Es braucht ein Impfobligatorium

Spitalpersonal, das sich nicht impfen lässt, gefährdet Patienten und ist ein schlechtes Signal an die Bevölkerung.

Viele Schweizer sind immer noch misstrauisch gegenüber der Grippenimpfung – auch wenn die Fakten dafür sprechen. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Viele Schweizer sind immer noch misstrauisch gegenüber der Grippenimpfung – auch wenn die Fakten dafür sprechen. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Rund ein Viertel des Schweizer Spitalpersonals lässt sich gegen Grippe impfen. Das sind nur wenig mehr als die bescheidenen 18 Prozent in der Gesamtbevölkerung. Sogar darunter liegt die rekordverdächtig schlechte Impfquote des Pflegepersonals am Unispital Zürich von 15 Prozent. Die Spitalärzte stehen besser da. Doch auch ihre Raten sind zu tief und kein Grund für Freudensprünge.

Es fällt schwer, für diese immer wieder kritisierte Situation Verständnis aufzubringen. Spitalmitarbeiter, die regelmässig Kontakt mit Patienten haben, setzen diese mit ihrer Haltung einem vermeidbaren Ansteckungsrisiko aus. Ebenso schlimm: Die Impfverweigerung ist ein denkbar schlechtes Signal. Wie sollen insbesondere Eltern davon überzeugt werden, ihre Kinder gegen Kinderlähmung, Starrkrampf oder Röteln impfen zu lassen, wenn sich nicht einmal das medizinisch geschulte Personal der Universitätsspitäler an offizielle Impfempfehlungen hält?

In einer aktuellen Befragung des Unispitals Basel und des Kantonsspitals St. Gallen klagen nun Pflegerinnen und Pfleger, dass sie sich durch die «moralisierende Kommunikation» stark unter Druck gesetzt fühlen. Interessanterweise führt dieser Druck jedoch nicht dazu, dass sich die Betreffenden impfen lassen. Im Gegenteil: Er löse zusätzlichen Widerstand aus und verhindere, dass in Behandlungsteams über Impfungen geredet werde, heisst es.

Allerdings fällt es schwer, bei der Thematik nicht moralisierend zu argumentieren. Schliesslich ist hinreichend bekannt, dass die Grippe zu Todesfällen führt. Gerade die vergangene Grippesaison gehörte zu den besonders harten: 1600 zusätzliche Todesfälle wurden registriert, vor drei Jahren gar 2200. Darunter dürften sich gemäss Schätzungen von Experten bis zu 300 Spitalpatienten befinden. Nicht immer handelt es sich dabei um Schwerstkranke mit kurzer Lebenserwartung.

Auch die aktuelle Grippesaison, die sich auf ihren Höhepunkt zubewegt, könnte wieder hart werden. Aber natürlich, es gibt auch viele milde Jahre, in denen sich keine Grippetoten nachweisen lassen. Das Virus tritt jedes Jahr in einer neuen Variante auf und ist deshalb nicht immer gleich aggressiv. Das macht auch die Wahl des passenden Impfstoffs schwierig.

Hier setzt auch ein Argument von Grippeimpfmuffeln an. Zu Recht bemängeln sie den schlechten Schutz der Immunisierung. In der letzten Saison beispielsweise lag er in internationalen Studien zwischen 40 und 50 Prozent. Wer kerngesund ist und kaum je krank wird, mag diesen Nutzen als zu gering empfinden und sich gegen die Impfung entscheiden.

Doch wenn ein ganzes Spital sich immunisieren lässt, fällt auch der schlechte Schutz ins Gewicht. Zumindest potenziell führt dies zu einer Halbierung der Ansteckungen, die vom Personal ausgehen. Eine sicher nicht vernachlässigbare Ergänzung zu den anderen Massnahmen wie Händewaschen und Maskentragen, die Patienten ebenfalls vor einer Ansteckung schützen können und die – obwohl viel aufwendiger – vom Personal deutlich besser umgesetzt werden.

Selbst wenn das alles nicht überzeugt: Die Grippeimpfung ist wirklich keine grosse Sache. Schwere Nebenwirkungen sind extrem selten – da ist der tägliche Arbeitsweg massiv gefährlicher.

Überwiegendes öffentliches Interesse

Die Basler und St. Galler Forscher wollen im Rahmen ihres noch laufenden Projekts die Situation verbessern. Ob dies mit weniger Moralismus und mehr Diskussionen in den Teams gelingen kann, ist fraglich. Effizienter wäre ein Impfobligatorium für medizinisches Personal in Spitälern. Impfen gilt zwar als Eingriff in die körperliche Integrität, die in der Bundesverfassung als Grundrecht garantiert ist, für welche es die Einwilligung der Betroffenen braucht. Doch wenn ein überwiegendes öffentliches Interesse besteht oder die Grundrechte von Dritten geschützt werden müssen, sind Ausnahmen möglich. Zumindest bei Impfungen unter anderem gegen Hepatitis B oder Diphtherie existieren entsprechende Gerichtsurteile.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2018, 19:35 Uhr

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