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Erschütternd tiefer Graben zwischen SRG und privaten Medien

In der «Arena» zum Service public sind nicht nur Interessen aufeinandergeprallt, sondern auch Kulturen. Die Diskussion geriet zum Desaster.

Der tiefe Graben zwischen SRG und privaten Medien manifestierte sich erschütternd: Projer mit seinen Gästen.
Der tiefe Graben zwischen SRG und privaten Medien manifestierte sich erschütternd: Projer mit seinen Gästen.
Screenshot / SRF

Es war nicht die Schuld des Moderators. Jonas Projer versuchte, zu kitten, wann immer es peinlich wurde. Und er spielte den Feuerwehrmann gut. Überhaupt führte er bemerkenswert souverän durch die Sendung, in der sein eigener Chef mitdiskutierte. Trotzdem geriet die Diskussion in der «Arena», wie schon mehrmals seit der Neukonzeptionierung im letzten Frühling, zum Desaster.

Dabei war alles gut angedacht und vorbereitet gewesen. SRG-Generaldirektor Roger de Weck diskutierte an der Seite von CVP-Nationalrat Martin Candinas; SVP-Nationalrätin Natalie Rickli war flankiert von Peter Wanner, Verleger der AZ Medien. Damit SRG-Chef de Weck nicht vom SRG-Angestellten Projer interviewt werden musste, war der private Talkmaster Markus Gilli ins Studio bestellt worden. Weniger einleuchtend war die Wahl der RTS-Moderatorin Esther Mamarbachi als Gegenpart von Natalie Rickli. Womöglich lag dem die Idee zugrunde, dass die SVP-Nationalrätin die natürliche Feindin der Westschweizer Service-public-Verfechterin sein müsse.

Völlig verkachelt

Ungefähr so platt wie diese Annahme war das Interview – die ersten paar Minuten, in denen den Zuschauern das Blut in den Adern stockte. Die Hauptbotschaften von Mamarbachi waren: Es gibt nicht nur Zürich, die Romandie braucht die SRG, die Westschweizer Sender sind auf Gebühren angewiesen. Alle Fragen an Rickli zielten in Ton und Inhalt darauf ab, Unverständnis und mangelnden Sinn für den nationalen Zusammenhalt aufzuspüren und darzustellen. Dass Rickli die Quizfrage in Geographie nicht lösen konnte, machte das Interview nicht ergiebiger – es war ein völlig verkacheltes Gespräch, redundant und ohne Erkenntnisgewinn. Eigentlich wenig erstaunlich, wenn eine französischsprachige Moderatorin, trotz sehr passablem Deutsch, auf eine wortgewandte Parlamentarierin trifft, die ihre Parolen verinnerlicht hat.

Moderator Projer flüchtete nach vorn, gratulierte Mamarbachi dafür, dass sie das Interview in einer Landes-Fremdsprache gemeistert hat und forderte die Runde auf, fünf Minuten lang auf Französisch zu debattieren, um zu schauen, ob die Deutschschweizer das auch können. Es resultierte ein wenig unterhaltsames Geplänkel, das immerhin ein wenig von der Diskussion Mamarbachi versus Rickli abzulenken vermochte.

Der tiefe Graben

Ein bisschen besser war das zweite Interview im Prüfstand, eine Art «heisser Stuhl» am Rande des Studios. Dies, obwohl Markus Gilli drei Mal fragte, ob Roger de Weck als «Liberaler» ruhig schlafen könne, wo doch die SRG 73 Prozent aller Werbe- und Gebühreneinnahmen erhalte – eine noch nie gehörte Mischrechnung, auf die sich de Weck nicht einlassen wollte. So stellte er sich schwer von Begriff, bis Gilli zur nächsten Frage überging. Gilli und de Weck debattierten auf Augenhöhe und es entstand immerhin so etwas wie ein Frage-Antwort-Muster, wenn auch mit gehässigen Untertönen.

