Erlös aus Nazi-Konzert fliesst offenbar an NSU-Helfer

Am Neonazi-Konzert im Toggenburg mit 6000 Besuchern soll zu Gewalt aufgerufen worden sein. Bundesrat Guy Parmelin zeigt sich ob der rechtsradikalen Veranstaltungen verärgert.

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Es war eine internationale Blamage für die Schweiz: 6000 Neonazis feierten am vorletzten Samstag im Toggenburg. Die lokalen Behörden wurden von den Veranstaltern übertölpelt. Recherchen der «SonntagsZeitung» offenbaren jetzt die brisante Verbindung der Organisatoren: Koordiniert wurde die monatelange Organisation fast 500 Kilometer entfernt vom Schweizer Dorf – im ostdeutschen Bundesland Thüringen.

Dort sitzen die Drahtzieher des Konzertes: Militante Neonazis des in Deutschland verbotenen Blood-and-Honour-Netzwerks. Sie alle sind enge ­Vertraute und eifrige Unterstützer des inhaftierten Terrorhelfers Ralf Wohlleben. Dieser gilt als vierter Mann des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU). Mehrere Insider bestätigen, dass ein Teil des Konzerterlöses auch diesmal in die Prozesskosten für Wohlleben fliessen soll. Auf Facebook schrieb ein Konzertbesucher: «Wolle wird sich freuen!»

Strohmänner arbeiten im Vordergrund

Laut Anklage hat er Beihilfe für neun rassistische Morde geleistet und dem Trio um Beate Zschäpe die Mordwaffe aus der Schweiz beschafft. Die Fäden der Konzertorganisation liefen bei Steffen R., 32, ­zusammen. Er verbirgt sich hinter der «Reichsmusikkammer», die auf dem Konzertflyer als Veranstalter aufgeführt war. Seit er 12 Jahre alt war, bewegt sich R. im braunen ­Milieu von Thüringen, organisiert Konzerte und vertreibt rechts­extreme Kleidung und CDs.

Seit der Verhaftung seines Jugendfreundes Wohlleben sammelt er Geld, um dessen Prozesskosten zu decken. Für die Aufgaben im Vordergrund hatte R. Strohmänner installiert. Etwa den Thüringer Matthias M., 29, der für ein Tattoo­studio in Rapperswil SG arbeitet und den Anlass bei der Gemeinde angemeldet hat. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn.

M. lebt im zürcherischen Rüti, nur knapp 150 Meter entfernt von einem weiteren Handlanger: Kevin G., 28. Der vorbestrafte Sänger der Rechtsrock-Band Amok stand in Unterwasser selbst auf der Bühne. Auch er pflegt enge Kontakte zu den Blood-and-Honour-Anhängern von Thüringen, insbesondere zu Thomas W., Frontmann der Band Sonderkommando Dirlewanger. W. nahm ­zusammen mit anderen Neonazi-Grössen eine Solidaritäts-CD für Wohlleben auf, deren Erlös direkt in den Prozess geflossen ist.

Neonazis sollen zu Gewalt aufgerufen haben

Dem «SonntagsBlick» liegt ein Video aus der Halle vor, in der Neonazis vorletzten Samstag in Unterwasser SG ein Konzert abhielten. Die Aufnahme zeigt die Band «Frontalkraft»; sie präsentiert ihren Song «Schwarz ist die Nacht». Darin heisst es: «Keine Angst, ihr Volksverräter, keinen werden wir verschonen (…) Schwarz ist die Nacht, in der wir euch kriegen. Weiss die Männer, die für Deutschland siegen. Rot ist das Blut auf dem Asphalt.»

Für die Aargauer FDP-Nationalrätin und Anwältin Corina Eichenberger (62) sind die Textzeilen ein «deutlicher Aufruf zu Gewalt», also strafrechtlich relevant, wie sie «SonntagsBlick» sagte. Die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus reichte am Dienstag Strafanzeige gegen die Organisatoren des Konzerts ein. Mit dem Video hat die Staatsanwaltschaft jetzt handfeste Beweise.

Neonazis wissen: Ihre Lieder und Symbole stehen nicht nur in Deutschland auf dem Index, auch in der Schweiz können sie strafrechtlich verfolgt werden. Die meisten Bands auf der Bühne in Unterwasser waren darum vorbestraft. Organisiert werden Konzerte wie das in Unterwasser von rechtsextremen Kameradschaften, meist Mitgliedern des in Deutschland verbotenen Netzwerks «Blood & Honour».

Bundesrat Parmelin ist verärgert

Angesichts des Neonazis-Konzerts in Unterwasser SG vor einer Woche und der gestrigen Veranstaltung der Pnos in Kaltbrunn SG zeigt sich Bundesrat Guy Parmelin nicht erfreut. «Ich habe mich geärgert. Solche Anlässe haben in der Schweiz nichts verloren», sagte er gegenüber der «Zentralschweiz am Sonntag».

Für Parmelin hat der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) im Fall des Konzerts im Toggenburg seine Verantwortung wahrgenommen. Zu diesem Schluss kommt der Verteidigungsminister, nachdem er sich beim Direktor des NDB über den Ablauf genau informiert hat. «Er hat alles gemacht, was in seinen Möglichkeiten lag und was das geltende Recht erlaubt.» Laut dem SVP-Magistraten steht nicht nur der Bund in der Pflicht. «Die Schweiz ist kein Paradies für Rechtsradikale, aber wir müssen dafür sorgen, dass sie es auch nicht wird.»

Zahl der Neonazikonzerte nimmt zu

Die Zahl der Neonazi-Konzerte hat im deutschsprachigen Raum zugenommen, berichtet die «Schweiz am Sonntag». Gemäss dem deutschen Verfassungsschutz stieg die Zahl in den vergangenen vier Jahren kontinuierlich an. Alleine in Deutschland sind es mittlerweile über 60 pro Jahr. Wie oft es hierzulande zu solchen Festivals kommt, darüber erteilt der Nachrichtendienst des Bundes keine Auskunft. Die Schweiz dürfte aber nicht aussen vor sein. Gemäss Verfassungsschutz pflegt die deutsche Szene engen Kontakt zu ihren Schweizer Gesinnungsgenossen. (chk)

Erstellt: 23.10.2016, 09:12 Uhr

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