Er ist Musikwelle-Fan und hadert mit No Billag

Bauer Heinz Kummli liebt die Musik des SRG-Senders. «Und doch stimme ich wohl Ja.» Dieser Widerspruch sollte der Schweiz zu denken geben.

Grösster Fan und doch Gegner: Bauer Heinz Kummli in seinem Melkstand. Fotos: Urs Jaudas

Grösster Fan und doch Gegner: Bauer Heinz Kummli in seinem Melkstand. Fotos: Urs Jaudas

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Am Abend nimmt auf dem Tannrüttihof in Subingen SO immer Christina Kummli das Telefon ab. Mann Heinz melkt im Stall. Frau Kummli marschiert mit dem Telefon in der Hand nach draussen über die Strasse in den Melkstand. Im Hörer rauscht es, dann erklingt aus der Ferne Ländlermusik, sie wird lauter, kurz darauf sagt eine tiefe Stimme: «Kummli.» Hören Sie Radio? «Die Musikwelle dänk.» Ein Schottisch örgelt dahin, eigentlich nicht so Kummlis Musik, der 64-Jährige mag Schlager, am liebsten von Andrea Berg, für sie würde er vom Hof nach Zürich laufen, sagt seine Frau.

Drei Tage später steht Bauer Kummli wieder im Stall, wieder ist es Abend, «17 Jahr, blondes Haar» trällert aus dem Radio. Kummli melkt Kuh Nummer 42, die Cora. «Musikwelle, das ist mein Sender, meine Musik», sagt der Bauer und putzt Cora die Euter. Die Musikwelle trägt ihn durch den Tag, manchmal singt der grosse Mann mit den grossen Händen mit. Verreist er in die Ferien, dauert es nicht lange, und das Vermissen setzt ein. Dass es den Sender einmal nicht mehr geben könnte, könne er sich schlichtweg nicht vorstellen: «Nur das nicht!»

«Das ist meine Musik. Mein Sender! Und doch stimme ich wohl Ja.»Heinz Kummli

Das könnte aber bald geschehen. Die No-Billag-Initiative bedroht nicht nur das TV-Angebot der SRG, auch deren Radiosender wären von einem Ja betroffen. Mitsamt der Musikwelle, dem am schnellsten wachsenden Kanal, der vorwiegend Volks- und Blasmusik, Schlager und Operetten, Chansons und Evergreens spielt. Die Hörerschaft (Durchschnittsalter 71 Jahre) ist seit dem Start 1996 stetig gewachsen, der Marktanteil hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf fast 7 Prozent verdoppelt, täglich hören 400'000 Menschen zu. Zum Vergleich: 260'000 sind es bei Radio Energy, dem grössten Privatradio der Schweiz. Damit ist die Musikwelle, die 17 Vollzeitstellen zählt und 2,3 Millionen Franken pro Jahr kostet, nach SRF 1 und 3 die Nummer drei im Radiohaus SRG.

Ein sexy Gefühl

Wenn Moderatorin Christine Gertschen zu Bauer Kummli in seinem Stall spricht, dann sitzt sie auf einem Bürostuhl und schaut in einen Bildschirm. Sie redet mit klarer Stimme und schenkt ihren Sätzen immer wieder Pausen. Mit den Worten «Behäbig und gemütlich, das ist die Musikwelle» moderiert sie ein Lied ab. Sobald Gertschen nicht mehr auf Sendung ist, verschwinden Kommas und Punkte aus ihren Sätzen, das Tempo nimmt zu. Die 56-Jährige beschreibt das «sexy Gefühl», wenn sie auf Sendung geht, sie erzählt vom frühmorgendlichen Anruf eines Lastwagenfahrers, der ihr den Lastwagenfahrergruss beschrieb: saubere Stossstange. «Die Nähe zu den Menschen liebe ich», sagt sie.

