Erst eine Lehre, dann Sozialgeld

Die Sozialhilfequote in den grossen Städten stagniert oder sinkt leicht. Am stärksten rückläufig ist sie in Lausanne – auch wegen mehr Strenge gegenüber jungen Sozialhilfeempfängern.

Sozialhilfe in der Schweiz: 14 Städte im Vergleich. Zum Vergrössern auf Grafik klicken. Infografik: mrue

Sozialhilfe in der Schweiz: 14 Städte im Vergleich. Zum Vergrössern auf Grafik klicken. Infografik: mrue

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein gutes Dutzend Schweizer Städte ­analysiert und vergleicht ihre Sozialhilfe­zahlen jedes Jahr in einem Bericht. Gestern präsentierten Vertreter der Städteinitiative Sozialpolitik und der Berner Fachhochschule Soziale Arbeit die Zahlen für das Jahr 2015. Fazit: In den 14 untersuchten Städten (Zürich, Basel, Lausanne, Bern, Winterthur, Luzern, St. Gallen, Biel, Schaffhausen, Chur, Uster, Zug, Wädenswil und Schlieren) ist im Durchschnitt eine Zunahme der ­Sozialhilfefälle um 2,2 Prozent zu verzeichnen. Dies entspricht dem über die letzten vier Jahre beobachteten leichten ­Anstieg.

Die durchschnittliche Bezugsdauer hat sich inzwischen auf 42 Monate erhöht, was ebenfalls dem Trend entspricht. 2006 betrug die durchschnittliche Bezugsdauer noch 32 Monate, 2014 schon 40 Monate. Bereits letztes Jahr hatten die Autoren moniert, die zunehmende Dauer der Abhängigkeit entfremde die Sozialhilfe von ihrem ursprünglichen Zweck der punktuellen Überbrückungshilfe. Die Sozialhilfe verkomme damit zum Rentensystem.

Eltern werden verpflichtet

Doch es gibt auch positive Nachrichten. So schaffte es Lausanne, die Sozialhilfequote um 0,4 Prozentpunkte zu senken – wenn auch auf hohem Niveau. Aktuell beträgt die Quote in Lausanne 8,8 Prozent, am höchsten war sie 2012 mit 10,3 Prozent. Den positiven Trend führt der Lausanner Sozialdirektor Oscar Tosato (SP) auf verschiedene Faktoren zurück: Weiterentwicklung der Sozialhilfe, Eingliederungsmassnahmen, soziale ­Betreuung vor finanzieller Hilfe sowie hohe Anforderungen. So seien in Lausanne letztes Jahr in 26 Prozent der Sozialhilfefälle Sanktionen wegen unkooperativen Verhaltens ausgesprochen worden, sagt Tosato. Zudem versuche man, den Druck auf die Antragsteller zu erhöhen, eine Aus- oder Weiterbildung zu absolvieren. Seit September 2014 liegt der Fokus auf jungen Antragstellern, die finanziell unterstützt werden, wenn sie kooperieren.

Nun will der Kanton Waadt einen Schritt weiter gehen: Mit einem neuen kantonalen Gesetz, das Anfang 2017 in Kraft tritt, werden ungelernte Antragsteller zu einer Ausbildung verpflichtet. Unter 25-Jährige gelangen damit nicht mehr an die Sozialhilfe, sondern direkt ans Stipendienwesen, wo sie – falls die Eltern die Ausbildung nicht bezahlen können – der Kanton unterstützt.

Auch die Eltern werden mit dem neuen Gesetz in die Pflicht genommen. Heute müssen sie für ihre unter 25-jährigen Kinder nur dann Unterhalt bezahlen, wenn diese eine Ausbildung machen. Mit dem neuen Waadtländer Gesetz erhalten junge Erwachsene, die sich einer Ausbildung verweigern, nur noch 600 Franken für den Grundbedarf.

