Er wird beschimpft, weil er sich für Tempo 30 einsetzt

Der Krienser Dominik Hertach will eine beruhigte Hauptstrasse. Sein Kampf gegen den Lärm hat ihn zur Zielscheibe gemacht.

Bitte langsamer. Dominik Hertach möchte die Hauptstrasse in Kriens zu einer Tempo-30-Zone umbauen. Foto: Dominique Meienberg

Bitte langsamer. Dominik Hertach möchte die Hauptstrasse in Kriens zu einer Tempo-30-Zone umbauen. Foto: Dominique Meienberg

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500 Meter lang ist das Ärgernis, diese Spur des Frusts. Die Luzernerstrasse. Eine Hauptstrasse mitten durch Kriens, gebaut mit Splittmastix, einem Asphalt, der Lärm schlucken soll. Dominik ­Hertach kann darüber nur lachen. «Dieser Splittmastix ist für die Füchse – er wirkt gar lärmverstärkend», sagt er. Er redet aus Erfahrung. Er wohnt hier. Die Alarmwerte würden regelmässig überschritten. «Deutlich», sagt Hertach. Besonders kräftige Autos erreichen weit über 80 Dezibel. Das ist, als würde man einer Holzfräsmaschine zuhören.

Hertach läuft die 500 Meter ab, vorbei an zwei Traktoren, drei Schwertransportern und einer kaum zählbaren Menge an Autos. Er setzt zu einem Plädoyer gegen den Strassenlärm an, als ein Vierzigtönner vorbeidonnert und ihn zum Schweigen bringt. «Manchmal hält man es kaum aus», sagt er. Hertach hat ein Problem, das er mit seinen Nachbarn teilt. Er kann schlecht schlafen. Das möchte er ändern und fordert darum Tempo 30 auf der Hauptstrasse – doch der Kanton Luzern windet sich.

Entlang von Schweizer Hauptstrassen gibt es kein emotionaleres Thema als Tempo 30. In Zürich, Basel und Bern, aber auch in Knutwil, Bürglen oder Kriens. Linke wollen das Tempo drosseln. Bürgerliche um keinen Preis. Und das Problem dürfte sich akzentuieren. Das Nationalstrassennetz wird ausgebaut, Politiker träumen von Einfallsachsen in die Städte, die Agglomeration wird zur verkehrspolitischen Knautschzone des Landes.

Stau, Stau, Stau

Hertach, der keiner Partei angehört, wohnt direkt an der Luzernerstrasse. Sie zerschneidet die Luzerner Vorstadt und leitet täglich 20’000 Fahrzeuge durch sie hindurch. Das heisst auch: viel Stau. Morgens und abends. Die 500 Meter werden zu einem Ort des Wartens. Der 49-Jährige sagt, dass Tempo 30 die Lösung für Stillstand und Lärm sei. Der Kanton findet das nicht. Hertach prüft darum eine Klage gegen den Kanton. Er hat zudem 600 Unterschriften gesammelt. Für ein attraktives Kriens, für eine Flaniermeile. Hertach führt an der Strasse ein kleines Café. «Tempo 30 würde dem Gewerbe nützen», sagt er.

SVP-Nationalrat Gregor Rutz trägt das Gewerbe im Herzen. Sagt er. Sein Vater war Schreiner, sein Grossvater hat ebenfalls mit Holz gearbeitet. Rutz ­junior hat zwei linke Hände und schreinert daher lieber massgefertigte Kommunikationsdienstleistungen. «Die 30er-Zonen auf den Hauptstrassen behindern das Gewerbe und den öffentlichen Verkehr. Der Verkehrsfluss wird gehindert, Zeit geht verloren», sagt Rutz, der auch die Verkehrspolitik irgendwo im Herzen tragen muss. Darauf deutet eine Geschichte aus dem Jahr 1992. Damals war Rutz 20 und putzte freiwillig das von Chaoten mit Farbbeuteln beworfene Zürcher Rathaus. Der «Blick» titelte «Bravo», und der junge Rutz ­durfte im Artikel seinen politischen Kompass darlegen. Da stand: «Die Verkehrspolitik soll nicht auf Kosten des motorisierten Individualverkehrs geführt werden.»

