Er wollte eigentlich gar nicht nach Zürich

Ein Sitzungsprotokoll zeigt den SRG-Generaldirektor im Dilemma: Der Umzug nach Zürich lohnte sich anfangs nicht, gleichzeitig durfte er dem Druck nicht nachgeben.

Für den Fall, dass die SRG in Bern keine Untervermieter findet, hat er einen Plan B: Generaldirektor Gilles Marchand. Hier am Mittwochabend, als er vor Medienvertretern den Entscheid des Verwaltungsrats erklärt.

Für den Fall, dass die SRG in Bern keine Untervermieter findet, hat er einen Plan B: Generaldirektor Gilles Marchand. Hier am Mittwochabend, als er vor Medienvertretern den Entscheid des Verwaltungsrats erklärt. Bild: Keystone

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Selten fällt die Kritik so einhellig aus. Als SRF-Direktor Ruedi Matter und SRG-Generaldirektor Gilles Marchand am Mittwochabend bekannt gaben, dass das Berner Radiostudio mit 170 Mitarbeitenden 2020 nach Zürich verlegt wird, reagierten die Mitarbeiter enttäuscht und Politiker aller Parteien heftig. Die Konzentration in Zürich schreite voran, sagen die Kritiker. Heute schon beschäftigt die SRG in Zürich viermal so viele Personen wie in Bern. Das zeigt eine Auswertung dieser Zeitung. Künftig werden es sechsmal so viel sein.

Selten auch sind sich Politiker von links bis rechts derart einig, dass ein Entscheid falsch ist. Während sich die Grünen überlegen, wie man der SRG Vorschriften machen könnte über ihre Präsenz in den Regionen, wälzt SVP-Präsident Albert Rösti Gedanken, die Gebührenhalbierungs-Initiative wiederzubeleben. Offenbar brauche das die SRG, wenn sie ihre treuste Region so vor den Kopf stosse.

Doch auch in der SRG-Leitung war die Verlegung des Radiostudios nach Zürich umstritten. Das zeigt der Auszug aus einem Protokoll, das dieser Zeitung vorliegt. Demnach war Generaldirektor Gilles Marchand an einer Geschäftsleitungssitzung von Ende Mai der Ansicht, dass sich das Projekt finanziell nicht lohne. «Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in der jetzigen Form reicht nicht aus, um zu überzeugen», sagte er. Die aktuellen Kennzahlen ergäben erst nach vier bis fünf Jahren eine Wirtschaftlichkeit, was sehr langfristig sei und ausserhalb der Mittelfristplanung.

Verzicht war keine Option

Die SRG «setze sonst eher auf regionale Verankerung», sagte Marchand, was zweifellos untertrieben ist, denn die regionale Verankerung gehört bei der SRG eigentlich zur DNA, ist gleichsam ihre Daseinsberechtigung als gebührenfinanzierter Service-public-Betrieb. Auch bestehe das Risiko, dass das Projekt eine präjudizielle Wirkung auf andere Projekte der SRG habe, sagte Marchand. Trotzdem wäre ein Rückzug seiner Ansicht nach «problematisch» gewesen. Er sagte: «Ein Verzicht auf das Vorhaben ist nicht möglich, weil das Vorgehen gegen die SRG sonst künftig Schule machen könnte.» Damit meinte er den öffentlichen Widerstand von Politikern wie von Mitarbeitenden.

Diese Grafik zeigt: So dominiert Zürich die SRG. Vergrössern

Der Verwaltungsrat müsse an seinen zwei Sitzungen, die er für den Entscheid benötigt, bessere Zahlen vorgesetzt bekommen, sagte Marchand. Bis zur entscheidenden Verwaltungsratssitzung im September müssten die Kosten deutlich reduziert, der wirtschaftliche Pay-back verbessert werden.

Emotionaler argumentieren

Auch wurde an der Sitzung darüber gesprochen, wie die SRG das Projekt gegenüber der Öffentlichkeit besser verkaufen könnte. Man solle die Kommunikation emotionaler gestalten, schlug Ladina Heimgartner, stellvertretende Generaldirektorin, vor. Die aktuelle öffentliche Diskussion sei irrational, also solle auch die SRG «nicht nur rational» argumentieren. Laut Gilles Marchand musste ein «Narrativ für die Medienarbeit» erstellt werden. «Ideal wäre es, wenn sich Externe im Sinne des Vorhabens äussern würden», heisst es im Protokoll. Auch wollte man, dass bis im September die Planung zum Produktionszentrum in Lausanne bereit ist, damit das Vorhaben in Bern als «Teil einer überregionalen Logik» dargelegt werden kann.

Der Plan ging auf. Die Zahlen waren am Ende so, dass der Verwaltungsrat den Entscheid abgesegnet hat. Und Tage vor dem Entscheid sickerten Informationen durch, wonach die in Genf angesiedelte TV-Produktion nach Lausanne umgesiedelt werden soll, ins neue Produktionszentrum, das auf dem ETH-Gelände entsteht.

Spareffekt wird nun höher beziffert

Das Sitzungsprotokoll spiegle einen frühen Stand des Projekts ab, sagt SRG-Sprecher Edi Estermann. «Und natürlich verlief die Diskussion auch in der Geschäftsleitung intensiv und durchaus kontrovers.» Die Entscheidungsgrundlagen seien in den drei Monaten seit der besagten Geschäftsleitungssitzung im Auftrag des Verwaltungsrats vertieft worden, es habe Immobilienprüfungen und Abklärungen gegeben. Laut einer SRG-internen Wirtschaftlichkeitsrechnung von Ende Mai betrug der Spareffekt des Umzugs von Bern nach Zürich 700 000 Franken - für den Fall, dass das Gebäude der heutigen Generaldirektion zur Hälfte untervermietet werden kann. Der Spareffekt an der Schwarztorstrasse, die mit dem Umzug des Radiostudios frei wird, beträgt 2,6 Millionen Franken.

Sprecher Estermann korrigiert jedoch: Der Spareffekt bei einer 50-prozentigen Auslastung an der Giacomettistrasse betrage nach heutiger Rechnung 2,2 Millionen Franken - dies, weil die Werbeallianz Admeira im Hochhaus eingemietet bleibt. Insgesamt resultiere ein Spareffekt von 5 Millionen Franken.

Über mögliche Nachmieter oder Untermiet-Verhältnisse an der Giacomettistrasse ist allerdings noch nichts bekannt, die SRG bemüht sich seit Monaten darum. Sollte es ihr innerhalb von zwei Jahren nicht gelingen, die Büroflächen im Hochhaus bei der Autobahn zu vermieten, hat Generaldirektor Marchand einen Plan B, wie er am Donnerstagmorgen auf SRF 4 sagte: «In diesem Fall wäre es möglich, Teile des Betriebs von Zürich zu verlegen, etwa in den Bereichen Technik oder Verwaltung.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.09.2018, 16:08 Uhr

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