Kummli hört am liebsten ihr zu: Da ist der Walliser Dialekt, da sind kaum Versprecher; sie spricht, aber schwatzt nicht, tipptopp. Er ist nicht alleine. Mit dem Sender ist auch Gertschen gewachsen. Kaum jemand hat die Moderatorin noch vor 15 Jahren in der Öffentlichkeit gekannt, heute wird sie im Coop und in der Migros angesprochen, sie ist der Liebling aller Hörer oder eben: Frau Musikwelle. Wenn sie zehn Tage in den Ferien ist, schreiben besorgte Hörer, ob der Frau Gertschen etwas zugestossen sei. Irgendwann hat sie sich aus dem Telefonbuch streichen lassen, weil regelmässig gestandene Männer im Wallis vor der Haustür warteten – sie hatten sich in ihre Stimme verknallt. «Wenn die wüssten, wie ich aussehe, sie wären verchlüpft», sagt Gertschen. Nun klingeln die verschossenen Männer bei der Namensvetterin in Brig.

Liebling der Musikwelle-Hörer: Christine Gertschen hat sich wegen Verehrern aus dem Telefonbuch streichen lassen.

Doch die gute Laune von Gertschen täuscht. Ungewisse Zeiten ziehen auf für den Sender, der sich «Heimat der Volksmusik- und Schlagerfreunde» nennt. Freunde halten zusammen, das weiss man, darum könnten die Musikwelle-Hörer in der No-Billag-Abstimmung eine entscheidende Rolle spielen. Deren Loyalität ist erstaunlich: Als die Volksmusiksendung «Fiirabigmusig» von DRS1 zur Musikwelle abgeschoben wurde, gingen die Hörer mit. Als der Sender plötzlich nur noch mit DAB-kompatiblen Radios hörbar war, erlebten Fust und Interdiscount wahre Kaufräusche. Und wenn es weihnachtet, dann häuft sich auf der Musikwelle-Redaktion die Dankespost. Die volle Pracht schweizerischer Backkunst wird nach Zürich ins Studio geschickt. Guetsli, Zöpfe, Lebkuchen – der Sitzungstisch wird zu einem Gabentempel, wie ihn sonst nur Tombolas am Turnerchränzli kennen.

«Behäbig und gemütlich, das ist unsere Musikwelle.»Christine Gertschen

Jetzt, um neun Uhr in der Früh, verliest Gertschen gerade die Geburtstagswünsche aus dem ganzen Land. Ein Club mit strengen Aufnahmebedingungen: Der Jubilar muss älter als 95 sein. Marie Lanz feiert gerade im Pflegeheim Huttwil ihren Hundertsten, die vier Kinder Hans, Fritz, Marianne und Margrit gratulieren, dann säuselt Fredy Quinn «Weit ist der Weg», später folgt «Lieber Gott, bitte vergiss uns nicht» von Belsy. An den Wänden der Redaktion hängen Bilder von Peter Alexander, Roy Black, Udo Jürgens – sie sind alle tot. Die Helden der Musikwelle sind den Hörern vorangegangen, zurückgelassen haben sie Ohrwürmer, Erinnerungen von früher. Ein Stück Heimat.

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Einen ersten Angriff auf diese Heimat konnte die Hörerschaft noch abwehren. Im Frühling wollte eine Motion der Fernmeldekommission des Nationalrats die SRG-Spartensender abschaffen. Betroffen gewesen wären Radio Swiss Pop, Radio Virus oder eben die Musikwelle. Grund: Die SRG dringe «immer wieder in Marktbereiche vor, die nicht zu ihrem konzessionierten Auftrag gehören». Ein Aufschrei ging durch die Schweizer Stuben: Die in Bern oben wollen uns die Musikwelle wegnehmen. Die Hörer sammelten Unterschriften, schrieben Leserbriefe. Am aktivsten war Katrin Niederberger vom Eidgenössischen Jodlerverband. Jeder Zeitung des Landes hat sie ihre Zeilen geschickt, vom «Schweizer Bauern» bis zur NZZ. Es hat genützt, die Motion wurde zurückgezogen.

