Es droht eine Altersarmut

Die tiefe Verzinsung der Pensionskassenguthaben führt zu grossen Renteneinbussen.

Niedrigere Renten, aber teurere Mieten und Krankenkassen: Es droht Altersarmut. Foto: Thomas Egli

Niedrigere Renten, aber teurere Mieten und Krankenkassen: Es droht Altersarmut. Foto: Thomas Egli

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In der bisherigen Rentenreformdiskussion stand – neben dem Thema AHV – der Ausgleich der Renteneinbussen infolge der Senkung des Umwandlungssatzes im Vordergrund. Was dabei unterging: Noch dramatischer sind die künftigen Renteneinbussen infolge der niedrigeren Verzinsung der Pensionskassenguthaben.

Während längerer Zeit betrug die Verzinsung der Pensionskassenguthaben um 4 Prozent. Bei Einzahlungen von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträgen von zum Beispiel 300'000 Franken während der Dauer eines Arbeitslebens von 40 Jahren erhöhte sich bei einer durchschnittlichen Verzinsung von 4 Prozent das Guthaben bis zur Pensionierung um rund 100 Prozent. Das Altersguthaben summierte sich somit bis zur Pensionierung auf 600'000 Franken.

Beträgt inskünftig die durchschnittliche Verzinsung nur noch 1 Prozent, so vermehrt sich das Guthaben lediglich um rund 22 Prozent. Am Ende des Erwerbslebens resultiert dann nur noch ein Altersguthaben von 366 000 Franken. Das führt bei einem Umwandlungssatz von 6 Prozent zu einer jährlichen Rente von lediglich 22'000 Franken gegenüber 36'000 Franken bei der höheren Verzinsung. Die Monatsrente reduziert sich dann von 3000 auf 1850 Franken. Wird in Zukunft dazu der Umwandlungssatz noch weiter gesenkt, resultieren 50 Prozent tiefere Renten.

Es ist damit zu rechnen, dass der Zinssatz längerfristig auf tiefem Niveau bleibt. Viele Fachleute teilen diese Erwartung. So meinte der Finma-Chef Mark Branson schon vor zwei Jahren: «Tiefe Zinsen könnten Jahrzehnte andauern.» Die hohe Verschuldung vieler Länder und die steigenden Schulden Privater lassen eine Zinserhöhung kaum zu. Und mit den rapid wachsenden Vermögen der Reichsten steht immer mehr Kapital zur Verfügung, das nach Anlagen sucht. Japan macht es vor: Seit 20 Jahren liegt dort der Zinssatz nahe bei null.

Steigende Mieten, höhere Prämien

Zwar ist damit zu rechnen, dass bei andauernd tiefen Zinsen auch die Teuerung relativ tief ausfällt, sodass im Schnitt die realen Rentenverluste klein bleiben. Aber die vor allem in städtischen Gebieten auch in Zukunft überproportional steigenden Mieten sowie die – im Konsumentenpreisindex nicht abgebildeten – immer höheren Krankenkassenprämien führen dazu, dass die künftigen Renten bei einem wachsenden Teil der Bevölkerung nicht ausreichen werden.

Die nächste Vorlage zur Rentenreform muss das berücksichtigen. Soll verhindert werden, dass breiten Schichten Altersarmut droht, muss die Diskussion ohne ideologische Scheuklappen geführt werden. In eine neue Vorlage zur AHV-Revision muss ein Ausgleich für die Verluste der zweiten Säule eingebaut werden. Dabei gehören Vorschläge zur Erhöhung der AHV-Mindestrente ebenso auf den Tisch wie eine Überführung des obligatorischen Teils der zweiten Säule in die AHV mit angepassten Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträgen. Andernfalls erfolgt ein erneuter Absturz beim Souverän.

Erstellt: 04.10.2017, 21:11 Uhr

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Hans Kissling

Volkswirtschafter und ehemaliger Chef des Statistischen Amtes des Kantons Zürich

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