Weiterbildung. Stattdessen biete er selber gut dotierte Weiterbildungen für Behördenmitglieder an.

Betroffene haben bei der Wahl des Gutachters ein Mitspracherecht, doch meist weiss kaum einer, welche Tragweite ein Gutachten und damit die Wahl des Sachverständigen hat. Ist eine fachliche Einschätzung einmal im Gutachten festgehalten, kann sie inhaltlich kaum noch angefochten werden. Die Schweizerische Gesellschaft für Rechtspsychologie ist besonders darauf bedacht, das Gutachterwesen in der Schweiz zu verbessern. Deshalb führt sie eine Liste zertifizierter Gutachter, die einem hohen Anforderungsprofil entsprechen müssen. Von dieser Liste wurde G. bereits im Jahr 2007 entfernt. Auf der SGRP-Website werden folgende Gründe für einen solchen Schritt angeführt: Berufswechsel, Krankheit oder Tod, strafrechtliche Verurteilung, Verweigerung der Teilnahme an den Qualitätsregelkreisen. Aufträge bekommt er trotzdem noch aus der ganzen Schweiz.

Geldgierig und herzlos

Auch Unternehmer G. F. machte schlechte Erfahrungen mit G. Im Jahr 2012 klagte er auf straf- und zivilrechtlichem Weg gegen eines seiner Gutachten, das im Rahmen einer Obhutsstreitigkeit um F.s Tochter entstanden war. Obschon er den Gutachter auf Alkoholismus und Gewalttätigkeit der Mutter aufmerksam gemacht und Beweise beigebracht hatte – unter anderem ein Bild mit einem Hämatom von der Grösse eines Tennisballs auf der Wange des Kindes –, sei das nie abgeklärt worden. Das Bild liegt dieser Zeitung vor.

G. F. sagt über G.: «Man musste kein Fachmann sein, um zu erkennen, dass die Mutter trank: typisches Zittern, ­Aufgedunsenheit etc. Aber mit dieser ­lapidaren Feststellung wäre für G. kein Geld zu verdienen gewesen.» 24 Stunden nach dem ersten Gespräch mit dem Gutachter kamen dem Unternehmer Zweifel an dessen Seriosität. Er bestellte das Gutachten ab. Trotzdem verfasste G. das Schriftstück in Rekordzeit und stellte Rechnung. Dagegen wehrte sich der Unternehmer, er zeigte den Gutachter wegen Betrugs an. Ein strafrechtliches Verfahren wurde nicht anhand ­genommen, zu schwierig sei zu beweisen gewesen, wann genau der Gutachter das Gutachten verfasst habe. Die ­zivilrechtliche Klage auf Rückzahlung des überrissenen Honorars aber gewann der Unternehmer vollumfänglich. Er sagt: «Meiner subjektiven Meinung nach ist Dr. G. geldgierig und schert sich nicht um das Wohl seiner Patienten.»

«Überdurchschnittliche Qualität»

Im Gespräch ist Gutachter G. zurückhaltend. Wie viele Gutachten seine Praxis pro Jahr erstellt, will er nicht verraten. Er wolle nicht den Eindruck erwecken, eine Gutachter-Maschinerie zu betreiben, sagt er. Zum Vorwurf der Nachlässigkeit erwidert G.: «Alle gutachtensrelevanten Vorwürfe werden unserseits sehr ernst genommen, abgeklärt und in unserer Beurteilung berücksichtigt. Unsere Gutachten erfüllen alle Standards, und ihre Qualität ist überdurchschnittlich hoch.»

Zu den hängigen Beschwerden bei der Berufsethikkommission der FSP erwidert er, dass nur eine kleine Gruppe mit seiner Arbeit unzufrieden sei. Seine Rechnungen seien alle ordnungsgemäss erstellt, «sonst würde keine Behörde mehr mit uns arbeiten». Auffällig ist indes, dass die Kesb in drei der vier Beschwerdefälle, die bei der FSP eingegangen sind, die Empfehlungen von Gutachter G. nicht umgesetzt, sondern neue Gutachten bestellt hat. Das ist äusserst selten und braucht triftige Gründe – über die die Kesb aber keine Auskunft geben will.

Für N. G. liegt die Begegnung mit Gutachter G. drei Jahre zurück. Die Erlebnisse mit ihm haben aber eine Narbe hinterlassen, die sie nicht zur Ruhe kommen lässt. Bis heute.

Erstellt: 01.04.2019, 22:31 Uhr

Auf der politischen Agenda

Das Thema fehlender Qualitätskriterien bei den Gutachten ist auch auf die politische Agenda gelangt. Eine im März von SP-Nationalrat Daniel Frei eingereichte Motion verlangt vom Bundesrat qualitative Standards bei der Erstellung von Gutachten. Frei denkt zum Beispiel an ein Vieraugenprinzip. Heute kann eine Person allein ein Gutachten erstellen. Noch im Dezember konnte der Bundesrat keine Notwendigkeit zum Handeln erkennen, er befand, dass auf Ebene der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden «ausreichend Qualitätssicherung für die Anordnung und Würdigung von Gutachten gegeben» sei. (mcb)

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