Er will mehr Sicherheit auf dem gefährlichsten Platz der Schweiz

Vor dem Bahnhof Basel werden Trams für Fussgänger zur Gefahr. Bei der geplanten Sanierung wollte die Regierung daran nichts ändern. Dann kam Urs Müller.

Die Verkehrssituation auf dem Platz vor dem Basler Bahnhof sei untragbar, sagt Urs Müller. Foto: Nicole Pont

Die Verkehrssituation auf dem Platz vor dem Basler Bahnhof sei untragbar, sagt Urs Müller. Foto: Nicole Pont

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Urs Müller steht auf dem Centralbahnplatz in Basel: gross, kräftig, ein roter Schal um den Hals. Der Schal ist sein Markenzeichen, mit dem knallroten Kleidungsstück sass Müller während 16 Jahren im Kantonsparlament, so kennt ihn ganz Basel.

Urs Müller ist eigentlich wie ein Fels in der Brandung, für gewöhnlich die Ruhe selbst. Der Sohn eines Schuhmachers hat in seiner politischen Karriere stets die Begegnungen mit Menschen dem intellektuellen Gespräch vorgezogen. Doch jetzt ist er wütend. «Dieser Platz ist gefährlich», sagt er. Er fährt mit dem Velo fast täglich darüber oder begleitet seine gehbehinderte Schwester zum Zug.

Tatsächlich hat das Bundesamt für Verkehr die Tramhaltestelle auf dem Platz vor dem Bahnhof Basel schon im Herbst 2017 als die gefährlichste der Schweiz eingestuft. Der Grund sind zwei Tramlinien, die direkt vor dem Eingang zum Bahnhof quer über den Platz führen. «Baudirektor Hans-Peter Wessels hätte genügend Zeit gehabt, um Massnahmen einzuplanen, sagt Urs Müller.

Den Bau blockieren

Der Baudirektor. Auf ihn sind derzeit in Basel Politiker aller Couleur schlecht zu sprechen. Über den Centralbahnplatz wird seit Wochen gestritten. Wessels hatte in die Wege geleitet, dass auf dem Centralbahnplatz die Sanierung der Tramgleise ab Ende März erfolgen soll, ohne dass die Gefahrenlage entschärft wird. Es hagelte im Basler Grossen Rat Vorstösse.

Ausserdem haben der Behindertendachverband Inclusion und Urs Müller eine Einsprache verfasst, um den Bau zu blockieren. Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Inclusion ist nicht einverstanden, wie der behindertengerechte Trameinstieg gestaltet werden soll. Urs Müller jedoch akzeptiert nicht, dass eine Baustelle auf dem Centralbahnplatz aufgerissen wird, ohne dass gleichzeitig die Voraussetzung für mehr Sicherheit geschaffen wird.

Der ehemalige Grossrat der linksgrünen Partei Basta hat schon im vergangenen Jahr einen Vorschlag öffentlich gemacht, den er gemeinsam mit Fachleuten entwickelt hat. «Müller-Gleis» nennen die inzwischen zahlreichen Kämpfer für einen besseren Centralbahnplatz den Plan. Er geht so: Heute queren die Tramlinien 1 und 8, die von der Markthalle herkommen, den Platz direkt vor dem Bahnhofeingang. Und machen ihn so zur Gefahrenzone. Diese zwei Linien sollen gemäss Müllers Vorschlag in Zukunft anders geführt werden. Beide könnten so die Haltestelle vor dem Bahnhof weiter bedienen, müssten den Platz aber nicht mehr queren. Für seinen Plan brauche es nur wenige bauliche Eingriffe und es wäre viel erreicht, sagt Müller.

Urs Müller fährt mit dem Velo fast täglich über den Platz oder begleitet die gehbehinderte Schwester.

Er ist mit dieser Haltung nicht allein: Eine Verbesserung der Lage in der Gefahrenzone Bahnhof sei dringend nötig, sagen viele Politiker. Am Mittwoch wurde im Kantonsparlament stillschweigend eine Motion mit diesem Anliegen überwiesen. Alle Fraktionen standen geschlossen dahinter, und die Regierung war bereit, sie entgegenzunehmen. Sie muss jetzt innert dreier Monate eine Antwort vorlegen, wie der Centralbahnplatz schnellstmöglich entschärft werden kann.

Doch der Streit bleibt. In einer Woche möchte das Baudepartement mit der umstrittenen Renovierung der Tramschienen beginnen. Baudirektor Hans-Peter Wessels argumentierte am Mittwoch im Parlament, es eile, da 80 Prozent der Schienen in einem alarmierenden Zustand seien. Da könne man nicht zuwarten, bis die Verfahren für einen Gleisneubau durch sind, denn dies würde zwei, drei Jahre dauern.

Beat Leuthardt, der die Motion eingereicht hat, widerspricht. Bis Dezember 2020 sollten Planung und Bewilligungsverfahren durch sein. «Ende 2021 kann der Vorplatz zum Bahnhofgebäude tramfrei sein», sagt Leuthardt, der wie Urs Müller Basta angehört.

Die Chancen stehen 50:50

Der Direktor der Basler Verkehrsbetriebe habe bestätigt, dass sie bald so weit sein könnten, sagt Leuthardt. Und aus dem Bundesamt für Verkehr sei die Bestätigung gekommen, dass die Bewilligung, falls in Basel alle am gleichen Strick ziehen, in drei bis sechs Monaten erteilt werden könne. «Wenn Wessels nicht bis Dezember eine Vorlage bereit hat, werden wir den Volkswillen durchzusetzen wissen», sagt er. Er wisse, dass auch im Baudepartement mehrere Verwaltungsangestellte nicht damit einverstanden seien, wie der Baudirektor das Anliegen verschleppe.

Jetzt wird spekuliert, wie weit die wegen der Einsprachen aufschiebende Wirkung erhalten bleibt. Die Behindertenorganisation Inclusion ist noch in Verhandlungen, zeigt jedoch Bereitschaft, die Einsprache zurückziehen, sobald ihre Forderungen erfüllt sind. Urs Müller jedoch sieht momentan keinen Anlass dazu – schliesslich gilt er nicht umsonst als Fels in der Brandung.

Das Bundesamt für Verkehr könnte die aufschiebende Wirkung zwar aufheben, müsste diesen Entscheid den Einsprechern jedoch schriftlich mitteilen. Das ist noch nicht geschehen. So steht auf der Kippe, ob die Sanierung der Gleise wie geplant in einer Woche gestartet werden kann. Die Chancen ständen 50:50, sagte der Baudirektor.

Erstellt: 24.03.2019, 19:55 Uhr

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