Es wird stiller auf der Gotthard-Bergstrecke

Ab Dezember fahren die Züge durch den neuen Basistunnel. Bundesrat und SBB wollen Betriebskosten sparen. Die Urner machen sich Sorgen.

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«Wir wissen überhaupt nicht, wie es hier oben weitergehen wird», sagt die Serviceangestellte im Göschener Bahnhofbistro. Sie ist etwas kurz angebunden, weil gleich ein Schnellzug aus Basel hier halten wird. Dann kommt wieder etwas Betrieb in das Lokal. Seit der Bahnhofskiosk vor mehr als zehn Jahren geschlossen wurde, ist nur noch dank dem Engagement Einheimischer etwas Leben im altehrwürdigen Bahnhofsgebäude erhalten geblieben. Es wurde 1882 im Zuge der Eröffnung des Gotthardtunnels direkt vor dem Nordportal erstellt und wirkt heute etwas überdimensioniert. Wenn ab Dezember die Züge fahrplanmässig durch den neuen Gotthard-Basistunnel fahren, wird es wohl in Göschenen noch etwas stiller.

Noch vor nicht allzu langer Zeit herrschte in Uri Angst vor der ganz grossen Stille. Was würde passieren, wenn die Züge neu 20 Kilometer nördlicher als bisher im neuen Basistunnel verschwinden würden? Wenn also die Schnellzüge aus Zürich oder Luzern kommend Altdorf, Erstfeld und Göschenen einfach unterirdisch umfahren würden – und die Urner künftig zuerst nach Arth-Goldau SZ reisen müssten, um den neuen Gotthardtunnel benutzen zu können. Denn um mit bis zu 200 km/h durch den Gotthard zu brausen, müssen die Züge schon weit vor dem Tunneleingang in Erstfeld beschleunigen. «Nicht einmal zur Erhaltung der Bergstrecke wollte sich bisher jemand bekennen», sagte denn auch die damalige Urner Nationalrätin Gabi Huber (FDP) 2010 im TA.

Nur noch 500 Reisende pro Tag

Die Urner Ängste waren nicht unbegründet. Bisher verkehren täglich rund 8000 Zugreisende auf der Gotthard-Strecke, nach der Eröffnung des neuen Tunnels rechnen die SBB mit einer Verdoppelung der Verkehrsnachfrage auf dem Gotthard-Korridor. Für die Bergstrecke mit ihren spektakulären Kehrtunneln und dem legendären «Chileli vo Wasse» geht man aber von einem Verkehrsaufkommen von nur noch 500 Personen aus. Sind damit die Tage einer der schönsten Bahnstrecken Europas und eines eindrücklichen Monuments der Ingenieurskunst des späten 19. Jahrhunderts gezählt? Und was würde mit den bereits seit Jahren unter der Abwanderung leidenden Dörfern im oberen Reusstal geschehen? Schliesslich klagten die SBB bei jeder Gelegenheit, wie teuer der Unterhalt der Bergstrecke doch sei. Von den 30 Millionen Franken, die jährlich schweizweit für Schutzbauten verwendet werden, entfällt laut SBB der grösste Teil auf die Gotthard-Bergstrecke. Insgesamt kostet der Substanzerhalt pro Jahr 50 Millionen Franken.

Infografik: Die Bahnstrecke über den Gotthard Grafik vergrössern

Zwar liessen die SBB später durchblicken, dass sie die Bergstrecke auch nach der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels weiterbetreiben wollen, offen blieb jedoch die Frage, in welcher Form. Es wurde angedeutet, dass einzelne Teile der Strecke zurückgebaut werden könnten. 2012 machte die Urner Volkswirtschaftsdirektion klar, dass eine Hauptverbindung in Form eines Schnellzuges erhalten bleiben müsse. Und zwar mit Stopps in Flüelen, Altdorf, Erstfeld und Göschenen. Neben dem Kantonshauptort lag der Urner Regierung insbesondere Göschenen am Herzen. Denn hier befindet sich nicht nur die Anbindung des SBB-Netzes an die Gotthard-Matterhorn-Bahn, sondern mit dem im Bau befindlichen Tourismusresort Andermatt auch ein Entwicklungsschwerpunkt des Kantons. Heute hält täglich und stündlich ein Schnellzug in Göschenen – damit ist die vom ägyptischen Investor Samih Sawiris geplante Feriendestination optimal an die Ballungsgebiete angebunden.

