Es brodelt hinter den Kulissen der SRG

Alle reden von No Billag – aber wie geht es eigentlich denen, die bei einer Annahme der Initiative ihre Jobs verlieren würden?

Zwischen Angst und Aufbruchstimmung: An «Arena»-Moderator Jonas Projer entzündete sich am letzten Freitag die No-Billag-Kontroverse. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Zwischen Angst und Aufbruchstimmung: An «Arena»-Moderator Jonas Projer entzündete sich am letzten Freitag die No-Billag-Kontroverse. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Ein Nervensystem hat die Aufgabe, Reize aus der Umwelt aufzunehmen, für den Organismus zu interpretieren und in Handlungen umzusetzen. Das mediale Nervensystem des Organismus Schweiz wäre die SRG – und es geht ihm nicht so gut. Destruktive Kräfte setzen ihm seit Monaten zu, bis in die Verästelungen sind die Angriffe spürbar.

Wie sehr, zeigte sich zuletzt am Freitag in der SRF-«Arena»: No-Billag-Initiant Olivier Kessler, eingeladen als Gast, versuchte die Sendung zu kapern, forderte die ­vorübergehende Absetzung von Moderator Jonas Projer und den Job für sich selbst.

Video – Das war die No-Billag-Arena

Die besten Szenen aus der Abstimmungs-«Arena» zu No Billag vom Freitagabend. (Video: Tamedia/SRF)

Der Putschversuch misslang, die Sendung fand wie geplant statt, doch ­Erregungswellen hallen in den sozialen Medien nach. «Die Nerven liegen blank», titelte die «SonntagsZeitung» – eine treffende Formulierung. Und wie geht es eigentlich den Menschen, die jeden Tag für uns Radio und Fernsehen machen?

«Je weiter weg von der Kamera, desto grösser die Angst.»Redaktor, Mitte 50

Wie ein Monolith ragt der SRF-Turm am Stadtrand Zürichs in den blauen Winterhimmel, innen sitzen vor einer kühl-weissen Empfangstheke zwei Frauen. Mitarbeiter wuseln herum, alles scheint seinen gewohnten Gang zu gehen, doch unter der Oberfläche brodelt es. Jeder und jede weiss, dass ihre Jobs bedroht sind: Visagistinnen, Produktionsassistenten, Tontechniker, Administration, Backoffice. Und natürlich auch die Journalisten selber.

Ihr Selbstvertrauen – oder ihre Kaderstufe – lässt sich ablesen aus den Reaktionen auf die Frage, wie das drohende Ende der SRG sich auf ihr Befinden und ihre Arbeit auswirke. Die meisten geben Auskunft, aber nur anonym. Andere verweisen, untypisch folgsam für Journalisten, auf die Direktion. Lange war die Stimmung sorglos, dann brach mit den ersten Umfragen im November plötzlich Panik aus. Es folgten gut gemeinte Versuche einer Sympathie-Offensive – darunter rührselige Bekenntnisse zur SRG – sie bewirkten das Gegenteil. In den sozialen Medien blieb nur hängen: «Die tun sich selber leid.» Darauf verhängte die Direktion ein Redeverbot.

Jetzt nur keine Experimente

Inzwischen wissen alle, was auf dem Spiel steht, man gibt sich demütig. Der Moderator einer Informationssendung betont, nur weil er vor der Kamera stehe, beanspruche er keinen Prominentenbonus – auch Moderatoren seien primär Journalisten. Jeder weiss um das Privileg des zuvor so sicheren und komfortablen Arbeitsplatzes.

Aber jetzt herrschten in den Gängen Nervosität und Angst, berichtet ein Redaktor Mitte 50. «In der Administration noch viel mehr als bei den Leuten, die vorn stehen. Je weiter weg von der Kamera und der Aufmerksamkeit, desto grösser die Angst.» Auf der anderen Seite würden hinter den Kulissen auch interessante Diskussionen geführt: Die einen sinnieren über journalistische Qualität im digitalen Zeitalter, andere über den Umfang von Service public und ob nicht doch etwas dran sei an der Kritik vom Wasserkopf und der Arroganz der SRG.

Gegen aussen versucht man möglichst korrekt zu sein: keine Experimente, so die Losung. Alle wissen: Selbst wenn die Initiative durchfällt, muss man reagieren. Nur wie, ist noch offen: An Sparmassnahmen und Restrukturierungen wird man nicht vorbeikommen, das ist klar. Man wird entscheiden müssen, welchen Journalismus man sich noch leisten kann und will. Und noch wichtiger: Man muss eine Antwort finden auf die Frage, wie man ein Publikum erreicht, das nicht mehr vor dem TV sitzt und lieber seinen eigenen Interessen folgt, als sich von einem vorgefertigten Programm berieseln zu lassen.

Eine Mitarbeiterin eines Nachrichtengefässes, sie ist Ende 40, bringt eine verbreitete Befindlichkeit mit folgender Aussage auf den Punkt: «Ich trenne zwischen meiner persönlichen Situation und meiner Rolle als Bürgerin. Was mich persönlich angeht, so bin ich zuversichtlich, einen anderen Job finden zu können. Aber die Aussicht, dass diese wichtige Institution abgeschafft werden könnte, finde ich als Bürgerin bedenklich.» So geht es vielen, die Reaktionen aber sind unterschiedlich.

