«Es kann und darf uns nicht peinlich sein»

Häme prasselte nach dem Bombeneinsatz auf die Kapo Bern nieder – jetzt verteidigt sie ihr Vorgehen.

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Der Vorfall hatte Aufsehen erregt: Ein verdächtiger Gegenstand löste Ende November beim Bahnhof Bern einen Grosseinsatz der Polizei aus. Der Perimeter um die Neuengasse wurde grossräumig abgesperrt. Die Busse standen still. Einige Läden mussten evakuiert werden. Sprengstoffexperten machten die vermeintliche Bombe schliesslich unschädlich.

Tags darauf gab die Polizei Entwarnung: Vom verdächtigen Gegenstand sei keine Gefahr ausgegangen. Worum es sich dabei handelte, verschwieg die Polizei jedoch. Knapp zwei Wochen später dann die Überraschung: Die vermeintliche Bombe entpuppte sich als harmloses Kunstfigürchen aus Draht und Knetmasse, das ein Schüler im Rahmen eines Kunstprojekts im öffentlichen Raum – in diesem Fall bei einer Bahnhoftreppe – platziert hatte.

Der entsprechende Bericht der Zeitung «Bund» zwang die Kantonspolizei zu Erklärungen. Unter dem medialen Druck bestätigte sie schliesslich, was sie zuvor noch geheim gehalten hatte. Ihren Grosseinsatz begründete sie damit, dass die Figur ähnlich ausgesehen habe wie Sprengstoff.

Herr Willi, der Grosseinsatz am Berner Bahnhof hat zu reden gegeben. Was haben Sie für Reaktionen erhalten?
Manuel Willi: Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Es gab Leute aus der Bevölkerung, die uns für den Einsatz lobten und froh waren, dass wir die Sache ernst genommen haben. Einige unserer Polizisten mussten sich auf der Strasse aber auch ein paar Sprüche anhören.

Was für Sprüche?
Einige Leute fanden, der Einsatz sei total übertrieben gewesen.

War er das in Ihren Augen überhaupt nicht? Schliesslich entpuppte sich die vermeintliche Bombe später als harmloses Kunstfigürchen.
Als unsere Sprengstoffspezialisten vor Ort eintrafen, war das Objekt bei weitem nicht mehr als Figur erkennbar. Es war nur noch eine Knetmasse mit raushängenden Drähten zu erkennen. Vom Aussehen und der Konsistenz her hätte es auch Sprengstoff sein können. Selbst nach der Entschärfung des Objekts war noch nicht klar, ob es kein gefährliches Material war. Erst nach dem Laborbericht konnten wir definitive Entwarnung geben.

Dass es sich um eine Kunstfigur gehandelt hatte, verschwiegen Sie aber. War Ihnen die Sache unangenehm?
Christoph Gnägi: Nein, es gab nichts, was wir verbergen wollten. Dass der Grosseinsatz «nur» wegen einer Kunstfigur ausgelöst wurde, kann und darf uns nicht peinlich sein. Eine Bombe muss nicht immer wie eine Bombe aussehen. Zu jenem Zeitpunkt konnte man schlicht nicht ausschliessen, dass der Gegenstand gefährlich ist. Solange dies der Fall war, musste man alles Mögliche tun, um die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten. Im Endeffekt geht es um Menschenleben.

Selbst wenn der Einsatz gerechtfertigt war: Weshalb konnte die Polizei nicht einfach von sich aus sagen, was für ein Gegenstand es war?
Dafür gab es mehrere Gründe. Der eine ist der Persönlichkeitsschutz. Wenn wir bereits einen Tag nach dem Einsatz kommuniziert hätten, dass es sich um eine Kunstfigur handelte, dann hätte dies unter Umständen Rückschlüsse auf die Person zugelassen, die das Objekt beim Bahnhof platziert hatte. Deren Motivation war noch unbekannt, und für sie galt zugleich die Unschuldsvermutung. Wir mussten zu diesem Zeitpunkt also die Ermittlungen abwarten.

Was waren die anderen Gründe?
Nebst dem Persönlichkeitsschutz haben wir auch aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angaben zum Gegenstand gemacht.

Was heisst das konkret?
In solchen Fällen besteht immer auch eine gewisse Nachahmungsgefahr. Entsprechend zurückhaltend sind wir deshalb mit der Kommunikation. Aus Erfahrung gibt es hin und wieder Leute, die aus Jux einen Fehlalarm auslösen. Ihnen wollten wir nicht noch eine Anleitung dazu geben.

In diesem Fall brachte die Presse die Information am Ende bekanntlich doch noch an die Öffentlichkeit – und liess die Kommunikationsabteilung der Polizei alt aussehen.
Mag sein. Aber oft ist es halt einfach ein schmaler Grat zwischen der Ermittlungsarbeit und der Öffentlichkeitsarbeit.

Inwiefern?
Es ist ein ständiges Abwägen, welche Informationen man herausgeben kann, ohne Ermittlungen zu gefährden oder Rückschlüsse auf Personen zuzulassen. Je nach Entscheidung kann halt im Nachhinein auch einmal der Eindruck entstehen, dass man etwas verbergen wollte.

