Fester Job, eigene Wohnung – da kommt der Brief

Als Abdulatif Ibrahim am Morgen zur Arbeit kommt, zeigt er seinem Chef das Schreiben: Er muss zurück nach Äthiopien.

Abdulatif Ibrahim verpackt bei der Firma Mungo Dübel. Mit seinen Arbeitskolleginnen versteht er sich gut. <nobr>Fotos: Raisa Durandi</nobr>

Abdulatif Ibrahim verpackt bei der Firma Mungo Dübel. Mit seinen Arbeitskolleginnen versteht er sich gut. Fotos: Raisa Durandi

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Seine Einzimmerwohnung bezahlt er selbst. Und wenn Abdulatif Ibrahim Ende Monat den Briefkasten leert, dann fischt er keine Zahlungsbestätigung des Sozialamts raus, sondern eine Lohnabrechnung der Firma Mungo, in der er Dübel verpackt, fünf Tage die Woche. Abdulatif Ibrahim – das ist ein 21-jähriger Migrant aus Äthiopien, der den Staat nichts mehr kostet und der angekommen ist in Härkingen im Kanton ­Solothurn, dieser Gemeinde mit gut 1500 Einwohnern, die wegen ihres Autobahnkreuzes ein Stammgast in den Staumeldungen ist.

Anfang August erhält Ibrahim einen Brief aus Bern, Absender: Staatssekretariat für Migration (SEM). Es schreibt: «Ihr Asylgesuch wurde abgelehnt. Sie sind verpflichtet, die Schweiz zu ver­lassen.» Am Tag danach fährt der junge Mann wie jeden Morgen mit dem Bus nach Olten zur Arbeit. Er erzählt seinem Chef vom Brief, Reto Pfister, Produktionsleiter bei Mungo, der ihn eingestellt hat. Pfister trommelt in der Pause die Mitarbeiter zusammen und sagt: «Abdulatif muss gehen. Wir hoffen für ihn.»

Fester Job, eigene Wohnung, ge­brochenes Deutsch – bei Ibrahim würde man von geglückter Integration sprechen. Warum muss er trotzdem gehen?

4000 Franken – wenn er geht

Alles, was er sich hier in Härkingen erarbeitet hat, spielt beim Asylentscheid keine Rolle. Alles, was zählt, ist die Situation in Äthiopien. Die Lage dort habe sich stabilisiert, sagt das SEM. Es sei nicht davon auszugehen, dass Ibrahim bei einer Rückkehr inhaftiert oder unmenschlich behandelt werde.

Anfang Jahr hat die Schweiz mit Äthiopien eine Vereinbarung unterschrieben, Asylsuchende können seither wieder nach Äthiopien zurück­geschickt werden. Zuvor war dies jahrelang praktisch unmöglich. Die Schweiz organisiert den Flug, sie zahlt 1000 Franken Rückkehrhilfe am Flughafen in der Schweiz und noch einmal 3000 Franken, wenn die Abgewiesenen in Addis Abeba landen – sozusagen als Startkapital für ein neues Leben in der alten Heimat.

Achtzehn Äthiopier haben die Schweiz in diesem Jahr bereits freiwillig verlassen, drei wurden gezwungen, einige sind untergetaucht.

Abdulatif Ibrahim war Praktikant bei Mungo, dann wurde er angestellt.

Für das SEM ist Abdulatif Ibrahim ein Asylsuchender mit N-Ausweis. Wenn André Grolimund über ihn und die anderen Asylsuchenden in Härkingen spricht, sagt er «unsere Jungs». Grolimund ist der stellvertretende Gemeindepräsident und Ressortchef Asylwesen in Härkingen. Er vertritt die Freie Liste, politisch irgendwo in der Mitte, aber das sei im Gemeinderat sowieso nicht wichtig. Grolimund ist einer, der straffällige Asylbewerber sofort ausschaffen würde. Eine harte Hand im Asylwesen findet er nötig. Und trotzdem kann er nicht verstehen, dass gut integrierte Migranten wie Abdulatif Ibrahim Härkingen verlassen müssen.

«Wir schicken unsere Jungs in Dutzende Deutschkurse, helfen ihnen bei der Stellensuche und richten ihre Wohnung ein. Dann müssen sie zurück, und alles war für nichts.» Er ist frustriert, fühlt sich ohnmächtig, wie in einem falschen Film. Was bringt Abdulatif Ibrahim die deutsche Sprache in der äthiopischen Pampa? Schicken wir die Richtigen zurück? Wieso die ganze Integration? Solche Fragen stellt sich André Grolimund.

Für ihn ist klar: Mit den Asylsuchenden, die hier sind, muss Härkingen das Beste machen. Er nimmt sie mit zum ­lokalen Fussballclub, wo er selbst Vereinsmitglied ist, weil er will, dass sie hier ankommen.

Doch Grolimund zweifelt, ob der finanzielle, personelle und vor allem emotionale Integrationsaufwand der Schweiz etwas bringt. Firmen, die Asylsuchende einstellen, wissen nicht, ob ihre Mitarbeiter plötzlich ausgewiesen werden. Und Vermieter finden ihre Wohnungen vom einen auf den anderen Tag leer vor. Das sei unbefriedigend. Für alle.

Er hat Beschwerde eingereicht

Abdulatif Ibrahim bleibt noch eine letzte Chance. Er hat eine Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht. Die Rechtsberatung des Hilfswerks der evangelischen Kirchen Heks hilft ihm dabei. Ibrahim bat seinen Chef Reto Pfister um ein Zwischenzeugnis. Zuverlässig und belastbar sei er, heisst es dort. Mündlich sagt Pfister es dann so: «Der junge Mann macht einen guten Job, gopferdelli!»

