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Erzherzog, Banker – und jetzt Mönch

Erzherzog Johannes von Habsburg-Lothringen wuchs im Kanton Freiburg auf, dann wurde er Banker in Paris. Jetzt dient er Gott als Mönch und Priester – und Randständigen als Freund.

Michael Meier
Für Bruder Johannes war der Name Habsburg oft auch eine Bürde. Foto: Fabienne Andreoli
Für Bruder Johannes war der Name Habsburg oft auch eine Bürde. Foto: Fabienne Andreoli

Bruder Johannes hat für jeden ein freundliches Wort. Während des mehrtägigen Jugend- und Glaubensfestivals Metanoia bei St-Maurice VS ist der 37-Jährige ständig auf Trab. Auf der Wiese der Märtyrer in Vérolliez kümmert er sich um die Besucher, nimmt die Beichte ab, leitet die Anbetung und zelebriert mit anderen Priestern die Messe. Der feingliedrige Mann mit Kutte, Kreuz und Sandalen wirkt hellwach, neugierig, herzlich.

Als er auf der gleichen Wiese am 16. Juni zum Priester geweiht wurde, waren 2000 Leute zugegen, auch die Regenbogenpresse. Denn der Neupriester hiess im profanen Leben Erzherzog Johannes von Habsburg-Lothringen. Er ist der Urenkel des letzten österreichischen Kaiserpaares Karl und Zita. Er habe sich oft gefragt, was es bedeutet, in die einst mächtigste Adelsfamilie Europas mit 21 Königen und 16 Kaisern hineingeboren zu werden, sagt er. «Ist das bloss dumpfe Nostalgie oder eine Mission? Nach und nach habe ich verstanden, dass Gott von mir den Adel des Herzens verlangt.»

Seit zwölf Jahren versucht er diesen inneren Adel in der Gemeinschaft Eucharistein zu leben. Ein neuer religiöser Orden, den der frühere Walliser CVP-Politiker Nicolas Buttet 1996 gegründet hatte. Die 40 Mitglieder wohnen in je zwei schweizerischen und französischen Niederlassungen. Revolutionär dabei ist, dass hier Männer und Frauen gemeinsam nach den Gelübden Armut, Keuschheit und Gehorsam leben und gestrauchelte Menschen aufnehmen.

«Leer und einsam»

Doch Johannes’ Weg zum Priester und Mönch verlief nicht etwa gradlinig. Der Spross aus streng katholischem Elternhaus studierte nach der Matura am Collège St-Michel in Freiburg an der Universität St. Gallen Betriebswirtschaft. Dann begann er eine Karriere als Investmentbanker in Paris, bei JP Morgan, Abteilung Fusionen und Akquisitionen. «Häufig hatten wir einen 18-Stunden-Tag und arbeiteten bis 2 Uhr morgens in der Früh», erzählt Johannes. Trotz Geld und Reputation, trotz äusserlich glanzvollen Perspektiven habe er sich jedoch leer und einsam gefühlt. «Ich gehörte zu jenen, die militant nach dem Sinn des Lebens suchten. Ich war fromm, betete viel, trotzdem war Gott nicht konkret in meinem Leben spürbar.»

Also entschied er sich für ein Zwischenjahr am katholischen Institut Philanthropos in Bourguillon, ebenfalls gegründet von Nicolas Buttet. Seine kleine Schwester Maria-Schnee, die wie er zur Gemeinschaft Eucharistein gehört, sagte ihm damals: «Bitte Jesus, er soll in dein Herz kommen.» Eines Morgens, während er als Ministrant den Gläubigen den Kelch reichte, habe er existenziell gespürt: «Jesus ist da, er ist alles für mich. Und ich bin für ihn bestimmt. Das war nicht theoretisch, sondern eine echte Begegnung, unsagbar!» Er habe eine Berufung gefühlt wie Abraham, alles hinter sich zu lassen. «Ich entleerte mich von allem, um mich ganz mit Gott zu füllen.» Seine Masterarbeit in Theologie an der Uni Freiburg hiess «La menace divine», die göttliche Drohung.

Der Name als Bürde

Erzherzog Johannes von Österreich, wie er auch heisst, ist der Sohn eines Vermögensverwalters und das dritte von acht Geschwistern. Er hat die belgische Staatsbürgerschaft, verbrachte aber den grössten Teil seines Lebens in der Schweiz. An ihr liebt er die politische Konsensfähigkeit, Bruder Klaus und Friedrich Dürrenmatt.

Der Name Habsburg war ihm oft auch eine Bürde. Als er in der Primarschule von Romont lernte, wie die Waldstätter gegen die bösen Habsburger loszogen, wurde er von den Mitschülern ausgelacht. Er erinnert sich, als Kind die im bündnerischen Zizers exilierte Kaiserin Zita besucht zu haben. Er war dabei, als sie 1989 mit einem glanzvollen Umzug in Wien zu Grabe getragen wurde. Er war 2004 in Rom, als Papst Johannes Paul II. seinen Urgrossvater, Kaiser Karl I., seligsprach.

Auf beide lässt er keine Kritik kommen, im Gegenteil, sie sind seine Vorbilder. Er sei deren direkter Abkömmling, nicht nur vom Blut her, sondern vor allem auch spirituell. «Unglaublich, was sie erlebt haben. Ihre Biografien haben mich tief bewegt und geprägt.» Trotz krasser Prüfungen sei ihnen Verbitterung fremd gewesen. Als Kaiser Karl 1922 entmachtet und verarmt auf Madeira starb, war Zita 29-jährig und mit dem achten Kind schwanger. Es ist nicht so sehr die Fallhöhe, die Johannes beeindruckt, sondern die Lebensphilosophie der beiden: «Ob oben oder unten: Immer war Gott ihr einziger wirklicher Reichtum.»

Auch wenn er die Monarchie für keine schlechte Staatsform hält, sieht sich Johannes nicht als Royalist. Die Allianz von Thron und Altar, die das Haus Habsburg als katholische Grossmacht während Jahrhunderten festigte, gibt es nicht mehr. Den heute lebenden Habsburgern attestiert er einen Sinn für Bescheidenheit. Die wenigsten gehörten zum Jetset, die wenigsten lebten in Glanz und Wohlstand.

Wie Papst Franziskus unterscheidet auch Bruder Johannes zwischen sozial und existenziell Armen. Letztere sind Alkohol-, Drogen- oder Internetgeschädigte, Entlassene aus psychiatrischen Kliniken. Mit solchen randständigen Menschen wohnt Bruder Johannes heute in der französischen Niederlassung von Eucharistein, in Saint Jeoire unweit von Genf zusammen.

Die Kraft des Leibs Christi

«Wir sind für sie weder Psychiater noch Sozialarbeiter, wir wollen ihnen einfach Freund und Bruder sein.» Regelmässig leitet Johannes sie zu Schreinerarbeiten an. Im Zentrum der Gemeinschaft aber steht die Eucharistie: Der Leib Christi ist immer in der Monstranz zur Anbetung ausgesetzt. Aus dieser Kraft heraus versuche man wie Papst Franziskus ganz praktisch mit den Armen zu sein, so Johannes. Nur logisch, dass er am Gottesdienst mit Franziskus Ende Juni in Genf teilgenommen hat – fünf Tage nach der eigenen Priesterweihe.

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