Zum Hauptinhalt springen

Gesuchter Multimillionär in der Schweiz untergetaucht

Ein Geschäftsmann mit Schweizer Pass steht in seiner Heimat El Salvador unter Anklage. Die USA ermittelten wegen Drogenschmuggels. Jetzt zeigt sich: Der Mann ist diskret in die Schweiz gereist.

Verdacht auf Bestechung und Prozessbetrug: Enrique R. nach seiner Verhaftung im September 2016 in El Salvador. Foto: Salvador Melendez (Revista Factum)
Verdacht auf Bestechung und Prozessbetrug: Enrique R. nach seiner Verhaftung im September 2016 in El Salvador. Foto: Salvador Melendez (Revista Factum)

In El Salvador kennt man ihn als kontroversen Multimillionär, über den schon Hunderte Zeitungsartikel erschienen sind. Enrique R. verdiente sein Geld in Mittelamerika mit Ölgeschäften und dem teilstaatlichen Unternehmen Mides, das in El Salvador Müll einsammelt und auf Deponien entsorgt. Im August 2016 wurde er wegen Verdachts auf Bestechung und Prozessbetrug verhaftet und unter Hausarrest gesetzt.

Mitte Januar 2017 verschwand R. aus El Salvador – kurz nachdem ein Gericht wegen Fluchtgefahr eine erneute Verhaftung angeordnet hatte. Die Zeitung «La Prensa Gráfica» schrieb, er sei per Privatjet aus dem Nachbarland Guatemala in die Dominikanische Republik geflogen. Danach verlor sich seine Spur.

Recherchen von Redaktion Tamedia in Kooperation mit der salvadorianischen Online-Plattform «Revista Factum» zeigen nun, dass sich Enrique R. diskret in der Schweiz niedergelassen hat. Die Einwohnerkontrolle von Morges VD bestätigt, dass sich der Geschäftsmann dort am 16. April registrierte. Als Redaktion Tamedia ihn aufsuchte und Fragen stellen wollte, gab er keine Auskunft.

Die Geschichte von R. ist der neuste Eintrag auf der Liste kontroverser internationaler Figuren, welche die Schweiz als Rückzugsraum nutzen. Enrique R. ist ein Spezialfall: Als schweizerisch-salvadorianischer Doppelbürger besitzt er den roten Pass. Heimatort ist Vermes im Kanton Jura, im Telefonbuch finden sich dort ein halbes Dutzend Personen mit demselben Familiennamen.

Spürhunde

Neben Öl- und Abfallgeschäften betreibt der 65-Jährige eine Reihe von Privatjets und Helikoptern, die er teilweise über komplexe Firmenstrukturen in den USA besitzt. Im März 2016 liess ein US-Sheriff in Florida drei Flugzeuge und einen Helikopter von R. beschlagnahmen. Der Verdacht: Er hatte als Nicht-Amerikaner die Flugzeuge illegal unter US-Kennzeichen registrieren lassen. Solche Kennzeichen seien beliebt, weil sie auf US-Flughäfen zu weniger Aufmerksamkeit führten, so der Sheriff.

Im Antrag auf Beschlagnahme heisst es weiter, dass Oskar und Bingo, zwei Drogenspürhunde, während Kontrollen der Flieger in Florida Kokainspuren identifiziert hätten. In einem Flugzeug seien Sitze ausgebaut worden, was bei Schmuggelfliegern oft der Fall sei. Das Dokument hielt weiter fest, Enrique R. sei ein «prioritäres Ziel» der US-Antidrogenbehörde DEA und «wegen seiner Verbindungen zu Gruppen des organisierten Verbrechens, Briefkastenfirmen, Kartellen und korrupten Politikern Teil einer internationalen Untersuchung».

Der Anwalt von R. bestritt die Vorwürfe vor Gericht und warf dem Sheriff vor, mit «Gerüchten und Anspielungen» statt mit Fakten zu operieren: «In keinem der Flugzeuge wurden Drogen gefunden.» Der Geschäftsmann habe sich in keiner Weise strafbar gemacht.

Auch R. selbst wehrte sich in Interviews gegen die Ermittlungen – er sei daran, ein Airline-Business aufzubauen.

Die Flugzeuge wurden nach drei Monaten freigegeben, Enrique R. zahlte 20'000 Dollar als Vergleich und sicherte zu, die Flieger korrekt zu registrieren. So endete das zivile Verfahren, zu einer strafrechtlichen Anklage kam es nicht. Eine behördennahe US-Quelle sagt aber zu «Factum», die DEA ermittle weiter, R. sei eine «Person von Interesse».

Chalet mit Pool

Ein Passagier von R. war El Salvadors Ex-Generalstaatsanwalt Luis Martínez, der sich heute in Haft befindet. Einer der Vorwürfe: Martínez habe sich von R. herumfliegen lassen, im Gegenzug habe er dem Geschäftsmann bei dessen Justizproblemen geholfen. R. steckt mit zwei kanadischen Geschäftsleuten in einem langwierigen Streit um die Kontrolle der Abfallfirma Mides; beide Seiten deckten sich mit Vorwürfen und Anzeigen ein. Enrique R. führt seine Probleme auf diese Fehde zurück.

