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Detektivin soll Zürcher Polizisten mit 5500 Euro geschmiert haben

Eine schillernde Privatermittlerin belastet einen verhafteten Beamten schwer. Doch was ist dran am Fall?

Christina Wilkening, wie sie sich 1990 als Aufklärerin profilieren wollte. Foto: Imago Stock
Christina Wilkening, wie sie sich 1990 als Aufklärerin profilieren wollte. Foto: Imago Stock

Zunächst sah alles recht harmlos aus. Ein «überschaubarer Fall», schrieb der «Spiegel»: Privatdetektivin besticht Polizisten, um an Infos zu kommen. Punkt.

Doch im Laufe des Prozesses im ostdeutschen Schwerin wurden immer neue Vorwürfe gegen die Angeklagte Christina Wilkening erhoben. Wilkening ist so etwas wie die Grand Old Lady in der undurchsichtigen Welt der Privatermittlungen. Ihre Aktivitäten sind international und zum Teil illegal. Die 69-Jährige hat nicht nur in Deutschland einen Kriminalhauptkommissar bezahlt. Die Ostdeutsche soll auch einen österrei­chischen Geheimdienstler und einen Schweizer Polizisten geschmiert haben. Dies hat wiederum der «Spiegel» enthüllt. Wilkening erklärt dazu dem TA, dass vieles falsch dargestellt werde. Mehr könne sie nicht sagen, solange ­Verfahren gegen sie liefen.

Nun zeigt es sich, worum es überhaupt geht: um einen Übergriff aus der Halb-, Schein- und Geheimdienstwelt, in der sich Wilkening seit Jahrzehnten bewegt, auf die Justiz – auch die schweizerische. Versucht wurde, auch mit Geld, Strafverfahren gegen Oligarchen aus Osteuropa zu beeinflussen und sogar an Bundesanwalt Michael Lauber heranzukommen. Darin verwickelt ist ebenfalls ein Zürcher Kantonspolizist. Am vergangenen Freitag ist er verhaftet worden. Die Kantonspolizei hat ihren langjährigen Mitarbeiter freigestellt und ein internes Administrativverfahren eingeleitet. Das Korps wurde gestern über den Fall informiert.

Verurteilungen in Deutschland

Wie ein solcher Übergriff abläuft, offenbart das rechtskräftig abgeschlossene Strafverfahren gegen Wilkening in Schwerin: Im Januar ist die Umtriebige im Rentenalter, die offiziell eine Berliner Unternehmensberatung führt, zu zwei Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt worden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass sie einem Polizisten seit 2008 mit an die 300'000 Euro geschmiert hat. Der bestochene Kriminalhauptkommissar wurde sogar zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Er, der auch auf der Lohnliste des deutschen Bundesnachrichtendienstes stand, hatte Informationen geliefert, die sie im Sinne ihrer Kunden verwenden konnte, darunter Dienstgeheimnisse.

Zur Klientel Wilkenings gehörte Dimitri Firtasch, der Miteigentümer der mittlerweile liquidierten Schweizer Gashandelsfirma Rosukrenergo. Ein US-Gericht sucht den ukrainischen Oligarchen international wegen Verdachts auf Korruption. Firtasch war 2015 in Österreich verhaftet worden. Schnell kam er gegen 125 Millionen Euro auf Kaution wieder frei. Für Informationen soll Firtasch Wilkening 750'000 Euro gezahlt haben.

5500 Euro in Zürich übergeben?

Kürzlich ist die Detektivin in Berlin erneut befragt worden. Dabei kam auch die Schweiz ausführlich zur Sprache. Wilkening gab einiges über ihren Zürcher Kontakt preis. Ganz freiwillig tat sie das nicht. Doch ihr wurden beschlagnahmte Unterlagen vorgehalten, darunter ihre E-Mails und Buchhaltung. Bestens dokumentiert ist so die mehrjährige Beziehung zum Zürcher Polizisten, der sich nun in U-Haft befindet.

Das Duo traf sich wiederholt in Hotels und Restaurants in Zürich. Die Themenpalette war breit. Die beiden tauschten sich über Drogenbanden und über organisierte Kriminalität aus – aber auch über einen erbitterten Streit im Lottogeschäft in Osteuropa mit einem Schweizer Involvierten. Zu diesem Lotto-Fall existiert ein Buchhaltungsbeleg aus dem Frühling 2015. Als Empfänger von 2000 Euro ist der Kantonspolizist mit abgekürztem Vornamen verzeichnet.

Keine brauchbaren Informationen geliefert

Wilkening hat nun dazu ausgesagt, sie habe ihm diese Summe übergeben – obschon er in der Sache gar keine brauchbaren Informationen geliefert habe. Der Zürcher Polizist habe sich geziert, das Bargeld zu nehmen. Doch schliesslich habe er das Couvert mit den Noten ­behalten. Dabei ist es nicht geblieben, sofern Darstellung und Buchhaltung der Detektivin stimmen. Demnach schmierte Wilkening den Polizisten 2015 mit ins­gesamt 5500 Euro.