Der bereits zitierte Moderator gibt zu bedenken, dass man, anstatt so defensiv zu bleiben, ja auch in die Offensive gehen könnte, wie das Moderatoren bei ZDF, ORF und ARD zuweilen tun: «Farbe bekennen, eine Meinung haben, sich in Debatten einmischen und somit das Profil schärfen, das wäre vielleicht die bessere Strategie», sagt er. Namentlich zitieren lassen will er sich dennoch nicht – zu riskant.


Video: Grösste Schweizer Sportveranstalter gegen «No Billag»

OK-Präsident des Lauberhornrennen: Die Annahme der No-Billag-Initiative hätte tiefgreifende Folgen für den Schweizer Sport. (2.2.2018) Video: Tamedia/SDA


Nicht nur Angst und Verunsicherung

Doch es gibt nicht nur Angst und Verunsicherung. Ein Radiomitarbeiter berichtet: «Natürlich bin ich gegen die Initiative. Aber als Privatperson gibt es da eine Stimme in mir, die gern sehen würde, was bei einer Annahme passieren würde. Das wäre wie das Swissair-Grounding. Und ich wäre dann gezwungen, etwas ganz anderes zu machen.» Was der Belegschaft mehr zusetze als die Initiative selber, seien die Fehlinformationen. Dann habe man das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen, aber entweder könne oder dürfe man nicht.

Mehrmals wird ein Artikel der «SonntagsZeitung» vom November erwähnt, in dem drei Viertel der SRF-Journalisten als links bezeichnet worden waren. «Was haben die Medienvertreter eigentlich davon, wenn sie gegen die SRG schiessen?», fragt die Mitarbeiterin im Nachrichtengefäss. «Wenn der Laden hier zumachen muss, wird die ganze Schweizer Medienszene betroffen sein.»

Manchmal ist die Kritik so absurd, dass sie fast komisch ist.

Manchmal ist die Kritik so absurd, dass sie fast komisch ist – zum Lachen ist den Mitarbeitern dennoch nicht. «In Onlinekommentaren liest man zuweilen vom stalinistisch-marxistisch gesteuerten Staatssender. Ich frage mich: Was meinen sie damit? Und woran machen sie diese Aussagen fest?», sagt dieselbe Mitarbeiterin.

Neben der gehässigen Kritik, so hört man verschiedentlich, erreichen die Mitarbeiter auch viel Lob und aufmunternde Worte. Die Angriffe auf die SRG, die schon 2015 mit der Abstimmung über das Radio- und Fernsehgesetz begannen, hätten teilweise auch positive Effekte auf den Teamgeist, sagt ein weiterer Mitarbeiter Mitte 50. «Es hat uns zusammengeschweisst, wie ein Ba­taillon unter Beschuss.» Ob das nun eher Bunkerstimmung bedeutet oder für die tägliche Arbeit fruchtbar ist, bleibt offen.

Sympathie durch Swissness

Michael Schuler, Leiter Fachredaktion Musik, ist wichtig genug, um ohne den Segen der Direktion mit Journalisten sprechen zu dürfen. Er hat nicht mehr zu lachen als alle anderen, dafür hatte er die Idee für ein taktisch geschicktes Manöver. Auf die Frage, wie die Abstimmung die Arbeit beeinflusse, sagt er: «Wir sind demütig und versuchen durch Leistung zu punkten.»

Wie er sich das vorstellt, ist diese Woche zu hören. Der Radiosender SRF 3 steht bis Freitag ganz im Zeichen von Schweizer Musik. Alle Music-Specials senden ausschliesslich heimische Produktionen, am Freitag gibts dann auf allen Sendern nur Schweizer Musik zu hören. Abends gehen mit grossem Pomp die Swiss Music Awards über die Bühne. Das habe zwar direkt nichts mit der Abstimmung zu tun, sagt Schuler. Trotzdem ist es, auf dem Höhepunkt des Abstimmungskampfs, eine einzige Werbesendung für die Bedeutung von SRF für die hiesige Musikszene. Wer so viel Swissness sät, kann fast nur Sympathie ernten.

Im Leutschenbach will niemand daran denken, wie eine Schweiz ohne SRG, ohne mediales Nervensystem, aussähe. Aber unvorstellbar ist das Szenario einer Annahme der No-Billag-Initiative am 4. März nicht mehr. Bis dann warten alle ab. «Wir arbeiten einfach weiter», sagt die Redaktorin des Newsgefässes. «Selbst wenn es so weit kommt, habe ich ein Jahr Zeit, mich nach einem neuen Job umzusehen. Gring ache u seckle.» Solange die Nerven das noch zulassen.


Video: «Die No-Billag-Initiative kommt nicht durch»

Die Inlandredaktoren Alan Cassidy und Philipp Loser diskutieren über das Politjahr 2017. (22.12.2017) Video: TA

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2018, 20:49 Uhr

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