«Es braucht auch Laien»

Michelle Halbheer hat nach Erscheinen ihres Buches «Platzspitzbaby» Suchtkranke und deren Familien beraten. Das heutige Vormundschaftswesen sei verbesserungswürdig.

«Geschafft habe ich es noch lange nicht»: Michelle Halbheer über den Kampf gegen die Drogen. Foto: Giorgia Müller

«Geschafft habe ich es noch lange nicht»: Michelle Halbheer über den Kampf gegen die Drogen. Foto: Giorgia Müller

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Ein Aargauer Elternpaar hat den Behörden seine Kinder entzogen, der Vater erhält rundherum grossen Beifall. Was denken Sie darüber?
Es ist sehr schwierig, Stellung zu beziehen, ohne den Fall genau zu kennen. Ich vermute aber schon länger, dass Behörden bei kleineren Problemen, etwa wenn die Mutter überfordert ist, eher intervenieren, als wenn wirklich eine Gefahrensituation besteht, in der Amtspersonen auch selbst tätlich angegriffen werden könnten. Ich will das nicht verallgemeinern. Was aber auffällt: Wenn eine Familie in der Lage ist, eine solche Aktion in die Wege zu leiten und die Kinder ausser Landes zu bringen, ohne gefasst zu werden, muss eine starke Familienstruktur vorhanden sein. Bei mir wäre so etwas unmöglich gewesen. Ich frage mich: Ist in dieser Familie wirklich so viel falsch gelaufen, oder hat man interveniert, um einen Fall für die Statistik zu haben?

Dass Behörden lieber in weniger dramatischen Fällen intervenieren als in den richtig schlimmen – worauf stützen Sie diese Aussage?
Dass Behörden Angst haben vor einer gewalttätigen Drogensüchtigen, habe ich selber erlebt, aber ich beobachte es auch in anderen Fällen. Beispielsweise habe ich eine Jugendliche begleitet, die nach einem Suizidversuch in die Psychiatrie eingeliefert worden war. Dort hätte man sie schützen müssen, doch das gelang nicht richtig, weil die Beiständin Angst hatte vor den Eltern der Jugendlichen, die im Milieu verkehren. Das wurde mir irgendwann klar. Die Angst kann ich nachvollziehen, aber nicht die Tatsache, dass die Beiständin keine Hilfe holte. In solchen Fällen ist eine Betreuungsperson wirklich gefordert.

Aufgrund Ihrer Geschichte erstaunt es mich, dass Sie die Behörden kritisieren. Ich habe erwartet, dass Sie im Zweifelsfall einen Obhutsentzug befürworten würden.
Nein. Ich bin sehr strikt, wenn es um Drogen geht. Warum soll ein Drogenkonsument sein Auto abgeben müssen, das Kind aber behalten dürfen? Aber es darf nicht ausarten wie zu Zeiten, als man ledigen Müttern die Kinder weggenommen hat, weil sie kein regelkonformes Leben führten. Sorgen sind menschlich.

Berücksichtigt das die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) zu wenig?
Das Problem ist: Wer heute ein Diplom besitzt, das ihn dazu befähigt, Kinder zu erziehen, der kann es. Wer kein Diplom hat, kann es nicht. Fachwissen ist alles, die praktische Erfahrung zählt wenig. Das ist vor allem deshalb ein Problem, weil die Behörde damit sehr weit entfernt ist von ihrer Klientel. Sie besteht aus Fachleuten mit sauberen Lebensläufen. Diese entscheiden über Menschen, die ein Chaos haben. Eine Amtsperson mit Lebenserfahrung hat ein ganz anderes Einschätzungsvermögen, eine ganz andere Art, mit solchen Leuten zu reden. Ich beobachte auch, dass sich Kesb-Mitarbeiter gegenüber Süchtigen und ihren Angehörigen auf eine höhere Stufe stellen. Das machen sie wohl auch, um sich abzugrenzen. Aber es kann kontraproduktiv sein, weil sich das Gegenüber dann zurückzieht.

Würden mehr Kinder gerettet, wenn Laien entscheiden würden?
Es braucht beides, da bin ich überzeugt. Es ist sehr wichtig, dass Fachpersonen dabei sind, die sich unemotional auf die Fakten stützen und auf theoretisches Wissen zurückgreifen können. Es braucht aber auch Lebenserfahrung. Wir müssen diese Balance wiederfinden.