27 Jahre sind seither vergangen, keine einfache Zeit für Anhänger des motorisierten Individualverkehrs. Ihnen kommt es vor, als würden die Autos von der Strasse gedrängt. Und jetzt auch noch 30er-Zonen auf Hauptstrassen. Es gibt kaum etwas, das leidenschaftliche Autofahrer mehr erzürnt. Taxifahrer fluchen darüber, als hätte ihnen der Teufel Steine in den Weg gelegt. Der TCS schreibt von einer «Kriminalisierung der Autofahrer». Tempo-30-Gegner haben ihren Kampf schon bis ans Bundesgericht getragen – und verloren.

Gregor Rutz (SVP) will die Kantone bei Tempo 30 ausbremsen. Foto: Keystone

All dieser Furor ist Rutz fremd. Der Mann will die Schweizer Verkehrspolitik verändern, möglichst sachlich. Er fordert, dass auf Hauptstrassen keine Tempo-30-Zonen mehr entstehen dürfen, und wenn, dann nur aus Sicherheitsgründen, aber sicher nicht wegen des Lärmschutzes. Denn er habe festgestellt, dass das Argument des Lärms häufig auch eine politische, sprich linke Note trage. Rutz hat in Bern eine parlamentarische Initiative eingereicht. Der Nationalrat sagte im November mit Stimmen von CVP, FDP und SVP Ja dazu. Im April berät die Verkehrskommission des Ständerats darüber. Ein Ja wäre ein Paradigmenwechsel in der Verkehrspolitik, schrieb die NZZ. Rutz’ Vorstoss würde Kantone und Gemeinden entmachten und die Hoheit über ihre Strassen dem Bund geben. Rutz widerspricht, neu gäbe es im Strassenverkehrsgesetz auch für kantonale Hauptverkehrsachsen einen Richtwert für Tempolimiten.

«Reine Wohlstandserscheinung»

Der Trend geht in eine andere Richtung. Das Bundesgericht hat 2018 in zwei Urteilen festgehalten, dass übermässiger Lärm an seiner Quelle behandelt werden muss, mit einem Flüsterbelag oder mit tieferer Geschwindigkeit.

Rutz hat wenig Verständnis für Menschen wie Hertach. Wer in der Stadt lebe, wer an einer Hauptstrasse wohne, der müsse mit dem Lärm klarkommen. «Sonst muss er halt aufs Land ziehen», sagt Rutz. Überhaupt sei der Wunsch nach 30er-Zonen eine «reine Wohlstandserscheinung».

Hertach findet Rutz’ Haltung ignorant. Er wird unterstützt vom Zürcher VCS-Vertreter Markus Knauss, einem Spezialisten für Lärmschutzfragen. Der VCS hat in Zürich schon mehrmals erfolgreich für mehr Lärmschutz geklagt. «Wir fordern nur ein, was die Lärmschutzverordnung des Bundes seit über 30 Jahren vorschreibt. Das hat rein gar nichts mit Links-rechts-Denken zu tun», sagt Knauss und findet: Wenn Rutz auf dem Zürichberg in einer Tempo-30-Zone wohne und von seinem Reichenhügel weniger privilegierten Menschen Dünnhäutigkeit vorwerfe, dann sei das nicht nachvollziehbar. «Strassenlärm ist gesundheitsschädigend», sagt Knauss, das sei wissenschaftlich erwiesen. Rutz stört sich am gewerbefeindlichen Knauss und sagt, man müsse nur einmal den Lebenslauf von Knauss anschauen, er habe ja noch nie für ein privatwirtschaftliches Unternehmen gearbeitet. Auch das ist Tempo 30: Irgendwann spielt man auf den Mann.