Eine Motion des Waadtländer FDP-Nationalrats Laurent Wehrli im eidgenössischen Parlament verlangt auch auf Bundesebene, die Eltern stärker in die Verantwortung zu nehmen. So soll die Unterhaltspflicht der Eltern für unter 25-Jährige auch dann gelten, wenn diese keine Ausbildung machen.

Umfrage

Ist es richtig, dass jugendliche Sozialhilfeempfänger strenger behandelt werden?





«Fokussierung auf die Jungen ist richtig»

Die Fokussierung auf die unter 25-Jährigen sei der richtige Weg, sagt Renate Salzgeber von der Berner Fachhochschule, Autorin des Kennzahlenberichts. Gerade im Hinblick auf die Tausenden Lehrstellen in handwerklichen Berufen, die nicht besetzt werden können, und in Anbetracht der Erkenntnisse des letztjährigen Berichts, der ­gezeigt hat, dass das grösste Risiko für Langzeitbezug die fehlende Ausbildung ist. 40 bis 60 Prozent der Sozialhilfe­beziehenden von 2015 in den genannten 14 Städten haben keine berufliche Ausbildung.

In Lausanne ist die Sozialhilfequote bei den 18- bis 25-Jährigen relativ hoch, ebenso in Biel und Basel. Die Stadt Basel probiere das Modell der fokussierten ­Jugendberatung, wie Lausanne sie seit Ende 2014 praktiziert, nun ebenfalls aus, sagt Tosato sichtlich stolz. Nicht überall ist der Leidensdruck bezüglich der jungen Antragsteller gleich gross. In Zürich und Winterthur liegt deren Quote nur leicht über dem Durchschnitt.

Mittelgrosse Städte tragen die Last

Weitere Erkenntnisse des Kennzahlenberichts: Grosse Städte wie Zürich, Basel, Lausanne und Bern verzeichnen gleichbleibende oder leicht rückläufige Sozialhilfezahlen, während die Quote in den mittelgrossen Städten wie Winterthur, Luzern, Schaffhausen und Chur angestiegen ist. Chur hat sich 2015 zum ersten Mal am Kennzahlenbericht der Städteinitiative beteiligt.

Die Erklärung dafür sieht der Städteverband unter anderem in der Wohnbaupolitik. Weil in grossen Städten kaum mehr günstiger Wohnraum geschaffen werde, würden die Sozialhilfebeziehenden auf Agglomerations­gemeinden ausweichen. Doch auch in diesen Gemeinden werde der bezahlbare Wohnraum zunehmend knapp, unter anderem wegen gezielter Wohnbaupolitik. Deshalb könnte sich das Problem noch weiter hinaus in ländliche Gebiete verlagern. Trotzdem: Der viel kritisierte Sozialtourismus, so ein Fazit der Studie, ist ein Randphänomen. Nur acht Prozent der Antragsteller in den untersuchten Städten sind aus einer anderen Stadt zugezogen, in der sie schon Sozialhilfe bezogen hatten.

Erstellt: 23.08.2016, 22:02 Uhr

In Winterthur steigt die Zahl – in Zürich geht sie zurück

Von Marisa Eggli

Die Kurve ist steil und steigt: In Winterthur wächst die Sozialhilfequote. Sie kletterte in den letzten vier Jahren von 4,9 auf 5,3 Prozent der Gesamtbevölkerung. Noch auffälliger ist die Zahl der konkreten Sozialhilfefälle. Sie stieg von 2010 bis 2015 um 30 Prozent an und lag Ende des letzten Jahres bei über 3400. Damit liegt Winterthur einsam an der Spitze – zumindest unter den 14 verglichenen Städten im jüngsten Kennzahlenbericht zur Sozialhilfe 2015. Für Dieter P. Wirth, Leiter der Sozialen Dienste Winterthur, gibt es drei Erklärungen für den Anstieg: «Winterthur ist eine junge Stadt, hier leben viele Familien. Kinder sind ein Armutsrisiko.» Vor Jahren hat die Stadt ihre Industrie verloren, «die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen». Und: «In Winterthur findet man noch günstige Wohnungen.»
Ähnlich tönt die Erklärung in der Stadt Uster. Auch dort steigt die Quote. Armin Manser, Leiter der Sozialen Dienste, sagt: «In Uster gibt es noch bezahlbaren Wohnraum. Deshalb ziehen wohl auch Sozialhilfebeziehende her.» Das unterscheidet Winterthur und Uster von der Stadt Zürich.

