Er versteckt sich, obwohl er viel zu sagen hätte

René Schuhmacher, Urheber der Pro-Service-public-Initiative, ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt, obwohl er das Stimmvolk schon einmal auf seiner Seite hatte.

Ein grosser Unbekannter: René Schuhmacher, Verleger und «Pro Service public»-Initiant. Foto: Marc Wetli (13 Photo)

Ein grosser Unbekannter: René Schuhmacher, Verleger und «Pro Service public»-Initiant. Foto: Marc Wetli (13 Photo)

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«Er ist fast ein Phantom.» Dies sagt TV-Talkmaster und Radiomacher Roger Schawinski über einen, den er seit über 40 Jahren kennt: René Schuhmacher, Zürcher Verleger des «K-Tipps» und wichtigster Initiant der Volksinitiative Pro Service public, über die am Sonntag abgestimmt wird. Schawinski lud ihn in seine Talkshow ein. Doch Schuhmacher lehnte ab, mit der Begründung, er schulde seiner Frau Ferien. «Das muss man sich vorstellen», wundert sich Schawinski, «die Schweiz stimmt über seine Volksinitiative ab, doch er reist mit seiner Frau in die Ferien!»

Erst später habe er herausgefunden, warum Schuhmacher nicht auftreten wollte: «Ihm flattern wohl die Nerven!» Auch das sei bemerkenswert, sagt Schawinski. «Schuhmacher plädiert als Anwalt häufig erfolgreich vor Gericht, aber vor jedem Mikrofon kriegt er weiche Knie.» Tatsache ist, dass Schuhmacher es seinem engsten Mitarbeiter, Peter Salvisberg, überlässt, die Initiative öffentlich zu vertreten. Schuhmacher wolle aus Prinzip nicht im Vordergrund stehen. «Er sieht sich selber nicht als wichtig. In 25 Jahren hat er ein einziges Interview gegeben.»

73 Prozent Nein zu tiefen Renten

Das letzte Interview gab Schuhmacher 2010, der Anlass war ebenso einzigartig: Das Stimmvolk lehnte damals eine Senkung der Renten mit 73 Prozent wuchtig ab. Technisch ging es um ein Nein zur Senkung des Mindestumwandlungssatzes, der bei der Berechnung der Rente aus dem Alterskapital verwendet wird. Schuhmacher merkte, dass das Parlament falsch lag, als es 2008 beschlossen hatte, diesen Umwandlungssatz auf 6,4 Prozent zu senken. So ergriff sein «K-Tipp» das Referendum und brachte innert dreier Monate 70'000 Unterschriften zusammen – doppelt so viel wie die SP und die Gewerkschaften zusammen. Die Medien schreiben seither den Abstimmungssieg den Linken zu – dabei war es ein Triumph des Aussenseiters Schuhmacher über die Politik.

Ähnliches wiederholte sich mit der Pro-Service-public-Initiative, nur extremer. Niemand in Parlament wollte sie, doch Umfragen zeigen, dass ungefähr die Hälfte aller Stimmenden seine Kritik an den staatsnahen Betrieben teilt. Die Liberalisierung der Staatsbetriebe in den Neunzigerjahren habe zum Niedergang der öffentlichen Dienste von Post, SBB und Swisscom geführt, sagt Schuhmacher. Woher nimmt er die Gewissheit?

Tagesanzeiger.ch/Newsnet wollte Schuhmacher besuchen, um Fragen zu stellen. Es dauerte sechs Wochen, bis er zum Gespräch bereit war – aber nur telefonisch. Dafür dauerte es fast zwei Stunden und zeigte, dass Schuhmacher der Öffentlichkeit viel zu sagen hätte – und zwar nicht nur zum Service public. «Wir gehen an keine Pressekonferenzen und lassen uns von keinem Politiker beeinflussen. Unser journalistischer Input kommt zu 100 Prozent von den Lesern!» Eine wichtige Quelle sind die Beratungsgespräche der «K-Tipp»-Hotline. Sieben Stunden pro Tag, fünf Tage die Woche beantworten 15 Juristen in Zürich und Lausanne gratis Fragen, die die Bürger im Kontakt mit Behörden und Firmen beschäftigen. «Wir haben jährlich Kontakt mit weit über 50'000 Menschen», sagt Schuhmacher. Darin begründet er das Mandat für politische Initiativen.

Einziger unabhängiger Verleger

Aus dieser Quelle, dem Leser, schöpft er, seit es ihn beruflich gibt. Zuerst war er Rechtsberater der Migros-Zeitung «Die Tat», wo 1978 Schawinski als Chefredaktor sein Vorgesetzter war. Später stiess er – ebenfalls als Rechtsberater – zum «Tages-Anzeiger». Dann gründete er zusammen mit dem späteren eidgenössischen Datenschützer Hanspeter Thür das Juristenmagazin «Plädoyer». 1991 wurde der «K-Tipp» aus der Taufe gehoben. Mit den Jahren kamen das Westschweizer Pendant «Bon à savoir», der «Gesundheitstipp», der «Kulturtipp» und die Eigenkonkurrenz «Saldo» dazu. Ins Auge stach das Geschäftsmodell: ein Jahresabo von 20 Ausgaben für 20 Franken. «Dass der Konsumratgeber pro Ausgabe nur 1 Franken kostete – Rechtsberatung inklusive –, brachte uns viel Zuspruch.» Die Leserzahl schnellte hoch. Aus dem Rechtsberater wurde ein vermögender Unternehmer. «Aus Geld macht er sich aber nichts», sagen Freunde übereinstimmend.

Seine Titel erreichen inzwischen alle zwei Wochen über 1,2 Millionen Leser. Freunde und Gegner äussern sich mit viel Respekt. «Er ist ein cleverer Geschäftsmann», «Er ist der letzte echt unabhängige Verleger der Schweiz», «Er ist hartnäckig und unbeugsam», so drei Stimmen über ihn. Diesen Ruf erstritt er sich unter anderem, als ihn zwei Geschäftspartner zwischen 1998 und 2001 aus dem «K-Tipp»-Verlag drängen wollten. Er klagte sie als Minderheitsaktionär ein und gewann den Verlag 2001 zurück.

«Kann schlecht Nein sagen»

Strebt er nach Macht? «Nein, er strebt nach Einfluss in Bereichen, von denen er glaubt, dass sie die Menschen beschäftigen», sagt einer, der ihn gut kennt. Schuhmacher selbst sagt, er habe «vor allem das Problem, schlecht Nein sagen zu können». Deshalb ist er wohl auch bereit, erneut ein Referendum gegen die geplante Altersreform 2020 zu ergreifen. Wieder geht es um die Senkung des Rentenumwandlungssatzes, und er sagt, dass es «nach wie vor keine stichhaltigen Gründe» gebe, warum das Volk der Rentensenkung zustimmen müsste, «auch nicht die falsche Behauptung einer generellen Umverteilung in den Pensionskassen». Mit dieser als historisch eingestuften Reform dürfte er sich den Ärger einfluss­reicher Kreise einhandeln.

Doch die «Classe politique» in Bern hat ihn als Gegner noch nicht bemerkt. Stattdessen hofieren die Bürgerlichen und Arbeitgeber die SP und Gewerkschaften. Schuhmacher zu unterschätzen, dürfte sich als taktischer Fehler erweisen, so wie im Vorfeld der Pro-Service public-Initiative. Daran ändert auch nichts, dass ihm vor Auftritten die Nerven flattern.

Erstellt: 31.05.2016, 23:47 Uhr

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