«Was ich hier verdiene, reicht mir für den Rest des Jahres in Ungarn»

Ákos Vámosi arbeitet im Winter im Hotel Aspen in Grindelwald für 4000 Franken monatlich. Für ihn geht die Rechnung auf – Unia sieht das Kurzaufenthalter-Business kritischer.

Er ist mit seiner Situation zufrieden: Saisonarbeiter Ákos Vámosi zapft Bier im Hotel Aspen in Grindelwald. Foto: Adrian Moser

Er ist mit seiner Situation zufrieden: Saisonarbeiter Ákos Vámosi zapft Bier im Hotel Aspen in Grindelwald. Foto: Adrian Moser

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Das Glas unter den Zapfhahn, kurze Zeit später ist die Stange Bier für den Gast parat, verlockender Schaum inbegriffen. Die Handgriffe bei Ákos Vámosi sitzen perfekt. Ein bisschen Übung darin hat er ja bereits, schliesslich hat er die Saisonstelle in Grindelwald bereits Anfang Dezember angetreten.

Vámosi ist 30-jährig, Ungar und einer von Tausenden. Früher nannte man sie Saisonniers, seit der Jahrtausendwende spricht man offiziell von Kurzaufenthaltern. Sie kommen für vier Monate bis maximal ein Jahr in die Schweiz, früher vor allem aus Deutschland, Italien und Portugal. Inzwischen stammen sie immer häufiger auch aus osteuropäischen Staaten wie Polen oder Rumänien.

Sie sind vor allem dann gefragt, wenn auf einen Schlag viel Arbeit anfällt. Sprich: im Gastgewerbe während der Hochsaison. Im Kanton Bern ist vor allem das Oberland als klassische Tourismusregion auf Arbeiter wie Vámosi angewiesen. Aktuell läuft das Geschäft mit den Skitouristen aus aller Welt gerade wieder auf Hochtouren.

Sparen fürs Leben zu Hause

Ákos Vámosi ist zufrieden mit seiner Situation. Sein Arbeitgeber, das Hotel Aspen, bezahlt ihm ein Bruttogehalt von 4000 Franken pro Monat. Damit verdient er rund 500 Franken mehr, als der Gesamtarbeitsvertrag (GAV) fürs Gastgewerbe für Angestellte ohne entsprechende Berufsausbildung als Minimallohn vorsieht.

Davon leistet er sich auf eigene Rechnung im Dorf unten eine kleine Bleibe, den Rest spart er. «Was ich hier in diesen vier Monaten verdiene, reicht mir für den Rest des Jahres in Ungarn für ein Leben, wie ich es mir immer erträumt habe.» Von Mai bis November habe er zu Hause keine feste Arbeit, er mache dies und das und gehe seinem Vater zur Hand. In Ungarn könnte er in einem gut bezahlten Job umgerechnet 1200 Franken pro Monat verdienen.

«Dafür müsste ich aber rund zwölf Stunden pro Tag arbeiten.» In Grindelwald erhalte er mehr als das Dreifache und habe in der Regel nach neun Stunden Feierabend. «Klar gibt es auch hier Ausnahmen, das gleicht sich aber bis Ende Saison wieder aus.»

Vámosi hat vor, diesen Lebensentwurf die nächsten paar Jahre so zu leben. Zu Hause hat er ein landwirtschaftliches Studium abgeschlossen und könnte etwa als Wildhüter arbeiten. «Die beruflichen Perspektiven in Ungarn sind aber nicht so gut.»

Ansturm bei der RAV

Jedes Jahr kommen mehrere Tausend Gastarbeiter als Kurzaufenthalter in den Kanton Bern. Per 31. Dezember 2018 waren knapp 2200 arbeitsberechtigt. Das geht aus den Zahlen des Staatssekretariats für Migration hervor. Aus den Daten lässt sich zwar nicht herauslesen, wie viele dieser Saisonarbeiter im Gastgewerbe im Berner Oberland landen. Schätzungsweise ist es jedoch ein erheblicher Teil.

Das vermutet auch Martin Studer. Er ist Leiter der regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) im Berner Oberland. «Jeweils im Herbst und im Frühling, wenn die Hochsaison zu Ende geht, steigt die Zahl von Arbeitsuchenden in den RAV in Spiez und Interlaken spürbar.»

«Es kommt immer wieder vor, dass Arbeitgeber zu viel für Kost und Logis abziehen.» Giuseppe Reo, Regionenleiter der Unia im Berner Oberland

Viele Kurzaufenthalter seien dann auf der Suche nach einer weiteren Saisonstelle. «Aus dieser Beobachtung schliesse ich, dass im Berner Oberland sehr viele Kurzaufenthalter beschäftigt sind und diese für den lokalen Tourismus relevant sind.»