Erschütternd manifestierte sich hier der tiefe Graben zwischen SRG und Privaten. Medienpolitik ist eigentlich Wirtschaftspolitik: Wieviel Raum sollen die privaten Medienhäuser haben, und wieviel die gebührenfinanzierte Monopolistin? Die SRG bewirbt sich als Unternehmen des nationalen Zusammenhalts. Wie in der «Arena» klar wurde, ist sie aber auch ein Spaltpilz, zumindest jetzt, zumindest in der Politik. Andere Stimmen kamen in der Sendung leider nicht zu Wort. Gerne hätte man gehört, was die Unbeteiligten in der zweiten Reihe zu Service public, Gebührenpflicht und Medienkonsum sagen.

«Geschützte Werkstatt»

Wie nicht nur Interessen, sondern auch Kulturen aufeinanderprallen können, zeigte diese «Arena» exemplarisch. Roger de Weck schien zuweilen abwesend, als interessiere ihn die Diskussion nur mässig. Die beiden Nationalräte warfen sich in die Schlacht, Peter Wanner vertrat einigermassen solid die Interessen der privaten TV- und Radio-Veranstalter. De Weck hatte vor der Abstimmung zum neuen Radio- und TV-Gesetz (RTVG) im Juni 2015 zwar Interviews gegeben, aber nicht an politischen Diskussionen teilgenommen. Es mag an den Umständen liegen, dass sich das geändert hat. Das knappe Ja zum RTVG war ein Schock für die Verfechter eines starken Service public, und die No-Billag-Initiative, welche das Ende der SRG bedeuten würde, kommt fast sicher an die Urne. Derweil hagelt es im Parlament Vorstösse, die auf eine Schwächung der SRG abzielen, der Bundesrat wird sie bei der Neukonzessionierung, die per 2018 fällig ist, nicht ignorieren können.

Jedenfalls ist Roger de Weck in solchen Diskussionen nicht zuhause, weil ihm das Philosophieren über Staatspolitik behagt, aber nicht das Politikergeschrei. Ganz anders ging es seinem Mitstreiter Candinas, der den Service public vehement verteidigte und dafür von Gilli bildhaft getadelt wurde: «Sie lassen den Garten wuchern, statt das Unkraut zu entfernen, damit alles wieder blühen kann. Das ist übel.» Candinas konterte, man müsse den Garten auch schützen vor dem anderen Gewächs da draussen. Nein, die SRG sei keine geschützte Werkstatt, entgegnete er auf Gillis Zwischenruf.

Verlegenheit bei der Schlussfrage

Argumentativ wurde in der Sendung bereits Bekanntes mehrfach wiedergekaut (darin unterscheidet sie sich nicht von anderen Politsendungen), ohne, dass die Kontrahenten so aufeinander eingegangen wären, dass ein Erkenntnisgewinn daraus resultiert hätte - abgesehen davon, dass sie einander kaum je zuhörten. Verleger Wanner rechnete vor, mit welchem Budget Tele Züri auskommen muss und sagte, die SRG behindere den Wettbewerb, weil sie die Privatsender bei manchen Formaten überbiete. Roger de Weck zählte alle nicht-rentablen Engagements der SRG auf. Wanner konterte, dass auch solche Aktionen von privatwirtschaftlichem Interesse seien, weil sie teilweise Aufmerksamkeit und mittelfristig Marktanteile generierten.

Natalie Rickli wurde vorgeworfen, dass ihre Arbeitgeberin, Goldbach Media, von einer – zumindest auf dem Werbemarkt – schwächeren SRG profitieren würde. Sie wiederum warf de Weck vor, dass er mit der Werbeallianz zwischen SRG, Swisscom und Ringier künftig indirekt den französischen TV-Sender TF1 vermarkten werde.

Nicht einmal die Schlussrunde, mit der Projer für gewöhnlich müde Geister mit einer abwegigen Frage nochmals ein wenig auf Touren bringt, geriet diesmal zur Unterhaltung. Rickli und Wanner fiel auf die Schnelle keine Sendung ein, die sie als Kind geschaut hatten, für die sie sich heute schämen. Candinas hatte die romanische Gute-Nacht-Geschichte geschaut, was aber nicht zum Schämen ist, und de Weck nutzte die Gelegenheit für eine letzte Speerspitze: Eine Piratenserie auf Europe 1 habe er sich früher angehört. «So eine Sendung müsste man wieder einmal machen. Doch wenn es die SRG tut, sagen die Privaten: Das hätten wir machen sollen.»

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