Hat er nichts zu tun, organisiert er sich selbst seinen nächsten Auftrag, versteht er nichts, fragt er nach, auf Deutsch, obwohl er nur gebrochen spricht. Erst einmal sei sein Mitarbeiter krank gewesen. «Da hat er mir schon um vier Uhr in der Nacht eine Nachricht geschickt», sagt Pfister. Das schätze er.

Mit der eigenen Wohnung machte Abdulatif Ibrahim «einen riesigen Gump», sagt seine Betreuerin der Gemeinde Härkingen.

Migranten, die auf ihren Asylentscheid warten, dürfen nach drei Monaten Aufenthalt in der Schweiz arbeiten, wenn sie eine Bewilligung erhalten. Zuerst war Abdulatif Ibrahim bei Mungo Praktikant, er hängte sich rein, interessierte sich für die Dübel. Dann wurde eine Stelle frei. Wieso ausschreiben, wenn der perfekte Mann dasteht? Und schon war er angestellt: Mitarbeiter in der Handpackerei, von seinem Team ­geschätzt. Wenn alle am Freitag im ­Mövenpick-Restaurant essen oder zusammen Bowling spielen, ist Abdulatif Ibrahim immer dabei.

«Seit er arbeitet und in seiner eigenen Wohnung wohnt, hat er einen riesigen Gump gemacht», sagt Renate Dennler, die Abdulatif von der Gemeinde aus betreut, seit er in Härkingen angekommen ist. Er sei heute nicht mehr so scheu, nicht mehr so misstrauisch und auch viel selbstständiger. Jeden Donnerstag geht Renate Dennler bei ihm vorbei. Mal hilft sie bei Rechnungen, mal bringt sie Neocitran, meistens braucht er keine Hilfe mehr.

Ibrahim hat immer alles darangegeben, sich in der Schweiz einzuleben.

Abdulatif Ibrahim hat ihr auch schon Bilder von Äthiopien gezeigt. Dort, wo er wohnte, seien keine Häuser, nicht mal Zelte, sagt Dennler. Doch sie weiss auch: Von Härkingen aus kann sie die Lage nicht beurteilen. Sie weiss nur, dass Ibrahim immer alles darangegeben hat, sich hier einzuleben.

Ibrahim sagt, er sei im Jahr 2016 aus Äthiopien in die Schweiz geflohen, weil er von der Regierung unterdrückt wurde. Sein Vater sei von Funktionären ­abgeholt und umgebracht worden, sein Bruder bei einer Demonstration ge­tötet. Er selbst habe auch an Protesten teil­genommen und sei dann verhaftet ­worden. Doch ihm erging es besser. Mit anderen Häftlingen konnte er ein Tor aufbrechen und flüchten. Ein Freund des Vaters half bei der Ausreise. Schlepper brachten ihn über den Sudan, Ägypten und Italien in die Schweiz.

Untergetaucht

Die Rückführungen nach Äthiopien verliefen immer noch zu langsam, lässt das SEM verlauten. 328 Äthiopierinnen und Äthiopier, deren Ausweisung rechts­kräftig ist, sind noch immer hier. Seit diesem Sommer arbeitet ein Rückkehrspezialist auf der Schweizer Botschaft in Addis Abeba. Er soll helfen, den Prozess zu beschleunigen.

Abdulatif Ibrahims Asylgesuch wird nach dem alten Gesetz bearbeitet. Bei allen Migranten, die nach diesem März in die Schweiz gekommen sind, gilt das beschleunigte Asylverfahren. So werden die Asylsuchenden in der Regel gar nicht mehr auf Gemeinden verteilt. Innerhalb von maximal 140 Tagen wird das Verfahren in Bundesasylzentren durch­geführt. Im Vergleich zu vorher sollen die Asylsuchenden so rascher wissen, ob sie bleiben können.

Bis das Gericht seine Beschwerde bearbeitet hat, darf Abdulatif Ibrahim in der Schweiz bleiben. Wie lange die Bearbeitung geht, ist unklar. Erfahrungsgemäss kann das Wochen oder Monate dauern.

Dass Ibrahim überhaupt nach Hause geht, glaubt André Grolimund nicht: «Niemals wird er mit den Koffern an der Bushaltestelle in Härkingen stehen und dann gemütlich in den Linienflug nach Äthiopien steigen.» Ein anderer Asylbewerber, der lange in Härkingen war, sei untergetaucht, als das Datum seiner Abreise feststand. Einige Kleider habe er in der Wohnung zurück­gelassen. Wo bist du? Was ist los? Keine Antwort. Alles für nichts.

Erstellt: 01.10.2019, 16:47 Uhr

Das beschleunigte Asylverfahren

Menschen, die nicht auf Schutz angewiesen sind, sollen die Schweiz rasch wieder verlassen. Dafür soll die Integration bei jenen Personen früher einsetzen, die dauerhaft hier bleiben dürfen. Dieses Ziel verfolgt die Schweiz mit dem revidierten Asylgesetz, das seit vergangenem März in Kraft ist. Zwei Drittel der Stimmbevölkerung haben es 2016 angenommen. In 140 Tagen werden die meisten Asyl­verfahren in einem Bundesasylzentrum abgeschlossen. Die Asylsuchenden werden nur noch auf die Kantone verteilt, wenn weitere Abklärungen nötig sind. (tiw)

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