«Ich schloss die Augen und wollte sterben»

Jans Eltern stritten sich um ihn, deshalb kam er in ein Heim. Der Entscheid stützt sich auf einen Gutachter, der mit extremen Massnahmen auffällt. Beschwerden häufen sich.

Notiz von Jan aus der Zeit der verordneten Trennung von seiner Mutter.

Notiz von Jan aus der Zeit der verordneten Trennung von seiner Mutter.

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Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten der letzten Wochen. Er erschien erstmals am 18. Mai 2019.

Er spielte Fussball, als sie ihn holen kamen, an einem sonnigen Montagmorgen im April 2016. Die Schulleiterin kam in die Turnstunde und hiess Jan (Name geändert), sie in ihr Büro zu begleiten. Der Zehnjährige fragte sich, was er wohl falsch gemacht habe, während er mit ihr die Treppen hochstieg. Im Büro erwarteten ihn eine rothaarige Frau und zwei Männer, er hatte sie noch nie zuvor gesehen. Die Rothaarige sagte: «Wir haben uns entschieden, dass du nicht mehr bei deiner Mutter leben kannst.» «Ich schloss die Augen und wollte sterben», erinnert sich Jan an den Moment, da seine Kindheit vorbei war.

Heute ist er 13, ein hübscher, intelligenter Junge. Er äussert sich klar und gefasst über das, was er mitgemacht hat, bleibt aber zurückhaltend gegenüber Fremden. Aus gutem Grund. Von drei Polizisten wurde er an jenem Morgen im April über den Pausenhof abgeführt, vor den Augen seiner verschreckten Mitschüler. Ohne zu wissen, was los war und wo er hingebracht würde. Sicher nur in einem: Das Leben, das er bisher gekannt hatte, war vorbei.

«Jan scheint sich nicht vollkommen auf seine Heimplatzierung einlassen zu können.»Daniel Gutschner, Gutachter und Institutsleiter

Hintergrund für seine Festnahme war ein seit Jahren schwelender Obhutsstreit zwischen seinen Eltern. Weil die Parteien in den strittigsten Fragen nicht zu einer Einigung kamen, wurde ein Gutachten in Auftrag gegeben, wie in solchen Fällen üblich. Zum Zuge kam der umstrittene Berner Fachpsychologe und Institutsleiter Daniel Gutschner. Er ist bekannt für Hauruck-Empfehlungen in Obhutsstreitigkeiten und für einen sehr ruppigen Umgang mit manchen Klienten. Mehrere Beschwerden gegen ihn sind deswegen beim Psychologenverband FSP hängig, wegen falscher Rechnungsstellung ist er bereits verurteilt.

Die Sache mit dem «Kindswohl»

Er empfahl für Jan eine Heimplatzierung als eine Art Schocktherapie, so ist den Akten zu entnehmen. Und an Schock fehlte es nicht. Zuvor hatte Jan ein geregeltes Leben geführt, täglich sein Musikinstrument geübt, regelmässig trainiert oder sich mit Freunden zum Skaten getroffen. Nun war er allein; aus seiner gewohnten Umgebung gerissen, zunächst ohne Kontakt zu seinen Schulkameraden, Vertrauenspersonen oder Eltern. Ihm war auch nicht erlaubt, seinen Hobbys nachzugehen. «Es macht mich übelst traurig und wütend, wenn ich daran denke», sagt Jan. «Der Richter und der Gutachter sind Verbrecher», hielt er seine Gefühle schriftlich fest.

Jans Eltern heirateten 2005 und trennten sich 2010. Sie, damals Hochschulstudentin, bekam die Obhut für den Vierjährigen, er, Unternehmer, ein normales Besuchsrecht. Das funktionierte schlecht. Um die schwierige Zeit zu verarbeiten, bekam Jan eine Therapeutin, bei der er bis zur Heimplatzierung in Behandlung war – bis ihm der Richter den weiteren Kontakt zu ihr verbot und sie durch eine «neutrale» Therapeutin ersetzte. Der Vater durfte seinen Sohn nur noch begleitet sehen, wogegen er sich wehrte. Die Mutter ihrerseits sträubte sich gegen jeden unbegleiteten Kontakt. Der Sohn reagierte verunsichert und ängstlich. Jahrelang rangen die Eltern um das Kind.