Im Herbst 2014 entschied schliesslich der Bundesrat über die Zukunft der Bergstrecke. So solle die Etappe auch nach der Eröffnung des Basistunnels «eine grosse Bedeutung» behalten. Sie werde deshalb für den Erschliessungs- und Fremdenverkehr weiterbetrieben. Damit wird es wie bisher stündliche Fernverkehrszüge (Interregio) geben, die oben durchfahren.

Auf den ersten Blick sind das gute Nachrichten für Uri und die Ausflügler aus dem Unterland. Die Landesregierung teilte aber auch mit: «Der Bundesrat strebt an, die Betriebskosten zu senken.» Wegen der offenen Entwicklung der Nachfrage sei periodisch zudem eine Neubeurteilung nötig. Definitiv gesichert ist der Betrieb nur bis Ende 2017, dann läuft nämlich die SBB-Fernverkehrskonzession für diese Strecke aus.

«Wir stehen noch immer in Verhandlungen mit den SBB, gehen aber fest davon aus, dass auch ab 2018 Fernverkehrszüge die Bergstrecke bedienen werden», erklärt der Urner Volkswirtschaftsdirektor Urban Camenzind (CVP). Offener Verhandlungspunkt ist auch Göschenen. Momentan ist vorgesehen, dass die direkten Schnellzüge ab Dezember 2016 nur noch saisonal und am Wochenende bis nach Göschenen fahren sollen. Unter der Woche muss in Erstfeld auf den Regio­express der Tilo (Treni Regionali Ticino Lombardia) umgestiegen werden. Dabei handelt es sich um ein gemeinsames Tochterunternehmen der SBB und von Trenitalia, das die S-Bahn im Tessin und in die Lombardei betreibt. «Die dafür eingesetzten modernen Flirt-Fahrzeuge mit Niederflureinstieg, Klimaanlage und grossen Fenstern sind ideal für den Ausflugsverkehr», heisst es bei den SBB vielversprechend.

Uri gibt sich optimistisch

«Das ist eine reine Alibi-Übung, es handelt sich um ein liebloses Konzept der SBB», kritisiert Kurt Schreiber, Präsident von Pro Bahn Schweiz. Denn trotz modernem Rollmaterial müssten die Bahnreisenden nicht nur zusätzlich ein- bis zweimal umsteigen, sondern die touristische Paradestrecke würde auch mit weniger attraktiven S-Bahn-Zügen befahren. Allein das zweimalige Umsteigen löse Fahrzeitverluste von etwa einer Viertelstunde aus und mache eine ÖV-Reise von der Deutschschweiz nach Andermatt nicht attraktiv. Die Sektion Zentralschweiz von Pro Bahn Schweiz hatte sich letztes Jahr vergeblich bei Verkehrsministerin Doris Leuthard für eine durchgehende Verbindung eingesetzt. Hinzu kommt, dass die beliebten 1.-Klasse-­Panoramawagen der Schnellzüge mit dem Fahrplanwechsel von Dezember 2016 wegfallen werden.

Voraussichtlich Mitte nächstes Jahr wird das Bundesamt für Verkehr entscheiden, ob die Bergstrecke ab 2018 nur dem regionalen Personen- oder auch dem Fernverkehr dienen soll. Camenzind gibt sich zweckoptimistisch: «Mittelfristig ist die Bergstrecke gesichert, sie ist ja voll ausgebaut und gut unterhalten.» Allerdings müsse Uri mit touristischen Angeboten das Personenaufkommen steigern, um die SBB vom Weiterbetrieb der Schnellzüge zu überzeugen.

So oder so konnte Uri das Schlimmste bereits verhindern: In Altdorf entsteht ab 2021 der Kantonsbahnhof mit langen Perrons, damit ausgewählte Intercity-Züge via Basistunnel halten können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2016, 21:34 Uhr

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