Er ist kein Feigling

Warum es Leute wie Jean Ziegler braucht – selbst wenn sie ein selektives Verhältnis zu Fakten haben und indiskutable Politiker verteidigen.

Redet und schreibt mit Pathos, Humor und Leidenschaft: Jean Ziegler geht keiner Kontroverse aus dem Weg. (Archivbild)

Redet und schreibt mit Pathos, Humor und Leidenschaft: Jean Ziegler geht keiner Kontroverse aus dem Weg. (Archivbild) Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Im besten Fall hält man ihn für einen Romantiker und Systemverklärer, der an der politischen Brutalität vorbeiträumt, die Dritte Welt umarmt und sich den Armen, Gequälten und Vergessenen als ambulanter Fürsprecher anbietet. Im schlimmsten Fall wirft man ihm vor, linke Regimes zu verklären und mit Diktatoren zu posieren, nicht merkend oder nicht merken wollend, dass er damit Herrschaften legitimiert, die das grausame Gegenteil von dem betreiben, das er selber moralisch einfordert.

Diese Woche konnte man Jean Ziegler wieder einmal in seiner ganzen Widersprüchlichkeit erleben. Der rasende Belehrer verteidigte im Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Gespräch das venezolanische Schreckens­regime von Nicolás Maduro, redete alle unpassenden Fakten weg und nannte die USA, wen sonst, den Hort des Bösen. Der 83-jährige Sanguiniker tut das seit Jahrzehnten. Das «kannibalistische Weltkapital» mit seiner Ansammlung von «Räubern, Schurken und Halunken», die Wirtschaftselite mit ihrer «Profitgier», sie alle klappern durch seine Reden wie die Skelette einer Geisterbahn. Ziegler, der katholische Konvertit aus dem protestantischen Thun, hat auch immer ein Zitat von Guevara, Neruda oder Gramsci auf den vollen Lippen, um seine Thesen zu dekorieren.

Am meisten schadet er sich selbst

Ziegler redet und schreibt mit Pathos, Humor und Leidenschaft, geht keiner Kontroverse aus dem Weg und versucht sich selbst dann noch herauszureden, wenn er sich selbst in grosse argumentative Schwierigkeiten gebracht hat. Als er zum Beispiel den Schweizer Wirtschaftsanwalt Hans W. Kopp in seinem Buch «La Suisse lave plus blanc» als Geier bezeichnete und ihn Kopp vor ein französisches Gericht zerrte, verteidigte Ziegler den Geier als ausgesprochen nützliches Tier in der Nahrungsmittelkette.

Als er in einer Land­kooperative bei Havanna auf lokale Bauern ein­dozierte und dabei Lenins «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser» rechtfertigte – das Lob auf Lenin wurde vom Dokumentarfilmer Nicolas Wadimoff eingefangen und gab an der Premiere in Locarno zu reden –, fand der schnelle Soziologe rasche, distanzierende Worte. Was ihn wohl nicht davon abhält, Lenin an anderen Orten wieder zu exhumieren.

Unerschrocken und beharrlich

Manchmal gelingt selbst ihm die Distanzierung von sich selbst nicht, zum Beispiel von Muammar al-Ghadhafi, dem libyschen Massenmörder, von dem sich Ziegler wiederholt hatte einladen lassen und den er «rational und zweckgerichtet» nannte.

Und trotzdem: Es ist gut, dass es einen wie Jean Ziegler gibt. Erstens mag er ein politischer Verklärer sein wie sein Tessiner Parteifreund Franco Cavalli. Aber man hat noch lieber einen Verklärer als einen Zyniker wie Volkswirtschaftsminister Johann Schneider Ammann, der den Gemütlichen gibt und gleichzeitig den Schweizer Waffenexport in scheussliche Länder forciert. Zweitens hat Ziegler in seiner langen Karriere als Politiker, Autor, Interviewpartner und UNO-Funktionär sehr viel Unsinn erzählt, aber man hat ihm den auch jedes Mal ins Gesicht geschlagen. Ähnlich wie der Labour-Chef Jeremy Corbyn und der linke amerikanische Demokrat Bernie Sanders lässt er sich von Pressekampagnen nicht beeindrucken; er ist kein Feigling.

Trailer zum Film «Jean Ziegler - Der Optimismus des Willens». Video: 2K Trailer, Youtube

Drittens stellt er sich fast immer der Kritik, die ihm entgegenschlägt, und wer schon mit ihm gestritten hat, wird sich oft geärgert haben, bereut hat er das Gespräch nicht. Viertens ist Jean Ziegler in all jene Länder gereist, von denen seine meisten Gegner bestenfalls eine geografische Ahnung haben. Er hat die afrikanischen ­Dürrezonen gesehen, hat die von Genozid und Massenhunger dezimierten Menschen getroffen, ist in die diktatorisch terrorisierten Länder Lateinamerikas gereist. Auch wenn er vieles beschönigt, verdrängt oder verteufelt: Er weiss, wovon er redet.

Fünftens hat er recht, wenn er den Welthunger einen Skandal nennt, ein menschengemachtes Instrument der Destabilisierung im Dienste des Kapitals. Man kann nicht einmal über ihn schreiben, ohne seinen Sound zu imitieren.

Erstellt: 30.08.2017, 20:00 Uhr

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