Mit dem Systemwechsel zu den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) im Jahr 2013 erhielt Jan einen neuen Beistand. Dieser sollte das Besuchsrecht des Vaters durchsetzen und kam zum Schluss, die Mutter manipuliere das Kind, wolle es dem Vater absichtlich entfremden. Die zerrüttete Vater-Sohn-Beziehung aber müsse gerettet und Jan dem Vater zugeführt werden. Notfalls mit Gewalt. Der zuständige Richter schaltete Gutachter Gutschner ein. Prompt lieferte dieser die gutachterliche Grundlage für die Einweisung.

Zeichnungen aus Jans Kindertagen.

Fremdplatzierungen, darin sind sich Experten einig, sind eine extreme Massnahme und nur gerechtfertigt, wenn das Kindswohl akut gefährdet ist: durch Vernachlässigung, körperlichen oder sexuellen Missbrauch oder schwere Suchtprobleme der Eltern. Doch Kindswohl ist ein dehnbarer Begriff, zumindest in den Händen von Daniel Gutschner. Die «Basler Zeitung» berichtete im März über einen ähnlichen Fall, in dem Gutschner empfahl, ein neunjähriges Mädchen ins Heim zu stecken, dort aber stoppte das Appellationsgericht das Vorhaben. Denn eine Heimeinweisung wirkt grundsätzlich traumatisierend, auch für Kinder, die in schlimmen Verhältnissen aufwachsen.

Jan war zum Zeitpunkt seiner Festnahme glücklich, beliebt bei Lehrern und Mitschülern, begabt in seinen Hobbys. Der Gutachter konstruierte aus diesen geordneten Verhältnissen eine seelische Not des Kindes, die nach extremen Massnahmen verlange. Zwar schienen Mutter und Sohn einen liebevollen und herzlichen Umgang miteinander zu pflegen, und Jan zeige «gegen aussen ein gesundes, unauffälliges und tadelloses Verhalten». Trotzdem sei «von einer akuten Gefahr für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung und somit einer Kindswohlgefährdung auszugehen», heisst es im Gutachten.

Am Morgen, als Jan ins Heim abgeführt wurde, stand seine Mutter, Julia (Name geändert), zu Hause am Bügelbrett. Es klingelte, vor der Tür standen drei Polizisten und eine Anwältin. «Ist etwas passiert?», fragte sie. Sie wurde informiert, dass es Jan jetzt gut gehe und er fortan im Heim leben werde, sie solle seine Sachen und Dokumente packen. Es sei ihr nicht erlaubt, ihn anzurufen oder zu besuchen. Sie solle weiteren Bescheid abwarten. Sie erhielt eine Liste von Psychologen, an die sie sich wenden könne, falls es ihr jetzt schlecht gehe. Es sollte fast zwei Jahre dauern, bis sie ihren Sohn wieder unbegleitet sehen durfte.

«Haben Sie sich entschuldigt?»

Wie jedes Scheidungskind war Jan bei der Trennung seiner Eltern einem Konflikt ausgesetzt. In einem aber war er immer klar: Er wollte bei der Mutter leben. Er sei bereit, den Vater zu sehen, wenn es von ihm verlangt werde, sein Zuhause aber sei bei der Mutter. Das sagte und schrieb Jan über Jahre hinweg konstant, in Briefen an den Richter, den Beistand, Psychologinnen und Heimbetreuerinnen. Auch an den Gutachter. Dieser beschied Jan, Fachpersonen wüssten besser, was für ihn das Beste sei. Auch Jans Therapeutin, bei der er seit vier Jahren in Behandlung war, setzte sich mit allen Mitteln dafür ein, ihm die Heimeinweisung zu ersparen. Doch der Richter entschied anders.

