«Es tickt eine sozialpolitische wie finanzielle Zeitbombe»

Aufgrund der vielen schlecht qualifizierten Flüchtlinge rechnet Skos-Co-Präsident Felix Wolffers mit einem deutlichen Anstieg der Sozialhilfequote.

«Es droht uns eine sozialpolitische wie finanzielle Zeitbombe»: Felix Wolffers, Co-Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) und Chef des Sozialamts der Stadt Bern.

«Es droht uns eine sozialpolitische wie finanzielle Zeitbombe»: Felix Wolffers, Co-Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) und Chef des Sozialamts der Stadt Bern.

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Laut den neuesten Zahlen lag die Sozialhilfequote 2014 gleich tief wie 2005. Das sind doch gute Nachrichten?
Grundsätzlich ja, weil in der öffentlichen Diskussion die Erwartung herrscht, dass die Zahl der Sozialhilfebezüger steigt. Aber die schlechte Nachrichten ist, dass die Langzeitfälle kontinuierlich zunehmen, die Leute bleiben also immer länger von der Sozialhilfe abhängig.

2014 war wirtschaftlich gesehen eher ein gutes Jahr, das Wachstum betrug satte 1,9 Prozent.
Die Sozialhilfequote ist nicht ein unmittelbares Abbild der wirtschaftlichen Entwicklung, weil die Arbeitslosenversicherung Entlassungen etwa zwei Jahre puffert. Ausserdem sind die Auswirkungen eines wirtschaftlichen Aufschwungs auf die Sozialhilfequote kurzfristig relativ gering. Denn beruflich schlecht Qualifizierte profitieren nur teilweise von einem wirtschaftlichen Aufschwung.

Die allgemeine Sozialhilfequote betrug 3,2 Prozent, bei den Ausländern war sie mit 6,5 Prozent rund 2 Prozent höher als bei den Schweizern. Liegt dies im üblichen Rahmen?
Das ist eine sehr typische Erscheinung. Wobei die Nationalität nicht die Hauptursache dafür ist, sondern die berufliche Qualifikation: Die Sozialhilfequote unter den Deutschen beispielsweise ist tiefer als bei den Schweizern. Denn in der Schweiz lebende Deutsche sind allgemein überdurchschnittlich gut qualifiziert.

Die höchste Quote unter den Ausländern wiesen die Afrikaner mit knapp 30 Prozent aus. Damit wird doch das Vorurteil bestätigt, dass Afrikaner in die Sozialhilfe flüchten oder auswandern.
Die Personen kommen vielfach als Flüchtlinge in die Schweiz und bringen einen ganzen Korb voller Probleme mit sich. Dazu kommt, dass sie eher schlecht qualifiziert sind. Aber es ist ganz klar: Die hohe Sozialhilfequote unter den Afrikanern ruft nach Massnahmen.

Zahlen zu 2015 gibt es noch nicht. Letztes Jahr flüchteten 40’000 Menschen in die Schweiz. Was bedeutet dies für Entwicklung der Sozialhilfe?
Die Erwerbsquote der Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen ist sehr tief. Wenn die Finanzierung des Bundes nach fünf bis sieben Jahren abläuft, werden die Kosten in den Gemeinden deutlich ansteigen.

Was heisst dies in Zahlen?
Wir rechnen damit, dass die Zahl der Unterstützten mittelfristig um mindestens 4 Prozent ansteigen wird – und zwar pro Jahr und kumuliert. Damit werden entsprechend auch die Kosten wachsen.

Nach den Afrikanern dominieren nun Flüchtlinge aus dem Nahen Osten. Haben Sie als Leiter des Stadtberner Sozialamtes bereits Erfahrungen gemacht mit Syrern?
Im Kanton Bern kommen diese Menschen erst in fünf bis sieben Jahren aufs Sozialamt. Wir haben deshalb noch kaum direkte Erfahrungen gemacht.

Darf man hier von einer Zeitbombe sprechen?
Ja, es droht uns eine sozialpolitische wie finanzielle Zeitbombe, wenn es uns nicht gelingt, diese mehrheitlich sehr jungen Menschen rasch in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Woran ist dies bisher gescheitert?
Das Problem ist sehr schwierig nur durch gemeinsame Anstrengungen von Politik und Wirtschaft zu lösen. Es braucht einen runden Tisch des Bundes, der Kantone, der Gemeinden sowie der Sozialpartner, um gemeinsame Massnahmen festzulegen und deren Finanzierung sicherzustellen. Entsprechende Investitionen lohnen sich: Eine Person in der Sozialhilfe kostet die öffentliche Hand rund 25’000 Franken jährlich, ein einjähriger Qualifikationskurs ist etwa gleich teuer, verkürzt aber den Sozialhilfebezug deutlich.

Warum nicht – etwas salopp ausgedrückt – portugiesische Erdbeerpflücker oder polnische Erntehelfer durch syrische Flüchtlinge ersetzen?
Der Bund hat ein Pilotprojekt in der Landwirtschaft gestartet – doch die Zahlen sind erschreckend tief. Es braucht einfach viel mehr Anstrengungen.

Ein Dauerthema ist auch die Altersarbeitlosigkeit. Dass bei 56- bis 64-Jährigen die Sozialhilfequote von 1,9 auf 2,7 Prozent gestiegen ist, ist doch ein Indiz dafür, dass immer mehr ältere Menschen arbeitslos werden und am Schluss bei der Sozialhilfe landen.
Wer im fortgeschrittenen Alter arbeitslos wird, hat grosse Mühe, wieder einen Job zu finden. Deshalb hat er ein höheres Risiko, von der Sozialhilfe abhängig zu werden.

Haben Sie den Eindruck, dass die Wirtschaft auf Druck der Masseneinwanderungsinitiative den Inländervorrang lebt und damit auch vermehrt Ältere einstellt?
Nein, die Wirtschaft hat noch nicht im nötigen Ausmass umgedacht. Jedenfalls stellen wir fest, dass immer mehr ältere Menschen langzeitarbeitslos bleiben.

Es fällt auf, dass die allgemeine Sozialhilfequote in grossen Städten entgegen dem Trend leicht zurückgegangen ist. Wie erklären Sie sich das?
Das hat eindeutig mit dem Wohnungsmarkt zu tun. Günstige Wohnungen gibt es in grossen Zentren kaum mehr. Finanzschwache Personen und damit auch Sozialhilfebezüger werden vermehrt in die Agglomerationen verdrängt.

Erstellt: 05.04.2016, 18:01 Uhr

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Die Stadt Bern hat heute mitgeteilt, dass sie die Integration von Flüchtlingen und vor-
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Für die verschiedenen Integrationsmassnahmen beantragt der Gemeinderat dem Stadtrat insgesamt 3,8 zusätzliche Stellen, welche ab Mitte 2016 und befristet bis Ende 2019 geschaffen werden sollen. Die Kosten für die Stellen, die Bereitstellung von Programmen sowie für Leistungsverträge zur Förderung der Freiwilligenarbeit belaufen sich bis Ende 2019 auf insgesamt 1,9 Millionen Franken.

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