In Zürich ist der Wohnraum knapp, der günstige sowieso – und die Sozialhilfequote ist in den letzten Jahren leicht gesunken. Inzwischen liegt sie mit 4,5 Prozent unter jener von Winterthur. Beatrice Henes, Sprecherin der Sozialen Dienste Zürich, vermutet hinter dieser Entwicklung allenfalls auch die Wohnpreise: «In der Stadt gibt es wenige freie und günstige Wohnungen.»

Gegenmittel: Teure Wohnungen

Vor allem in Winterthur sind die hohen Sozialhilfekosten seit Jahren ein Politikum, zumal die Stadt in jüngster Zeit grosse Sparpakete schnüren musste. Denn mit der Quote steigen auch die Sozialkosten an. 2014 zahlte die Stadt für die Sozialhilfe über 50 Millionen Franken. Die vergleichbaren Zahlen für das letzte Jahr liegen noch nicht vor.

Das war dem Gemeinderat zu viel. Er forderte, dass diese Kosten genau unter die Lupe genommen werden. Das Resultat ist ein Bericht des externen Büros Bass für arbeits- und sozialpolitische Studien. Sein Hauptvorschlag für Winterthur ist, teure Wohnungen zu bauen, um gut betuchte Bewohner anzulocken. Ein Vorhaben, das die Stadtregierung bereits Anfang der Nullerjahre anging – und damit auf breite Kritik stiess. Laut Dieter P. Wirth von den Sozialen Diensten prüft das Sozialdepartement zurzeit andere Massnahmen, um die Kosten zu senken. Dazu gehört, dass Sozialhilfebezüger enger von Sozialarbeitern begleitet oder die Rechtmässigkeit der Mietzinshöhe von Sozialhilfebezügern strenger geprüft wird.

Geringer «Sozialtourismus»

Der Kennzahlenbericht der Städteinitiative hat auch untersucht, wie häufig Sozialhilfebezüger von einer Gemeinde zur nächsten ziehen. Das Resultat hat die Fachleute erstaunt: Offenbar fällt der «Sozialtourismus» geringer aus als angenommen. Der Bericht hält fest, dass die meisten Sozialhilfebezüger bereits vorher in der Stadt gewohnt haben, in der sie leben, in Zürich zum Beispiel gut 80 Prozent, dazu gibt es einen kleinen Wanderungssaldo. Beatrice Henes von den Sozialen Diensten Zürich sagt denn auch, offenbar würden Sozialhilfeempfänger in Zürich früher oder später wieder eine Wohnung finden, falls sie ihre nicht mehr bezahlen könnten – trotz des schwierigen Wohnungsmarktes.

Allerdings bestätigt der Bericht auch eine andere Vermutung: In den Städten ist die Sozialhilfequote stets höher als in ländlicheren Gemeinden. Sozialhilfebezüger und -bezügerinnen sehen in den Städten mehr Chancen, wirtschaftlich wieder Fuss zu fassen.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Verstehen Sie Ihre Arztrechnungen?

Sie wollen wissen, was genau auf Ihrer Arztrechnung steht? Kein Problem – lassen Sie es sich einfach im Kundenportal des Gesundheitsversicherers Atupri übersetzen.

Die Welt in Bildern

Zum Wiehern: Ein Pferd scheint sich in Feldberg im Schwarzwald über die weisse Pracht zu freuen. (18. November 2019)
(Bild: Patrick Seeger) Mehr...