El Salvador, eingebettet zwischen Gua­temala und Honduras, ist ein von Gewalt zerfressenes Land; die Polizei zählte 2016 über 5000 Morde, bei 6,4 Millionen Einwohnern. Institutionen sind schwach und anfällig für Missbrauch – gleich zwei frühere Staatschefs sehen sich mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert.

In der Schweiz, wo der Rechtsstaat stabil ist, investiert R. in Liegenschaften. Ihm gehören eine Wohnung in Morges, ein Luxus-Chalet mit Indoor-Pool in Leysin und ein Appartement im Hotel Swiss Diamond in Vico Morcote TI.

Das Swiss-Diamond-Hotel ist ein Ableger der Mabetex-Gruppe, die dem Schweiz-Kosovaren Behgjet Pacolli gehört. Pacolli gilt als einer der reichsten Kosovaren, 2011 war er kurzzeitig Präsident des Staats. Im selben Jahr ging der Wohnungskauf von R. über die Bühne. Dokumente, die Redaktion Tamedia vorliegen, deuten darauf hin, dass R. die Wohnung zum Teil mit Geld bezahlte, das aus dem halbstaatlichen Abfallunternehmen Mides stammte. In einem Mail vom 17. Juni 2011 weist R. einen Mitarbeiter an, 101'000 Dollar aus Mides über eine Zwischenfirma auf ein Konto bei der Waadtländer Kantonalbank zu transferieren.

R. ist an einer Adresse in der Altstadt von Morges registriert.
R. ist an einer Adresse in der Altstadt von Morges registriert.

Die Aktivitäten von Enrique R. sind auch der Waadtländer Justiz aufgefallen: «Die Vorwürfe in den internationalen Medien gegen Herrn R. sind uns bekannt», sagt Staatsanwalt Anton Rüsch auf Anfrage. Ob Verfahren laufen, kommuniziert die Behörde generell nicht.

Nach dem Verschwinden von R. beantragte die salvadorianische Justiz eine Ausschreibung via Interpol, eine «Red Notice». Ob Interpol R. aktuell sucht, ist unbekannt; Red Notices sind geheim.

Die Anwälte von R. kritisierten die Ermittlungen in El Salvador. Die Justiz verwende illegale Beweise, etwa abgehörte Gespräche. Das Verfahren gegen R., Luis Martínez und weitere Beschuldigte ging dennoch voran; am 7. Oktober erhob die Staatsanwaltschaft Anklage.

Laut Bundesamt für Justiz ist in Bern bislang kein Rechtshilfeersuchen aus El Salvador eingegangen. Eine Auslieferung von R. steht ausser Frage, die Schweiz liefert eigene Staatsbürger nicht aus. Möglich ist aber, dass ein Schweizer Staatsanwalt anstelle der Justiz von El Salvador Ermittlungen übernimmt.

Der Polizeieinsatz

Die Adresse, an der Enrique R. gemeldet ist, liegt in der Altstadt von Morges. Am 3. Oktober reisten zwei Redaktion Tamedia-Reporter dorthin, um mit dem Geschäftsmann über die Vorwürfe zu sprechen. Die Journalisten klingelten im dritten Stock an der Tür. Nichts geschah. Im Parterre betrat eine Nachbarin das Haus, die Reporter zeigten ihr ein Foto. Sie sagte: «Ja, das ist Herr R. Ich habe ihn gestern hier gesehen.»

Als die Reporter wieder auf der Strasse standen, trafen Beamte der Polizei von Morges ein. Es zeigte sich: R. hatte sie alarmiert, nachdem die Journalisten bei ihm geklingelt hatten. Die Polizisten überprüften im Parterre die Identität der Reporter und redeten im dritten Stock mit R. Der liess die Journalisten wissen, dass er nicht zu sprechen sei. Die Beamten übergaben R. darauf eine Liste mit Fragen von Redaktion Tamedia; er liess mitteilen, er werde sich via Anwalt melden. Antworten trafen bislang keine ein.

R. hat diesen Helikopter in die Schweiz importiert. Foto: PD
R. hat diesen Helikopter in die Schweiz importiert. Foto: PD

Fünf Minuten von dem Haus entfernt befindet sich die Überbauung, wo R. eine Wohnung besitzt. Als die Reporter dort am selben Tag klingelten, sagte ein Mann in die Gegensprechanlage, er sei «nur ein Mieter» und wisse nicht, wer R. sei.

Merkwürdig nur, dass der Geschäftsmann exakt an dieser Adresse einen Helikopter registriert hat, und zwar jenen, den der US-Sheriff konfisziert hatte. Aus dem Helikopter mit US-Kennzeichen N4488N wurde per 2. Mai 2017 eine Schweizer Maschine mit Kennzeichen HB-ZAW – Eigentümer: Enrique R.

Mitarbeit: Philippe Reichen

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch