«Es gibt viel effizientere Wege, um Geld zu waschen»

Eric Hollreiser vom Marktführer Pokerstars erklärt, weshalb sich ausländische Onlinecasinos für das Referendum gegen das neue Schweizer Geldspielgesetz engagieren.

Onlinepoker ist ein lukratives Geschäft – der Markt ist entsprechend stark umkämpft. Foto: Franck Ferville (VU, Laif)

Onlinepoker ist ein lukratives Geschäft – der Markt ist entsprechend stark umkämpft. Foto: Franck Ferville (VU, Laif)

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Onlinepoker boomt. Das Parlament will das lukrative Geschäft Schweizer Casinos vorbehalten, doch dagegen wehren sich die Jungparteien von FDP, SVP, GLP und Grünen. Sie stören sich an den Netzsperren, mit denen die ausländischen Anbieter aus dem Schweizer Markt ausgeschlossen werden sollen. Das Beispiel könnte Schule machen und Netzsperren in weiteren Bereichen nach sich ziehen, so die Befürchtung. Die Jungparteien und weitere Gruppierungen haben deshalb das Referendum gegen das neue Geldspielgesetz ergriffen. Sie haben bisher 40'000 Unterschriften gesammelt. Andri Silberschmidt, Präsident der Jungfreisinnigen, ist «verhalten optimistisch», dass es bis zum Ablauf der Frist am 18. Januar gelingt, die erforderlichen 50'000 Unterschriften zu überschreiten. Direkt nach den Weihnachtsferien werde das Komitee die Präsenz auf den Strassen noch einmal verstärken.

In der Auseinandersetzung um die Netzsperren sind jedoch nicht nur ideelle Interessen am Werk. Das Referendumskomitee der bürgerlichen Jungparteien – die Jungen Grünen gehören diesem nicht an – finanziert sich durch Geld aus dem Ausland. Fünf ausländische Anbieter von Online-Glücksspielen – Bwin, GVC, Pokerstars, Interwetten und Primanetworks – haben gemeinsam eine halbe Million Franken aufgeworfen, um das Referendum zu finanzieren. Online-Glücksspiele sind in der Schweiz heute zwar verboten, doch können Schweizer Spieler auf Anbieter wie Bwin, GVC, Pokerstars, Interwetten und Primanetworks ausweichen. Mit dem neuen Geldspielgesetz würden diese nun den Zugang zum Schweizer Markt verlieren.

Ist es legitim, als ausländisches Unternehmen ein Schweizer Referendum finanziell zu unterstützen?
Wir sind uns bewusst, dass Vorbehalte gegenüber Lobbying durch ausländische Gesellschaften bestehen. Unserer Ansicht nach wäre es aber vernünftig, wenn die Gesetzgeber die Erkenntnisse globaler Markt-Leader berücksichtigten. Wir sehen unsere Rolle im demokratischen Prozess darin, uns für bewährte Regelungen einzusetzen. Mit fast 15 Jahren Erfahrung in unserer Branche wissen wir, welche Vorschriften zum Schutz der Konsumenten funktionieren.

Wehren Sie sich nicht generell gegen eine Regulierung von Online-Glücksspielen?
Der Markt für Onlinepoker und Online-Casinospiele wird weltweit unweigerlich reguliert werden, weshalb wir uns aktiv dafür einsetzen. Eine kluge Gesetzgebung liegt in unserem Interesse als börsenkotierte Gesellschaft, denn sie sorgt für Rechtssicherheit und einen lebhaften Markt. Auf der anderen Seite garantiert sie den Schutz der Konsumenten – und nicht zuletzt Steuererträge für den Staat.

«Wir verfügen über mehr Informationen über unsere Spieler, als man denken würde.»

Die Netzsperren für ausländische Anbieter werden mit dem Schutz der Spieler begründet.
Der Ausschluss von einigen der besten Anbieter auf dem Markt bewirkt in der Regel, dass die Produkte nicht den Erwartungen der Konsumenten entsprechen. Die Erfahrung zeigt, dass diese auf den Schwarzmarkt ausweichen – etwas, das sich bei internetbasierten Produkten kaum verhindern lässt. Die Konsumenten landen in dieser Situation aber nicht unbedingt bei den vertrauenswürdigsten Anbietern, womit der Zweck der Gesetzgebung unterlaufen wird.

Ausländische Anbieter könnten nur ungenügend kontrolliert werden, so ein Argument für die Netzsperren.
Das ist kein stichhaltiges Argument. Wir sind derzeit in siebzehn Jurisdiktionen, darunter Frankreich, Spanien, Portugal, Grossbritannien und Dänemark, lizenziert und arbeiten dort unter der strengen Aufsicht der jeweiligen Regierungen.

Gleichzeitig lassen Sie aber auch Schweizer bei Ihnen spielen, ­obwohl Online-Glücksspiele in der Schweiz derzeit nicht erlaubt sind.
Wir sind mit einer Lizenz der Isle of Man tätig, die hohe Compliance-Standards vorschreibt, etwa betreffend Konsumentenschutz oder Geldwäscherei. Ob wir die internationalen Vorgaben in letzterem Bereich erfüllen, müssen wir durch ein internationales Gremium überprüfen lassen. Bei uns ist dies Moneyval, ein Expertenkomitee des Europarats. Gleichzeitig erlaubt uns die Lizenz, unsere Spiele weltweit anzubieten. Wir halten uns aber an die nationalen Gesetze. In Ländern, die ausländische Angebote verbieten, sind wir nicht tätig. Das ist in der Schweiz aber derzeit nicht der Fall.