Üble Kommentare auf Facebook

Hertach hat in den vergangenen Jahren viel recherchiert, traf sich mit anderen Lärmbelästigten, sammelte Unterschriften und schaltete Werbung auf Facebook. Die Folge: Support, aber auch primitive Kommentare. Auf seinem Computer gibt es den Ordner «Lärm Luzernerstrasse». Dessen Inhalt ist ins Unüberschaubare gewachsen. E-Mails, Gerichtsentscheide, wissenschaftliche Abhandlungen.

Aus einem Interesse am Thema wurde eine Aufgabe. Ein Kampf für mehr Lebensqualität. Anfänglich haben sie ihn in Kriens belächelt, die Grünen und Sozialdemokraten beschieden ihm politische Chancenlosigkeit. Hertach hörte nicht darauf und kämpfte weiter. Es scheint sich gelohnt zu haben.

Der Krienser Gewerbeverband hat sich zu einer Tempo-30-Zone bekannt, auch die CVP und FDP-Senioren unterstützen das Unterfangen. Einzig die SVP sträubt sich. Sie will kein Tempo 30, sie will einen Tunnel. «Zu teuer und daher unglaubwürdig», sagt Hertach, die SVP falle im Kanton gewöhnlich nur durch Sparpläne auf. «Es konnte mir noch niemand vernünftige Gründe gegen Tempo 30 sagen. Noch nie!», sagt Hertach. Nun folgt etwas, das immer folgt, wenn Tempo-30-Befürworter ausholen: Sie landen irgendwann in Köniz.

Geläutert wie Wallfahrer

Die Berner Agglogemeinde ist das Vorbild für alle Verkehrsberuhiger auf Hauptstrassen. 14’000 Autos fahren hier jeden Tag durch das Zentrum. Seit 2005 gilt hier das Tempo 30. Ampeln und Fussgängerstreifen fehlen – Menschen können die Strassen überall überqueren, wo sie wollen. Die Folgen: weniger Unfälle, weniger Verletzte, weniger Lärm. Um drei Dezibel ist das Gebrumme zurückgegangen, was gefühlt einer Halbierung der Verkehrsmenge entspricht. Zudem hat sich die Zahl der Passanten versechsfacht und den Umsatz des Gewerbes gesteigert. Die Könizer würden ihre 30er-Zone nicht mehr hergeben, sagt ihr Erschaffer, der Ingenieur Fritz Kobi. Rutz entgegnet, dass er auch schon das Gegenteil gehört habe.

Auch eine Delegation aus Kriens reiste nach Köniz, viele Mitreisende waren Tempo-30-Skeptiker. Einzelne kamen zurück wie Besucher aus dem Wallfahrtsort Lourdes. Geläutert. Beseelt. Und mit einem Wunsch: Eine solche Zone soll auch Kriens haben. Nur kann das Umsetzen noch Jahre dauern. Bis dahin würde Hertach an der Luzernerstrasse am liebsten 30er-Tafeln aufstellen – und einfach seine Ruhe haben.

Anmerkung der Redaktion – In einer ersten Version hiess es: «Um drei Dezibel ist das Gebrumme zurückgegangen, was gefühlt einer Halbierung des Lärms entspricht.» Das ist falsch. Richtig ist, dass eine Reduktion von drei Dezibel gefühlt einer Halbierung der Verkehrsmenge entspricht. Der Fehler wurde korrigiert.

Erstellt: 27.03.2019, 12:12 Uhr

Wegweisende Bundesgerichtsurteile

Seit dem 1. April 2018 können Betroffene gegen Kantone und Gemeinden klagen, wenn die an ihrem Haus vorbeiführenden Strassen zu laut sind. Dies geht aus zwei Bundesgerichtsentscheiden hervor. So müssen die Behörden klären, ob der Lärm nicht an der Quelle durch Tempodrosselungen oder Flüsterbeläge reduziert werden kann. Ebenfalls wurde beschlossen, dass selbst auf Hauptstrassen aus Lärmgründen 30er-Zonen installiert werden dürfen. SVP-Nationalrat Gregor Rutz kämpft mit einer parlamentarischen Initiative dagegen und will 30er-Zonen nur aus Sicherheitsgründen zulassen. (czu)

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