Der Fehlalarm am Bahnhof geschah nur kurze Zeit nach den Terroranschlägen in Paris. Hatte der Zeitpunkt einen Einfluss auf den Einsatz der Polizei?
Manuel Willi: Nein, das Vorgehen der Polizei bei solchen Ereignissen ist absolut standardisiert. Wenn der Vorfall vor dem 13. November passiert wäre, wären wir genau gleich vorgegangen.

Trotzdem dürfte nach den Geschehnissen in Paris die allgemeine Verunsicherung gestiegen sein. Hat das auch Auswirkungen darauf, wie die Polizei mit Informationen umgeht?
Christoph Gnägi: Unsere Kommunikationsarbeit hat sich nicht gross verändert. Aber Ereignisse wie der Fehlalarm am Bahnhof werden vor allem medial schneller in einen terroristischen Kontext gerückt. Der Druck der Medien hat zugenommen.

Inwiefern spüren Sie diesen Druck?
Beim Vorfall am Bahnhof war sofort ein grosses Informationsbedürfnis da – was angesichts der Befürchtungen auch nachvollziehbar war. Nur liessen es in dem Moment die Umstände eben nicht zu, früher Informationen herauszugeben.

Manuel Willi: Da gibt es generell ein Spannungsverhältnis. Wir können es uns nicht leisten, ungesicherte Informationen herauszugeben. Die Medien ihrerseits, die bei solchen Ereignissen jeweils sofort auf Platz sind, suchen dann halt das Gespräch mit Passanten. So geraten leider auch rasch Gerüchte in Umlauf.

Sind die Medien hysterischer geworden?
Christoph Gnägi: Das würde ich nicht sagen. Aber der Kontext zum Terror wurde in diesem Fall relativ schnell gemacht. Und wenn man den Terror quasi herbeischreibt, hat das auch einen Einfluss auf das Sicherheitsgefühl der Leute. Wirft man der Polizei also vor, der Einsatz sei übertrieben gewesen, dann sollte man sich auch fragen, weshalb gewisse Medien so einen Hype aus einem solchen Ereignis machen.

Grosse Diskussionen wegen einer kleinen Figur. Zum Schluss: Was ist eigentlich aus dem Figürchen geworden?
Das Objekt ist nach wie vor sichergestellt und wird aufbewahrt, solange das entsprechende Verfahren im Gang ist. Was danach damit passiert, wird die Staatsanwaltschaft entscheiden.

Erstellt: 18.12.2015, 08:37 Uhr

Terrorgefahr

Wie gefährdet ist die Bundesstadt?
Die vermeintliche Bombe, die beim Bahnhof Bern Ende November zu einem Grosseinsatz geführt hatte, stellte sich schnell als Fehlalarm heraus. Trotzdem liess sie – rund zwei Wochen nach den Terroranschlägen in Paris – unangenehme Gefühle aufkommen. Wie berechtigt sind die Ängste vor einem terroristischen Akt in der Bundesstadt aber tatsächlich? «Bern hat als Hauptstadt sicher eine besondere Situation», sagt Manuel Willi, der Chef der Regionalpolizei Bern. Mit dem Bundeshaus sowie den über 100 akkreditierten Botschaften und Konsulaten sei man hier grundsätzlich stärker im Fokus. «In Bern verkehren wichtige Leute, und es gibt regelmässig hohe Besuche.» Dies führe zu einer höheren Gefährdung, so Willi.

Einen Grund zur Beunruhigung sieht er deswegen aber nicht. «Wir hatten bereits vor den Geschehnissen in Paris eine erhöhte Bedrohungslage.» Diese nehme man ernst, und man habe deshalb nach den Ereignissen auch die Polizeipräsenz verstärkt – etwa an stark frequentierten Orten wie dem Bahnhof oder bei besonderen Veranstaltungen.

Dass wegen der aktuellen Terrorgefahr in Europa auch bei der Berner Bevölkerung eine «grössere Sensibilität» da sei, spüre man bei der Polizei. «Besonders bei grösseren Anlässen erhalten wir mehr Anfragen von den Veranstaltern.» Privatpersonen würden sich zudem wegen vermeintlich verdächtiger Gegenstände oder Personen melden. «Über solche Hinweise sind wir auch froh», so Willi. Grundsätzlich sei die Belastung zwar auch für die Polizei gestiegen, und man sei mehr gefordert. «Das können wir aber derzeit bewältigen.»

Hausdurchsuchung bei Kunstschüler

Weil er ein schlechtes Gewissen hatte, als er vom Grosseinsatz hörte, meldete sich der Kunstschüler und Erschaffer des Figürchens tags darauf bei der Polizei. Kurz darauf erklärte die Kapo das Objekt für ungefährlich. Später hiess es dann, der Schüler müsse mit keinen Konsequenzen rechnen, da «strafrechtlich relevante Tatbestände» ausgeschlossen werden könnten.

Wie der «Bund» am Donnerstag schrieb, führte die Polizei letzte Woche aber dennoch eine Hausdurchsuchung beim Schüler durch. Die Zeitung beruft sich dabei auf Informationen anonymer Personen. Die Polizei bestätigt die Hausdurchsuchung aufgrund des laufenden Verfahrens nicht direkt. Sie hält aber fest, dass «Hausdurchsuchungen im Rahmen von Ermittlungen nicht ungewöhnlich» seien. Ausserdem könnten sie auch im Sinne einer Entlastung durchgeführt werden.

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