Mit Esther und Toni im Wilden Osten

Esther Friedli, die Freundin von SVP-Präsident Toni Brunner, könnte am Sonntag in die St. Galler Regierung gewählt werden. Ist das revolutionär?

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Der Bus fährt zügig am vorderen, dem mittleren und dem hinteren Hummelwald vorbei (Halt auf Verlangen), an der hundertsten Werbung für das Konzert von HP Baxxter und Den Atzen in Goss­­au, der Traktorenausstellung in Eschenbach. Dann, ewige 45 Minuten hinter dem Zürichsee, die letzte lang gezogene Kurve. Herzlich willkommen in Wattwil. Herzlich willkommen im Toggenburg. Toni-Brunner-Country. Wähleranteil der SVP bei den letzten eidgenössischen Wahlen: über 40 Prozent.

Als der Bus in das zu teuer wirkende Busterminal einfährt, läutet das Telefon. Nach acht Jahren an der Spitze der SVP weiss man ja ungefähr, wie der Präsident so drauf ist. Immer heiter und froh, Toni Brunner haha, Toni Brunner hihi. Aber dieser Anruf schlägt alles. Knapp zehn Minuten dauert das Gespräch, und Brunner ist, man kann es kaum anders sagen, ekstatisch. So entzückt! So aufgeregt! So stolz! Das ist doch einfach grossartig! Er schreit die Adjektive nur so ins Telefon. Ganz St. Gallen sei in hellem Aufruhr, sagt Brunner, «und darüber spüre ich nichts als eine kindliche Freude».

«Wenn ihr Esther wählt, ist es gut für den Kanton. Wenn nicht, gut für mich.»Toni Brunner

Der Grund für Brunners kindliche Freude sitzt ein paar Meter vom Busterminal entfernt, im Restaurant National. «Wir haben alle hier drin. Die CVPler, die FDPler, die Linken. Und heute Sie», sagt die Serviertochter (in Wattwil heissen sie noch so) im Plauderton zu Esther Friedli, als sie ihr einen Dreier Rivella hinstellt. Und dann, vertraulich: «Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.»

Friedli lächelt herzlich. So herzlich wie etwas später, als sie von einem offensichtlich schon länger beim Apéro sitzenden Toggenburger gefragt wird, ob sie etwa die Freundin von Toni Brunner sei. «Ja, das bin ich. Haben Sie von meiner Kandidatur gehört?» «Ja!», antwortet der Mann leicht nuschelnd und höchst begeistert. «Es muss nicht immer der Toni sein. Man sollte Ihnen eine Chance geben!» Er verabschiedet sich, zurück zu seinem Bier. «Sie ist es!», ruft er seinem Kollegen zu, strahlt dabei.

Erst chancenlos

Vor einem Monat hätte Friedli ihren Dreier Rivella noch ungestört getrunken. Seit fast zwanzig Jahren ist sie die Frau an Brunners Seite, aber politisch präsent war sie in der Öffentlichkeit nie. Bis zu diesem Dienstag nach den kantonalen Wahlen im Februar. Es war wie immer in St. Gallen: Im Kantonsrat machte die SVP ein überragendes Resultat (40 von 120 Sitzen!) und verlor dafür bei den Regierungsratswahlen spektakulär. Schon wieder kein zweiter Sitz. Die Partei ist mit Abstand die stärkste Kraft im Kanton, scheitert aber seit Jahren in Majorzwahlen. Brunner selber hat es schon zweimal versucht, im Ständerat, und blieb zweimal chancenlos.

Am Sonntagabend nach der verlorenen Wahl hätten ihm wichtige Leute aus der SVP die Unterstützung angeboten, erzählt Gegenkandidat Marc Mächler, der den Sitz für die FDP halten will. Aber das war vor der SVP-Parteileitungssitzung tags darauf. «Da war Brunner dabei und das Ergebnis nach ein paar Minuten klar.» Die SVP tritt im zweiten Wahlgang noch einmal an, und zwar mit Esther Friedli, Brunners Freundin. Wer nun wann den Namen Friedli ins Spiel gebracht hat, ist umstritten. Brunner wars, mutmasst Mächler, der im ersten Wahlgang das absolute Mehr nur knapp verfehlte. Stimmt nicht, entgegnet Brunner.

Plötzlich SVP

Spielt wahrscheinlich auch nicht die grösste Rolle. Am Dienstag nach dem Wahlsonntag wurde Friedli jedenfalls den Medien präsentiert. Neu als SVP-Mitglied (sie kommt ursprünglich aus Bern, war dort bei der CVP und hat den EU-Beitritt befürwortet in den Neunzigerjahren), mit einem noch recht verhaltenen Auftritt. Warum plötzlich SVP? Sie sei in den letzten Jahren nach rechts gerutscht, in Wirtschafts-, Europa- und Ausländerfragen. Hat Ja gesagt zur Durchsetzungsinitiative – was sie allerdings erst auf Drängen von Journalisten bekannt gab – und ist für das Referendum zum Asyl­gesetz. Aber es gibt auch Unterschiede, in gesellschaftlichen Fragen, bei Frauenthemen etwa oder der Drogenpolitik.