Nach einem Jahr Fremdplatzierung wurde ein zweites Gutachten bei Gutschner in Auftrag gegeben, und die Beteiligten wurden im Frühjahr 2017 erneut zu einem Gespräch aufgeboten. Mutter Julia hat ungute Erinnerungen an dieses Gespräch. Gutschner fragte sie, «ob sie sich eigentlich bei Jan entschuldigt habe, da sie seine Verhaftung verschuldet habe», so steht es im Gutachten. Julia antwortete, dass doch eher er sich bei Jan entschuldigen müsse, und fragte ihn, ob er jemals selbst eine solche Verhaftung erlebt habe. Der Gutachter entgegnete, es würden nur gutachtensrelevante Fragen beantwortet. Bei diesem zweiten Gespräch kam es zum Eklat, als Julia bemerkte: «Hauptsache, alle verdienen an diesem Fall.» Gutschner wurde laut, packte sie am Arm und warf sie aus seinem Institut.

Im Gutachten steht, der inzwischen elfjährige Jan habe sich gut eingelebt, verhalte sich angepasst, bringe die Schulleistungen, sei aber auch ohnmächtig und wütend über seine Situation. Nach wie vor äussere er den Wunsch, nach Hause, zur Mutter, zurückzukehren.

Jans Notiz aus der Zeit der verordneten Trennung von seiner Mutter.

Daraus schliesst der Gutachter: «Jan scheint sich nicht vollkommen auf seine Heimplatzierung einlassen zu können.» Schuld daran sei die Mutter, die ihn nach wie vor zu manipulieren versuche. Gutachten und Beistand machen zudem Jans Rückkehr davon abhängig, «ob Jan eine positive Beziehung zum Vater aufbaue», wie der Beistand schreibt, und ob es den Eltern gelinge, «ihre negativen Gefühle zu kontrollieren». Jan büsste also für die «negativen Gefühle» seiner Eltern.

Warten auf weiteren Bescheid

Doch es geht ihm schlecht. Die Therapeutinnen und Betreuerinnen hielten fest, er sei «zunehmend belastet und verzweifelt», äussere sogar Suizidgedanken. Nun hatte der Richter ein Einsehen. Nach 18 Monaten im Heim wurde Jan im September 2017 beim Vater platziert. Die Mutter erhielt ein begleitetes Besuchsrecht.

Im Vergleich zum Heim sei es ein Fortschritt gewesen, beim Vater zu leben, sagt Jan. Doch begeistert ist er nicht, oft war ihm langweilig: «Meistens ging ich in mein Zimmer, zockte auf dem Handy und ass.» Nach einem Monat haute der mittlerweile Zwölfjährige zum ersten Mal ab. Eine dramatische Situation, niemand wusste, wo er steckte, bis er sich wohlauf bei der Mutter meldete. Dann begann er freitags jeweils von der Schule direkt zur Mutter zu gehen statt zum Vater.

Beistand, Familienbegleitung, Richter bombardierten Mutter und Sohn mit Mails, er müsse zum Vater zurück. Das tat er, schrieb aber den Behörden: «Ich nehme nun mein Leben selbst in die Hände.» Als er an einem Sonntag im März dieses Jahres wieder zum Vater sollte, floh er zur Mutter. Dort suchte ihn eine Familienbegleiterin auf, drohte ihm mit der Polizei. Aber der Junge liess sich nicht mehr zwingen. Nun lebt Jan bei der Mutter und wartet auf weiteren Bescheid. Er ist heute dreizehn Jahre alt.

Erstellt: 30.05.2019, 21:03 Uhr

Die Recherche

Die Autorin hatte Zugang zu den Akten, insbesondere zu den beiden Gutachten. Und sie hat schriftliche Zeugnisse aus dem Umfeld von Jan gesichtet, auch Briefe, die der Bub an die Behörden schrieb. Sie sprach mit Jan und seiner Mutter. Sie sprach auch mit den Anwälten und der Therapeutin der Familie sowie dem Vater, dem Richter und dem Beistand. Auf einen Fragenkatalog mit der Bitte um Stellungnahme reagierte der Gutachter nicht. (mcb)

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