Das bestätigt Stefan Grossni­klaus. Er ist nicht nur Gastgeber im Hotel Aspen in Grindelwald und Chef von Ákos Vámosi, sondern auch Präsident des Hoteliervereins Berner Oberland. «Gerade im Winter setzen hier sehr viele Hoteliers und Wirte auf ausländische Kurzaufenthalter. Ohne sie wäre es schwierig, die Spitzen zu brechen.»

Und warum findet man das nötige Personal nicht in der Schweiz? «Weil wir – wie praktisch jede Branche – unter einem Fachkräftemangel leiden. Und weil viele Schweizer solche Jobs nicht wollen.»

Er sieht diese Behauptung gestützt durch seine Erfahrungen mit den RAV-Zentren: «Wir müssen jede Stelle, die wir besetzen wollen, zuerst dem RAV melden, damit sie Schweizer Stellensuchende vermitteln können.»

Ist überzeugt, dass die Spitzenzeiten im Winter ohne Saisonarbeiter nicht zu schaffen wären: Hotelier Stefan Grossniklaus. Foto: Adrian Moser

Im Hotel Aspen habe dies noch nie zum Erfolg geführt. «Und bei meinen Kollegen auch praktisch nie», so Grossniklaus. Deshalb lanciere man dann eine Onlineausschreibung, woraufhin sich jeweils potenzielle Kurzaufenthalter melden würden. Das Hotel Aspen beschäftigt derzeit fünf von ihnen.

Kritik von der Unia

Ákos Vámosi ist zufrieden, Stefan Grossniklaus ist zufrieden. Es gibt aber auch die kritischen Stimmen. Jene von Giuseppe Reo etwa, Regionenleiter der Unia im Berner Oberland. Er wirft den Hoteliers und Gastronomen zum Teil vor, sich bei der Anstellung von Kurzaufenthaltern nicht immer an die GAV-Bestimmungen zu halten.

«Es kommt immer wieder vor, dass Arbeitgeber zu viel für Kost und Logis abziehen.» Reo erzählt von einer fast schon baufälligen Kleinwohnung mit vier Betten. «Alle vier Gastarbeiter mussten je 500 Franken pro Bett bezahlen. Das ergab am Schluss eine Wohnungsmiete von 2000 Franken, was absolut überrissen ist.»

Das grösste Problem ist für die Gewerkschaft jedoch die Arbeitszeit. «Unsere Klienten erzählen uns immer wieder, dass sie gerade in der Hochsaison deutlich längere Schichten schieben müssen als erlaubt.» Der GAV fürs Gastgewerbe sieht grundsätzlich eine 42-Stunden-Woche vor.

Für Saisonbetriebe sind es 43½ Stunden, in Kleinbetrieben mit weniger als fünf Beschäftigten maximal 45 Stunden. Diese Bestimmungen würden auch im Berner Oberland regelmässig verletzt.

Stefan Grossniklaus nimmt seine Branche in Schutz und spricht «von einzelnen schwarzen Schafen», die keinem Branchenverband angehören würden. «Solche gibt es leider überall. Unsere Mitglieder wenden den GAV jedoch korrekt an, davon bin ich überzeugt.»

Für Ákos Vámosi nimmt derweil die Arbeit zu. Es ist mittlerweile Abend geworden. Die Hotel- und Restaurantgäste gönnen sich an der Bar einen Aperitif, bevor sie an den Tisch wechseln. Geht es nach ihm, kommt er nächstes Jahr wieder. Um sich sein Leben in der Heimat zu verdienen.

Das Saisonnierstatut
Das Saisonnierstatut von 1934 regelte die Vergabe von Kurzaufenthaltsbewilligungen für ausländische Arbeiter in der Schweiz. Es ermöglichte Schweizer Unternehmen, ausländische Arbeiter während weniger Monate (einer Saison, daher die Bezeichnung) in der Schweiz zu beschäftigen.

Hinter dem Statut stand die Idee, ausländische Arbeitskräfte für die Schweizer Wirtschaft zu gewinnen, ohne dass sich diese langfristig in der Schweiz niederliessen. Das war besonders für Wirtschaftszweige attraktiv, die von starken jahreszeitlichen Schwankungen betroffen waren, zum Beispiel das Gastgewerbe in den Wintersportorten.

Das Saisonnierstatut wurde 1991 für Personen von ausserhalb der Europäischen Gemeinschaft aufgehoben. Nach dem Inkrafttreten des Personenfreizügigkeitsabkommens zwischen der Schweiz und der Europäischen Union am 1. Juni 2002 verlor die bisherige Regelung auch für EU-Bürger ihre Gültigkeit.

Erstellt: 06.03.2019, 12:19 Uhr

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