Die lokalen Medien nahmen die Kandidatur damals eher belustigt zur Kenntnis. Nette Idee, aber völlig chancenlos. Heute, knapp zwei Monate später, hat sich die Stimmung im Kanton verändert. «Niemand hätte erwartet, dass der zweite Wahlgang so spannend wird. Das gibt ein enges Rennen», sagt Regula Weik, die für das «St. Galler Tagblatt» den Wahlkampf begleitet. «Sie hat eine realistische Chance», sagt selbst Marc Mächler, eigentlich Favorit auf den Regierungssitz, und wird sich dabei fragen: Wie konnte das nur geschehen?

Vielleicht ist die Ausgangslage etwas unfair. Friedli ist ein Profi. Studierte Politologin, ehemalige Generalsekretärin des Bildungsdepartements im Kanton St. Gallen (SVP-Regierungsrat Stefan Kölliker war ihr Chef, von einem «Partei-Beziehungsdelikt» redete man bei der Anstellung. Die gleichen Leute attestierten ihr danach, einen guten Job gemacht zu haben), heute hat sie eine Beratungsfirma. Sie hat den Wahlkampf von Roger Köppel gemacht, den kantonalen Wahlkampf der SVP. Und jetzt: ihren eigenen.

Sie geht das klassisch an, Podien, Interviews, jeden Abend eine Veranstaltung (gerne mit nationalen SVP-Grössen). Aber sie macht eben mehr als das. Es gebe unbestreitbar eine Korrelation zwischen Bekanntheit und Wahlchancen, sagt sie. Das Bekannteste an Esther Friedli ist ihr Freund. Also nutzt sie ihn.

Toni putzt und zeichnet

Da gibt es beispielsweise dieses Video, in dem man Brunner bei der Hausarbeit sieht und das mit dem Satz endet: «Wenn ihr Esther wählt, ist es gut für den Kanton. Wenn nicht, gut für mich.» Ein viraler Hit.

Toni Brunner im Youtube-Video.

«Es braucht mehr Selbstironie in der Politik», sagt Friedli, auch wenn sie im Wahlkampf die Ironie manchmal erklären muss. Der Film hat gut funktioniert, aber der eigentliche Wahnsinn war die Geschichte in der «Schweizer Illustrierten». Sechs Seiten Bilder und Text, nationale Verbreitung, kostenlos. «Der Liebesdichter vom Land» war der Artikel überschrieben, Brunner zeigte einen seiner ersten Liebesbriefe an seine «Esthi» (mit gemalten Sünneli und Herzli und parfümiert. «Tommy Hilfiger» oder «Gaultier», er weiss es nicht mehr so genau), die beiden spazieren Hand in Hand über die Wiese vor dem gemeinsamen Bauernhaus in Ebnat-Kappel, auf einem Bild halten sie ihre gestrickten Socken in die Sonne.

«Wir sind ein Paar. Warum sollen wir das verstecken?», sagt Friedli. Natürlich sei sie eine eigenständige Persönlichkeit, aber es sei immer klar gewesen, dass auch Toni Brunner eine Rolle im Wahlkampf spiele.

Nächsten Sonntag wird gewählt, und es sieht gut aus für Friedli. Das ist es, was Brunner am Telefon so ausflippen lässt. Ein Gefühl von früher, aus den Anfängen der Partei. «Wir ärgern das Establishment. Die sind richtig nervös!»

Auch Friedli redet vom «Machtkartell» und meint damit Marc Mächler von der FDP. Tatsächlich ist Mächler freisinniges Regierungsratsmaterial wie aus den 50er-Jahren. Jahrgangsbester an der HSG, Offizier, Banker bei der UBS, langjähriger Kantonsrat und Parteipräsident. An seine Wahlkampfanlässe lässt er sich von einem Jungfreisinnigen chauffieren, am liebsten redet er über Finanz- und Wirtschaftsthemen. Er hat sich im zweiten Wahlgang angepasst, spricht, weil nun auch eine Frau im Rennen ist, plötzlich über die «Vereinbarkeit von Familie und Beruf», die Teilzeitanstellung seiner Frau, seine drei Kinder.

Für Mächler geht es um alles. Für Friedli und ihren Freund scheint es eher ein Spiel. Sie hoffe sehr, man möge das Kreuz am richtigen Ort machen, sagt sie nach dem Rivella vor knapp vierzig Sympathisanten der SVP Toggenburg im Berufsbildungszentrum Wattwil. Der Applaus ist warm und lang. Wie hat es der Angetrunkene im Restaurant formuliert? Es muss nicht immer Toni sein.

Erstellt: 18.04.2016, 21:24 Uhr

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