Erster Syrien-Kämpfer steht vor Schweizer Gericht

Nicht etwa ein Islamist kommt vor die Militärrichter, sondern ein Christ.

Johan Cosar (Dritter von rechts) mit anderen Kämpfern der Assyrer-Miliz in einer zerstörten Kirche in Syrien. Foto: Christophe Petit Tesson (Keystone)

Johan Cosar (Dritter von rechts) mit anderen Kämpfern der Assyrer-Miliz in einer zerstörten Kirche in Syrien. Foto: Christophe Petit Tesson (Keystone)

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Zeitgleich mit dem wohl letzten Gefecht gegen den IS kommt es im Bundesstrafgericht in Bellinzona zur ersten Gerichtsverhandlung gegen Syrien-Rückkehrer. Angeklagt sind aber nicht etwa einzelne der zahlreichen IS-Unterstützer aus der Schweiz, sondern zwei Gegner der Jihadisten. Einer der beiden Angeklagten, der im Kampf gegen Islamisten sein Leben riskierte, ist der im Tessin aufgewachsene Johan Cosar. Der Anfang Achtzigerjahre in St. Gallen geborene Cosar kommandierte in Syrien rund zwei Jahre lang Truppen einer christlichen Miliz.

Er gehört einer assyrischen Familie an, die seit drei Generation in der Schweiz lebt. Assyrer bilden in Syrien und angrenzenden Ländern eine Minderheit. Diese Christen sprechen heute noch Aramäisch, die Sprache Jesu.

Sein Vater wurde verschleppt

Die Christen und Kurden im syrischen Nordosten waren schon bald nach Ausbruch der Revolution gegen das Assad-Regime im Jahr 2011 unter Druck von Jihadisten und arabischen Rebellen geraten. In Bedrängnis baute die assyrische Partei SUP eine eigene Truppe auf. Vizepräsident der SUP war der Tessiner Sait Cosar. Sein Sohn Johan kommt nun in der Schweiz vor Gericht.

Die SUP weigerte sich, mit dem Assad-Regime zusammenzuarbeiten. Vater Sait Cosar wurde vom syrischen Geheimdienst nach Damaskus verschleppt. Später schickten die Behörden den Angehörigen einen Totenschein, angebliche Todesursache Herzinfarkt. Dieses Dokument enthielt aber offensichtliche Unwahrheiten. Auch deshalb muss man annehmen, dass Vater Cosar 2014 vom Regime umgebracht wurde. Jedenfalls wurde der Schweizer Bürger seither nicht mehr lebend gesehen.

Sohn Johan war einer der Gründer des Syriac Military Council (MFS). Die Assyrer-Miliz verteidigte zusammen mit kurdischen Kräften die Gebiete im äussersten Nordosten Syriens gegen den Ansturm der Islamisten – ab 2014 auch mit amerikanischer Unterstützung aus der Luft.

Einsatz für die Assyrer war kein Geheimnis

In der Schweiz hatte Johan Cosar gemäss eigenen Angaben fünf Jahre lang als Unteroffizier in der Armee gedient. In Syrien bildete der Wachtmeister aus dem Tessin die ersten assyrischen Kämpfer aus, nahm an Gefechten teil und kommandierte Anfang 2015 ein Bataillon. Sein Kriegsname war Omid. Aus seinem Einsatz für die Assyrer und gegen die Islamisten machte er kein Geheimnis. Johan Cosar gab zahlreiche Interviews.

Die kleine assyrische Miliz half mit, den IS in Syrien und im Irak zurückzudrängen, und sie war 2017 auch an der Eroberung der syrischen IS-Hauptstadt Raqqa beteiligt. Zuvor schon, im Februar 2015, war Johann Cosar nach zwei Jahren im Kriegsgebiet in die Schweiz zurückgekehrt. Bei der Einreise in Basel wurde er verhaftet. Er ist aber längst wieder auf freiem Fuss. Ab heute bis voraussichtlich Freitag muss er sich in Bellinzona vor einem Militärgericht verantworten, das im Gebäude des Bundesstrafgerichts tagt. Johan Cosar und einem Mitangeklagten werden Schwächung der Wehrkraft und fremder Militärdienst vorgeworfen. Cosar kündigt an, er werde um einen Freispruch kämpfen.

Bereits zwei Verurteilte

Der sogenannte Söldnerartikel 94 des Militärstrafgesetzes kommt normalerweise gegen Fremdenlegionäre zum Einsatz. In den vergangenen zehn Jahren wurden 16 Schweizer wegen «fremden Militärdienstes» verurteilt. 14 davon hatten in der französischen Ausländertruppe gedient.

Hinzu kamen zwei Verurteilungen von Westschweizer Kämpfern für militante kurdische Einheiten. Ein Sohn eines Schweizer Bundesrichters kassierte 2013 eine bedingte Geldstrafe von 330 Tagessätzen zu je 30 Franken, weil er rund ein Jahrzehnt lang für die PKK im Einsatz stand. Im vergangenen August wurde ein Wachtmeister aus Genf zu einer bedingten Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 20 Franken verurteilt, weil er sich – angeblich als Übersetzer – der kurdischen YPG in Syrien angeschlossen hatte.

Islamisten in Warteschleife

Gegen islamistische Kämpfer liegen keine Schweizer Gerichtsurteile vor. Zwar haben sichgemäss dem Nachrichtendienst des Bundes 78 «jihadistischmotivierte Reisende aus der Schweiz» in das syrisch-irakische Bürgerkriegsgebiet begeben. Doch von den offiziell 16 Rückkehrern ist nur einer verurteilt worden – zu 600 Stunden gemeinnütziger Arbeit, per Strafbefehl, ohne Gerichtsverhandlung. Die Bundesanwaltschaft führt rund 60 Strafverfahren gegen mutmassliche IS- und Al-Qaida-Unterstützer. Sie ermittelt unter anderem gegen Islamisten aus Winterthur und Genf, die vor längerem aus Syrien oder anderen muslimischen Ländern zurückkehrten.

Erstellt: 20.02.2019, 06:25 Uhr

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