Erwin Sperisen schweigt, dafür spricht sein Anwalt umso lauter

Der ehemalige guatemaltekische Polizeichef steht in Genf zum dritten Mal wegen Mordes vor Gericht.

Sekundiert von seinen Anwälten: Erwin Sperisen (M.) mit Giorgio Campa (l.) und Florian Baier (r.). Foto: Salvatore Di Nolfi (Keystone)

Sekundiert von seinen Anwälten: Erwin Sperisen (M.) mit Giorgio Campa (l.) und Florian Baier (r.). Foto: Salvatore Di Nolfi (Keystone)

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Ob kleine oder grosse Tragödien: Genfer Anwälte haben die Gabe, fast jeden Strafprozess als denkwürdiges Ereignis zu inszenieren. Dramaturgisch bietet der Mordprozess gegen den ehemaligen guatemaltekischen Polizeichef Erwin Sperisen mit Schweizer Pass bestes Anschauungsmaterial.

Seit gestern steht der 47-Jährige zum dritten Mal vor einem Genfer Gericht. Das Schweizerische Bundesgericht hatte im letzten Sommer die lebenslange Freiheitsstrafe wegen zehnfachen Mords gegen Sperisen aufgehoben – hauptsächlich wegen Verfahrensfehlern.

In den Tagen vor dem Prozess war Sperisen mit Interviews in der Medien omnipräsent. Vor Gericht allerdings zieht er es nun vor, zu schweigen. «Meine Aussagen im Gericht sind immer gegen mich verwendet worden. Der Staatsanwalt hat mich wie einen Flüchtenden behandelt», klagt Sperisen.

Genugtuung gefordert

Ganz anders ist der Redebedarf bei Sperisens Anwälten Giorgio Campa und Florian Baier. Diese sind nach ihrem gewonnenen Rekurs vor Bundesgericht in bester Prozessierlaune. Ihre Fallanalysen und Rechtsauslegungen schrien sie gestern regelrecht durch den Gerichtssaal und schnitten unzweideutige Grimassen, wenn Ankläger Yves Bertossa das Wort führte. Ernst wurde die Miene von Campa erst, als er dem Gericht Erwin Sperisens Genugtuungsforderungen bei einem Freispruch und seine Honorarvorstellungen vortrug.

Der Kanton Genf soll Sperisen, der fünf Jahre lang in Untersuchungshaft sass, in der Schweiz nie gearbeitet hat und von Sozialhilfe lebt, eine Genugtuung von einer Million Franken zahlen. Auch seine Familie soll 350'000 Franken bekommen. Für seine eigene Arbeit verlangt Campa 794'000 Franken, für jene seines Anwaltskollegen Baier 240'000 Franken.

Doch bevor es um einen allfälligen Freispruch und damit verbundene Geldforderungen geht, muss sich das Kantonsgericht erneut mit den Sperisen zur Last gelegten Verbrechen beschäftigen. Staatsanwalt Yves Bertossa beschuldigt Sperisen, als ehemaliger Chef der guatemaltekischen Polizei für die Tötung von zehn Gefangenen verantwortlich zu sein.

Entscheidende Befehle

Im September 2006 war Sperisen mit Sicherheitskräften ins Gefängnis Pavón eingedrungen. «Pavo Real» hiess die Operation. Sieben Häftlinge starben. Für den Staatsanwalt ist klar, dass sie gezielt und grundlos erschossen wurden. Bereits ein Jahr zuvor waren drei Häftlinge getötet worden. Sie waren aus dem Gefängnis El Infiernito (Die kleine Hölle) geflohen. Sperisen soll bei beiden Verbrechen die entscheidenden Befehle gegeben haben.

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Sperisen, für die Tötung von zehn Gefangenen verantwortlich zu sein.

2007 wurde es für Sperisen, der den Übernamen «Der Wikinger» trug, und für seine Familie in Guatemala zu gefährlich. Er floh in die Schweiz und lebte fünf Jahre unbehelligt in Genf. Im August 2012 wurde er festgenommen. Die Nichtregierungsorganisationen Amnesty International und Trial International (die sich gegen Straffreiheit für internationale Verbrechen einsetzt), hatten die Genfer Staatsanwaltschaft auf Sperisens mutmassliche Taten aufmerksam gemacht.

Verantwortung ausser Frage

Staatsanwalt Bertossa betonte gestern, das Bundesgericht habe die strafrechtliche Verantwortlichkeit Sperisens an den Verbrechen nicht infrage gestellt. Das Kantonsgericht müsse nur feststellen, wofür genau man den dreifachen Familienvater verantwortlich machen könne. Bertossa beantragte bei der Gerichtspräsidentin Alessandra Cambi Favre-Bulle deshalb die Erweiterung seiner Klage. Aufgrund des Bundesgerichtsurteils wollte er nebst zehnfachem Mord neu subsidiär auch auf Gehilfenschaft zu Mord und, wegen Unterlassung des Gefangenenschutzes, auf pflichtwidriges Untätigbleiben klagen. Das Strafmass wäre hierfür reduziert, doch die Wertung für eine strafbare Handlung wäre ebenfalls tiefer. Sperisens Anwälte entgegneten, das Recht lasse eine nachträgliche Abänderung der Anklageschrift nicht zu.

Das Gericht lehnte Bertossas Antrag ab, jedoch auch sämtliche Forderungen von Sperisens Anwälten. Diese hatten unter anderem dafür plädiert, Entlastungszeugen aufzubieten und einzelne Beweise für die Polizeiaktion im Gefängnis Pavón nicht mehr zu würdigen.

Morgen werden vor Gericht erstmals zwei Experten der UNO-Untersuchungskommission für die in Guatemala begangenen Verbrechen als Zeugen angehört. Durch ihre Arbeit wurde der Genfer Prozess gegen Sperisen erst möglich. Ihre Befunde stehen aber auch in der Kritik, weil sie den Anforderungen der Schweizer Justiz nicht standhalten könnten. Die Experten müssen so auch kritische Fragen zu ihrer Arbeit beantworten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2018, 22:01 Uhr

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