Es lebe der innere Romand

Den Foie-gras-Import abklemmen? Man kann es auch übertreiben mit der Verbieterei.

Traditionelle Methode: Der südfranzösische Bauer Bernard Lavergne beim Stopfen seiner Gänse. Foto: Rebecca Marshall (Laif)

Traditionelle Methode: Der südfranzösische Bauer Bernard Lavergne beim Stopfen seiner Gänse. Foto: Rebecca Marshall (Laif)

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Die folgenden, einem grandiosen Esserlebnis gewidmeten Sätze stellen ihren Urheber unter Rohlingsverdacht – trotzdem: Das Gourmetlokal am Zürichsee servierte kürzlich Gänseleber. Ein Carré von vielleicht vier auf vier Zentimetern. Die Bittersüsse der butterartigen, magisch glatten Substanz im Zusammenspiel mit dem Eschalotten-Confit: Mundekstase.

Gestern nun war in dieser Zeitung zu lesen, dass der Nationalrat die Einfuhr von Foie gras verbieten will. Die Romandie goutiert das gar nicht. Für viele Welsche ist die Fettleber unverzichtbar an gewissen Festen. Sie steht für eine alte Kultur. Für gewachsene Identität.

Gänseleber ist ein Reizthema. Das Wort führt gleich zum Bild: Vogel mit Trichter im Schnabel.

Gänseleber ist ein Reizthema. Das Wort führt gleich zum Bild: Vogel mit Trichter im Schnabel. Freilich zeigt sich darin längst nicht die Realität aller Produzenten. Eine fette Gänseleber (die Entenleber ist hier und anderswo mitgemeint) kann man in Massen auch ohne Stopfschlauch bewirken; man mästet die Vögel anderweitig und forciert so das Wachstum der Leber.

Was in der Diskussion auffällt, ist das grosse Getöse um das ziemlich Kleine. Die Menge an jährlich konsumierter Gänseleber ist gering im Vergleich zu Fleischarten, die die meisten permanent essen, ohne dass sich daraus ein Skandal ergibt: Hamburger im Fastfoodlokal oder Bratwurst in der Kantine oder Hinterschinken im Grossverteiler-Kühlregal. Wer weiss schon, unter exakt welchen Bedingungen diese Waren entstanden. Und jetzt prinzipiell: So etwas wie ein persönliches Schuldkonto muss doch wohl erlaubt sein. Man leistet sich sporadisch eine Sünde und gibt sich ansonsten Mühe. Freilich sind da die Totalitären, die Radikalprotestanten, die Hundertprozentigen der Nahrung. Die, die völlige Widerspruchsfreiheit und ethische Linientreue im Essen wollen. Aber will man wirklich Veganer werden und kein Ei verspeisen dürfen, nicht einmal ein anständig entstandenes?

Vielleicht lohnt es sich, ein wenig mehr in die Westschweiz zu blicken. Den Romand in sich zu aktivieren und nicht ganz zu vergessen, wie Genuss geht. Foie gras, je t’aime. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2017, 23:20 Uhr

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