Sind Sie selber als Nichtfachperson von der Kesb abgewiesen worden?
Ja, die meisten Kesb waren mir gegenüber abweisend, aber nicht alle. Mit einigen habe ich gut zusammengearbeitet. Einmal hatte ich einen Fall eines Jugendlichen, der mit der Psychologin von der Kesb nicht klarkam. Das war auch kein Wunder, denn die Psychologin war erst Ende 20 und offensichtlich überfordert. Ich habe mich als Begleitperson für den nächsten Termin mit der Psychologin angemeldet und erhielt die Antwort, das sei nicht erlaubt. Ich wehrte mich dagegen mit einem Anwalt, und die Kesb lenkte sofort ein, entschuldigte sich und bezeichnete es als Missverständnis. Ich halte es für gefährlich, dass nur noch richtig behandelt wird, wer glaubhaft mit rechtlichen Schritten droht.

Früher haben Laien über Massnahmen entschieden, heute sind es Fachleute – so oder so ist das System willkürlich, weil Begriffe wie Kindeswohl oder Vernachlässigung nicht klar definiert sind.
Die Willkür besteht aber vor allem darin, dass Leute entscheiden, die am weitesten vom Fall entfernt sind. Ich habe erlebt, dass Krippenpersonal, Lehrer und weitere Leute den Beistand eines Kindes informiert haben, es könne so nicht mehr weitergehen. Dieser hat verfügt, es sei alles okay – obwohl er das Kind nur alle zwei Monate sieht. Für mehr hat der Beistand auch keine Zeit, schliesslich hat er rund 150 pendente Fälle.

Ein Problem ist auch, dass die Kesb zu viel Arbeit und zu wenig Geld hat.
Absolut. Ich sage bei jeder Gelegenheit, dass es sinnvoll wäre, im früheren Stadium mehr zu investieren, nicht erst dann, wenn die Leute schwerkrank sind. Es würde sich lohnen, Problemfamilien richtig zu betreuen.

Sie unterstützen also die breite Kritik an der Kesb?
Ich verstehe sie teilweise. Man muss aber differenzieren und vor allem beachten, dass die Öffentlichkeit die Fälle nicht im Detail kennt. Ich kritisiere zwei Punkte: dass die Theorie vorherrscht und dass der entscheidungsbefugte Theoretiker den Fall in der Regel schlecht kennt. Es gibt noch ein weiteres Problem: Die ­involvierten Behörden, Kesb, Jugend­anwaltschaft, Polizei, Kinderspital, sind mitunter damit beschäftigt, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen und sich die Schuld zuzuschieben, statt im Interesse eines Kindes an einen Tisch zu sitzen.

Wenn Sie mit früher vergleichen, mit den Achtzigerjahren – ist es besser geworden?
Es gibt zumindest Bemühungen, es besser zu machen. Positiv ist, dass einige Behörden, etwa im Kanton Zürich, anerkennen, dass Verbesserungen nötig sind.

Kinder, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen, haben ein vielfach höheres Risiko, selber abzustürzen. Welche Faktoren helfen, das zu verhindern?
Zuerst muss ich vorausschicken, dass ich es keineswegs geschafft habe, wie manche fälschlicherweise annehmen. Das habe ich vielleicht, wenn ich dann 90 Jahre alt bin. Ich habe die erste Etappe geschafft, könnte man sagen. Aber es ist ein dauernder Kampf, auch gegen Drogen, ich habe das Suchtverhalten meiner Mutter geerbt. Ein Kampf ist es auch, weil die Erlebnisse immer wieder hochkommen und mich zu einer Pause zwingen. Was vernachlässigten Kindern hilft – bei mir war es das Selbstvertrauen, das mir in frühester Kindheit vermittelt worden war. Es ist geblieben, ebenso der Respekt vor dem Leben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2015, 04:42 Uhr

Michelle Halbheer

Die 30-Jährige ist Autorin des Buches «Platzspitzbaby», in dem sie ihre Kindheit als Tochter einer Heroinsüchtigen beschreibt. Nach dessen Erscheinen 2013 betätigte sie sich als Beraterin. «Ich bekam viele Zuschriften von Personen mit Drogenproblemen.» Seit einigen Monaten pausiert sie mit dieser Nebentätigkeit, «weil sie psychisch sehr belastend ist». Danach will sie mit reduziertem Pensum weitermachen. (bl)

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