Wie hoch ist Ihr Umsatz in der Schweiz?
Wir geben keine Umsatzzahlen für einzelne Märkte bekannt. Weltweit verfügen wir über einen Marktanteil von 70 Prozent im Markt für Onlinepoker.

Was tun Sie zum Schutz der Konsumenten?
Um die Gelder der Kunden zu schützen, trennen wir ihre Einlagen erstens strikt von unseren eigenen Geldern. Zweitens haben wir die bestmögliche Verteidigung gegen Hacker aufgebaut. Drittens stellen wir auch ein faires Spiel sicher.

Für uns arbeiten Suchtspezialisten. Sie helfen uns, vierundzwanzig Stunden am Tag unverantwortliches Spielverhalten zu erkennen.

Und wie halten Sie Spielsüchtige vom Spielen ab?
Wir suchen aktiv nach Spielern, die sich nicht verantwortungsvoll verhalten. Wir geben ihnen die Möglichkeit, sich selber zu sperren, schliessen sie wenn nötig aber auch gegen ihren ­Willen aus.

Wie erkennen Sie Spielsüchtige? Sie haben ja keinen persönlichen Kontakt mit ihnen.
Die Möglichkeiten werden immer besser. Wir verfügen über mehr Informationen über unsere Spieler, als man denken würde. Durch maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz können wir unsere Spielerdaten nicht nur statistisch untersuchen, sondern auch Anomalien erkennen – und zwar sowohl auf der aggregierten als auch auf der individuellen Ebene. Ändert jemand plötzlich sein Spielverhalten oder hat er plötzlich viel mehr Geld zur Verfügung, erhalten wir eine Warnmeldung. Wir können den Spieler dann kontaktieren und abklären, was vorgefallen ist: Will er nur sein Niveau verbessern, hat jemand anders Zugang zu seinem Account erhalten – oder hat er die Kontrolle verloren?

Wie kontaktieren Sie die Spieler?
Wir rufen sie in der Regel an. Für uns arbeiten Suchtspezialisten und Sozialarbeiter; sie helfen uns, vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage pro Woche unverantwortliches Spielverhalten zu erkennen.

Könnten Sie die Schweizer Vorschriften gegen Geldwäscherei einhalten?
Ja, wir tun dies in verschiedensten Ländern weltweit. Wir müssen stets wissen, woher unsere Kunden kommen und aus welcher Quelle ihre Gelder stammen. Dazu müssen sie sich mit mehreren Mitteln identifizieren – mit Identitätskarten, Stromrechnungen und Bankauszügen. Ausserdem verfügen wir über viele Limiten, die bestimmen, in welcher Zeit wie viel Geld ausgegeben werden kann. Es gibt deshalb viel effizientere Wege, um Geld zu waschen, als mit Online-Glücksspielen, was auch Studien zeigen.

Spielt es für einen Schweizer Pokerspieler eine Rolle, ob er in Zukunft bei Pokerstars spielt oder beim Onlineangebot eines Schweizer Casinos?
Onlinepoker unterscheidet sich diesbezüglich von Online-Sportwetten oder Onlinecasino-Spielen. Poker wird mit unterschiedlich hohen Einsätzen, auf unterschiedlich hohem Niveau und in vielen verschiedenen Formen wie Pot-Limit Omaha, Limit Hold’Em oder No Limit Texas gespielt. So geben die meisten Leute etwa 25 bis 50 Cent pro Buy-in aus. Es gibt aber auch Spieler, die um 3 oder 4 Dollar spielen wollen. Je mehr Spieler sich auf einer Seite bewegen, desto höher ist deshalb die Chance für den einzelnen, das geeignete Spiel zu finden. Wenn Sie jetzt gerade auf Pokerstars gehen, dann werden Sie zwei- bis dreihunderttausend Spieler antreffen. Und genau darum ist ein lediglich nationales Angebot für Pokerspieler nicht ­attraktiv.

Was ist, wenn das Gesetz durchkommt – werden Sie Schweizer Spieler dann aktiv von Ihrer Seite fernhalten?
Das kann ich Ihnen zurzeit nicht sagen. Wir halten uns aber an die Gesetze in den einzelnen Ländern.

Käme auch eine Kooperation mit Schweizer Casinos für Sie ­infrage?
Ja. Wo sich ein offenes Lizenzierungssystem nicht erreichen lässt, arbeiten wir mit lokalen Partnern zusammen, so etwa in New Jersey oder in Belgien. Daneben arbeiten wir auch informell mit Casinos zusammen, indem wir weltweit Liveturniere veranstalten. So verschaffen wir den Casinos auch viel Kundschaft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.12.2017, 20:31 Uhr

Der ehemalige Journalist Eric Hollreiser ist Kommunikationschef des Onlinepoker-Anbieters Pokerstars. Hollreiser war zuvor für Microsoft und den Walt-Disney-Konzern tätig.

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