Am Telefon erklärte der Betroffene am vergangenen Mittwoch, er werde sich am Tag darauf zu Fragen des TA äussern. Danach liess er nichts mehr von sich hören. Gestern hat die Zürcher Staatsanwaltschaft nun mitgeteilt, dass er am Freitag verhaftet wurde. Sie hat ein Verfahren wegen Verdachts auf Amtsgeheimnisverletzung und anderen Vorwürfen eröffnet. Der Beschuldigte bestreitet die Vorwürfe. Es gilt die ­Unschuldsvermutung.

Es geht um Abermillionen

Wilkenings Aussagen zur Schweiz sind an mehreren Stellen unpräzise oder falsch. Sie behauptet aber, sie habe dem Zürcher Polizisten 3500 Euro für ihr Projekt «Delta» übergeben. Die Summe wäre ein Klacks. Denn bei «Delta» geht es um Millionen und Abermillionen und ebenfalls um einen schwerreichen ­Ukrainer aus dem Energiebusiness, auf dem ein schwerer Verdacht lastet. Gegen Mykola Martynenko führt die Bundesanwaltschaft in Bern seit 2013 eine Bestechungs- und Geldwäschereiuntersuchung. Der Parlamentarier in Kiew soll als Vorsitzender des Energieausschusses Millionen an Schmiergeld eingesackt haben. Auch er wehrt sich gegen die Vorwürfe – mit allen Mitteln. Aktiv ist auch eine etwas unkoordinierte Schar internationaler Privatermittler. Und so kam auch Wilkening ins Spiel.

Von wenig Kenntnis der föderalistischen Schweizer Strafverfolgung zeugt ihr Vorgehen. Die Detektivin wollte über den Zürcher Polizisten an den Staats­anwalt des Bundes gelangen, der die Martynenko-Untersuchung führt.

Doch daraus wurde nichts. Der kantonale Ermittler, mit Drogen- und Jihadfällen beschäftigt, hatte keinen Draht in die Wirtschaftsabteilung der Bundes­anwaltschaft. Trotzdem mailte er im Mai 2015 Angaben zu den Schweizer Martynenko-Ermittlungen nach Berlin. Der grösste Teil davon war zuvor in der Presse zu lesen gewesen.

Ein Schlachtplan für Bern

Eine internationale Privatermittlerschar um Wilkening hat einen Schlachtplan aufgestellt, wie man die Bundesanwaltschaft beeinflussen könnte. Wilkening hat sogar ausgesagt, Martynenko habe zwei bis vier Millionen Euro für den Schweizer «Fallführer» geboten. Das habe sie aber abgelehnt. Trotzdem versuchte sie hartnäckig, auf anderen Kanälen an den zuständigen Staatsanwalt und dessen Chef Michael Lauber heranzukommen. Auf dem Schlachtplan ist neben dem Zürcher Polizisten auch der frisch pensionierte deutsche Bundes­anwalt Wolf-Dieter Dietrich aufgeführt, über den man mit Lauber «verbunden» sei. Doch das war wohl etwas dick aufgetragen. Dietrich hat zwar eine Art Gutachten zum Fall Martynenko verfasst. Der Tenor: Da war keine Bestechung. Den Schweizer Bundesanwalt traf Dietrich aber nicht. Michael Lauber lässt auf Anfrage mitteilen, dass er «keine Kontakte» zu Wilkening oder zum pensionierten Kollegen aus Deutschland ­gehabt habe. Dietrich selber, der im ­Ruhestand als Rechtsanwalt arbeitet, schreibt: «Im Schweizer Fall Martynenko bin ich nie beim dort zuständigen Bundesanwalt Lauber gewesen.»

Er vertritt als Anwalt auch nicht Martynenko – sondern Christina Wilkening, die seit der Wende ab und zu durch sonderbare Episoden aufgefallen ist. Bereits 1990 wollte sich die Ex-Journalistin des DDR-Fernsehens als Aufklärerin profi­lieren. Sie publizierte ein Buch mit Gesprächen mit Ex-Stasi-Mitarbeitern. Der «Spiegel» enthüllte: Die Autorin war selber für die Stasi als Informantin tätig ­gewesen, unter dem Decknamen «IM Nina». Sie selbst hat dies stets bestritten. Später fiel sie mit fantastischen Geschichten zum Mord am deutschen Politiker Uwe Barschel in Genf und zu Geheimdiensten auf. Alles wurde publik. Trotzdem liessen sich immer wieder Amtsträger mit ihr ein. Dem Zürcher Polizisten ist dies nun zum Verhängnis geworden.

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