Nun kommt mit No Billag der nächste Angriff auf das Stück Heimat. «Ein Ja wäre prekär», sagt Niederberger. Sie hat wieder in die Tasten gegriffen und empfiehlt ihren Mitgliedern ein Nein. Die Verbände der Blasmusikanten und Volksmusiker machen das Gleiche, alle fürchten um die gute Plattform für ihre Musik im Radio.

Guten Morgen Schweiz

Heinz Kummli hat seinen Hof mit den 3 Traktoren, 150 Kühen und Hofhund Rambo mittlerweile dem Sohn verkauft. Der höre im Melkstall lieber Radio 32, einen lokalen Sender. «Das ist einfach nichts», sagt Kummli. Viel Werbung, viel Gschnorr und die falsche Musik. Die Musikwelle aber sei werbefrei, habe gute und schlanke Nachrichten, dazu kaum englische Lieder, wobei «Ob-La-Di Ob-La-Da», das höre auch er gerne. Und ja, die Musik beruhige auch die Kühe, die mögen das. Geben sie deswegen auch mehr Milch? Kummli lacht, schüttelt den Kopf – schön wäre es ja schon.

Um 5.30 Uhr schaltet er das Radio ein, erster Melkgang; um 6 geht Gertschen gewöhnlich auf Sendung, guten Morgen Schweiz. Die beiden sind sich nah, es scheint gar, sie brauchen einander. Ohne Gertschen kein guter Tag für Kummli. Ohne Kummli kein Job für Gertschen. Doch die Harmonie täuscht.

Bauer Kummli hat seine Mühe mit der No-Billag-Initiative. Entweder 0 Franken oder 450 Franken, das finde er einfach eine schlechte Auswahl. Kummli ist im Ungewissen, er schwankt, aber ja, Geld sei im Leutschenbach verbrannt worden, bei ihm als Privater müsse Ende Monat auch die Rechnung stimmen. Auf der anderen Seite die Musikwelle, die Herzensangelegenheit. Kummli sagt: «Ich stimme wohl Ja.» Und die Musikwelle? «Die wird überleben, die kann nicht sterben, die vergangenen Abstimmungen haben doch gezeigt, dass die Initiativen nie so hart umgesetzt werden wie angedacht.» In diesen Sätzen (und zwischen den Zeilen) steht etwas, das Gertschen, die No-Billag-Gegner, ja die Schweiz beschäftigen sollte. Die Leute nehmen die Politik nicht mehr ernst.

Bangnis in der Redaktion

«Die Abstimmung macht Angst», sagt Moderatorin Gertschen. Beim Kaffee, am Zmittag, an den Sitzungen wird bei ihnen darüber gesprochen. Am liebsten würde Gertschen manchmal ins Mikrofon schreien: «Hey, wisst ihr da draussen eigentlich, dass auch die Musikwelle betroffen ist?» Darf sie aber nicht, die SRG hält sich mit politischen Empfehlungen zurück, «das ist auch gut so», sagt Gertschen. Aber ja, sie ist besorgt, dass viele Hörer den Zusammenhang zwischen No Billag und der Musikwelle nicht kennen. Und diejenigen, die es wissen, rufen an und jammern: Nein, unser Radio können sie uns doch nicht auch noch nehmen. Ihr seid noch meine einzige ­Familie.

Darum, manchmal, immer dann, wenn die Abstimmung vom 4. März besonders an Christine Gertschen nagt, wagt sie es und verabschiedet sich am Ende ihrer Moderation so: «Die Musikwelle, ein Radiosender der SRG.»


Video – Plan B der No-Billag-Initianten

Die SRG kann aus Sicht der No-Billag-Initianten auch ohne Gebührengelder überleben – mit Werbung und staatlicher Förderung. (Video: Tamedia mit Material der SDA)

Erstellt: 29.01.2018, 17:52 Uhr

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