Venezuela vor dem Abschied vom Sozialismus

Nach dem wirtschaftlichen Absturz und hoher Inflation strafen die Wähler in Venezuela die regierenden Sozialisten ab.

Feiern den Sieg ihres Bündnisses: Anhänger von «Mesa de la Unidad Democrática». (6. Dezember 2015)

Feiern den Sieg ihres Bündnisses: Anhänger von «Mesa de la Unidad Democrática». (6. Dezember 2015) Bild: Ariana Cubillos/Keystone

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Das Land mit den grössten Ölreserven der Welt steht vor einem Abschied vom Sozialismus-Experiment: Erstmals seit 16 Jahren gewann die konservative Opposition in Venezuela die Mehrheit im Parlament.

Das überwiegend Mitte-rechts-gerichtete Bündnis MUD kam nach der Wahl vom Sonntag auf eine Mehrheit von mindestens 99 der 167 Sitze im Ein-Kammer-Parlament, an die Sozialisten von Staatschef Nicolás Maduro gingen 46 Sitze, wie die Wahlbehörde heute mitteilte. Die Ergebnisse für die übrigen 22 Sitze waren zunächst noch offen. Die konstituierende Sitzung des neuen Parlaments ist für den 5. Januar geplant.

Maduro gesteht Niederlage ein

Maduro kündigte an, das Ergebnis zu akzeptieren. «Mit unserer Moral und unserem Ethos erkennen wir die gegnerischen Ergebnisse an und sagen unserem Venezuela, dass die Verfassung und die Demokratie triumphiert haben», sagte Maduro in einer Fernsehansprache.

Die Opposition rief er auf, mit seinem Lager «zusammenzuleben». «Wir haben heute eine Schlacht verloren, aber der Kampf zum Aufbau einer neuen Gesellschaft fängt gerade erst an», sagte Maduro, der vor der Wahl noch erklärt hatte, er werde an der Macht bleiben, «egal wie».

«Venezuela hat gewonnen», schrieb Oppositionsführer Henrique Capriles im Kurznachrichtendienst Twitter. «Wir haben immer gesagt, dies ist der Weg: Bescheidenheit, Reife und Gelassenheit.» MUD-Chef Jesús Torrealba sagte nach dem Sieg, der «Wandel in Venezuela» habe nun begonnen. «Das Volk hat klar gesprochen, die venezolanischen Familien sind es Leid, mit den Konsequenzen des Scheiterns zu leben.»

Opposition profitiert von Unzufriedenheit

Die Opposition galt bereits seit Monaten als Favoritin der Wahl. Sie profitierte von der allgemeinen Unzufriedenheit in der Bevölkerung angesichts der schweren Wirtschaftskrise. Im stark vom Ölexport abhängigen Venezuela herrscht angesichts der gefallenen Ölpreise eine schwere Wirtschaftskrise.

Maduro sprach nach der Wahl von einem Sieg einer «Gegenrevolution» und einem «Krieg». Die Äusserung erfolgte mit Blick auf einen seiner Ansicht nach von den USA unterstützten «Wirtschaftskrieg» von Unternehmen gegen sein Land.

Trotz der Sorge vor Unruhen in dem von Gewalt geprägten südamerikanischen Land verlief die Wahl ohne grössere Zwischenfälle. 19,5 Millionen Venezolaner waren am Sonntag zur Wahl aufgerufen. Der Wahlkommission zufolge lag die Wahlbeteiligung bei 74,25 Prozent und sei damit «ausserordentlich hoch» gewesen.

Die Verkündung der offiziellen Wahlergebnisse wurde in mehreren Stadtteilen der Hauptstadt Caracas mit Freudenschreien und Feuerwerkskörpern begrüsst.

Wirtschaftsreformen geplant

Die Opposition hatte angekündigt, rasch einen Volksentscheid zur Abwahl Maduros anzuberaumen, dessen Amtszeit eigentlich erst im Jahr 2019 endet. Geplant sind zudem Wirtschaftsreformen, die im ersten Halbjahr 2016 beschlossen werden sollen. Ausserdem plant das Oppositionsbündnis eine Amnestie für 75 politische Gefangene.

Unklar ist derzeit allerdings, inwieweit es dem MUD-Bündnis gelingt, seine Pläne im Kongress umzusetzen, da Maduro angekündigt hatte, seine sozialistische Politik vorantreiben zu wollen.

Der Sieg der Opposition ist ein historischer Wandel in Venezuela, nachdem das Land seit 1999 vom Chávismus des langjährigen und 2013 verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez geprägt war.

Beobachtern zufolge könnten die veränderten Machtverhältnisse in Venezuela Teil eines grösseren Rechtsrucks in der gesamten Region darstellen. Erst im November hatte in Argentinien der wirtschaftsliberale Oppositionskandidat Mauricio Macri die Präsidentschaftswahl gewonnen.

Damit beendete er eine zwölf Jahre dauernde Ära, die zunächst Néstor und anschliessend Cristina Kirchner als Staatschefs geprägt hatten, beide Verbündete des Chávismus. In Brasilien läuft ein Amtsenthebungsverfahren gegen Staatschefin Dilma Rousseff von der Arbeiterpartei. (chk/sda)

Erstellt: 07.12.2015, 07:13 Uhr

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