Ewige Sommerzeit bringt der Schweiz den nordischen Winter

Falls die Uhren permanent auf Sommer bleiben, gehen viele in der Schweiz fast ein halbes Jahr bei Dunkelheit zur Arbeit.

Es ist wieder so weit: Die Uhren werden in der Nacht auf Sonntag um eine Stunde von drei auf zwei Uhr zurückgestellt.

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Im Oktober kündigt sich die dunkle Jahreszeit an, vor allem am Morgen. Seit 1981 in der Schweiz die Sommerzeit eingeführt wurde, erscheint die Sonne im Oktober erst nach halb acht am Horizont. An diesem Wochenende erfolgt nun wieder die Umstellung auf Winterzeit. Aber möglicherweise ist es eine der letzten Umstellungen, denn die EU will in Europa die ewige Sommerzeit einführen.

Doch in der Schweiz freut das längst nicht alle. «Zum Glück hat diese Morgendunkelheit vorerst ein Ende», sagt ein Familienvater in Zürich, als er diese Woche das Haus mit seiner 10-jährigen Tochter verlässt. Immer am Freitag muss sich die Fünftklässlerin bereits um Viertel nach sieben auf den Schulweg machen. Seiner Tochter bereite es grosse Mühe, dass sie schon nach den Herbstferien im Dunkeln zur Schule gehen müsse, sodass er sie jeweils ein Stück begleite. Dank der Zeitumstellung kann sie am nächsten Freitag wieder bei Tageslicht aus dem Haus.

Ähnlich dürfte es dieser Tage vielen Erwachsenen ergehen, die zwischen sieben und acht zur Arbeit aufbrechen. Falls die Sommerzeit zum Dauerzustand wird, muss sich die Schweiz gar auf morgendliche Verhältnisse einstellen, wie sie im Winter in Skandinavien herrschen. Von Ende Oktober bis Anfang März ginge die Sonne in der Schweiz nie vor 8 Uhr auf. Zappenduster würde es im Dezember und Januar. Dann ginge die Sonne erst nach 9 Uhr auf. Vom 31. Dezember bis 6. Januar würde sie sich in Genf, der westlichsten Schweizer Stadt, um 9.18 Uhr zeigen, in St. Gallen acht Minuten früher. So spät ist der Tagesanbruch im heutigen Zeitregime zur Jahreswende in Oslo oder Helsinki.

Probleme für Nachteulen

Nicht allen macht die Dunkelheit am Morgen gleich zu schaffen. Eine generelle natürliche Zeit, die für alle Menschen anwendbar wäre, gebe es nicht, sagt Remo Sigrist. Er arbeitet als Psychotherapeut und Schlafspezialist in der Klinik für Schlafmedizin Luzern. Es hänge davon ab, ob jemand Morgen- oder Abendtyp sei. Der Schlafrhythmus der meisten lasse sich zwischen diesen beiden Typen ansiedeln.

«Für jemanden, der Frühschicht arbeitet, würde es mit einer ewigen Sommerzeit ziemlich hart», sagt Sigrist. Wer um 4 Uhr mit der Arbeit beginnt, müsste im Winter fünf bis sechs Stunden bei Dunkelheit arbeiten. Die Weiterführung der Sommerzeit im Winter wäre in unseren Breitengraden zudem für Abendtypen (Nachteulen) schwierig, sagt er. Diesen bereite das Aufstehen bei Dunkelheit ohnehin Mühe, und sie hätten es am Morgen noch schwerer, aus dem Bett zu kommen. Denn das Tageslicht sei ein wichtiger Faktor für den Tagesrhythmus des Menschen.

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Falls die EU die Zeitumstellung abschaffe, wäre die Beibehaltung der Sommerzeit nicht ideal, sagt Sigrist. «Da es eine andauernde Sommerzeit in der Schweiz noch nie gegeben hat, käme dies einem Experiment gleich. Für die Schweiz wäre wenn schon die dauerhafte Winterzeit angepasst.» Dass der Nachteil des späteren Sonnenaufgangs dadurch aufgewogen würde, dass im Winter dank späterem Sonnenuntergang ein Abendspaziergang möglich wäre, glaubt Sigrist nicht. «Ich bezweifle, dass viele das nutzten, weil es zu dieser Jahreszeit vielen draussen zu kalt ist.»

Dass gerade in Deutschland eine Mehrheit die ewige Sommerzeit wolle, liege vielleicht daran, dass sich Mitteleuropäer den ewigen Sommer wünschten. Aber die meisten hätten sich im Anflug von Sommergefühl kaum mit den Konsequenzen im Winter auseinandergesetzt.

Zurück zur Winterzeit?

Auch die heutige halbjährliche Zeitumstellung hat vorübergehende Folgen auf die Leistungsfähigkeit mancher Menschen. Allerdings adaptierten sich die meisten Menschen an diese verhältnismässig kleine Umstellung in relativ kurzer Zeit, sagt Sigrist. Dass die Zeitumstellung dennoch bei vielen auf mehr Widerstand stösst als die Zeitverschiebungen durch Flugreisen, erklärt sich Sigrist mit den positiven Gefühlen bei Ferienreisen.

Schafft die EU die Zeitumstellung ab, dürfte in der Schweiz die Forderung nach der Rückkehr zur Winterzeit laut werden. Anlass bietet ein Vorstoss von SVP-Nationalrätin Yvette Estermann, der im Dezember behandelt wird. Sie fordert zum wiederholten Mal, dass die Schweiz die Sommerzeit abschafft – mit Verweis auf den Volksentscheid von 1978, als die Sommerzeit mit 83,8 Prozent abgelehnt wurde. Bisher blitzte Estermann immer ab. Doch die EU könnte der Winterzeit zu einem zweiten Frühling verhelfen.

Gut möglich, dass am Montag schon mehr Klarheit herrscht, was aus Jean-Claude Junckers Vorschlag zur Abschaffung der Zeitumstellung wird. Im österreichischen Graz kommen dann die Verkehrsminister der EU-Staaten zu einem informellen Treffen zusammen und wollen erstmals über den Vorstoss des Kommissionspräsidenten diskutieren. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass es mit der Abschaffung zumindest nicht so schnell gehen wird, wie Juncker sich das wünscht.

Es sollte eine Art Abschiedsgeschenk an die 500 Millionen EU-Bürger werden. «Die Europäer wollen das, wir machen das», so der Kommissionspräsident im September. Er begründete seinen Elan mit einer Onlinekonsultation, bei der 4,6 Millionen Europäer mitgemacht und sich mit grosser Mehrheit für ein Ende der Zeitumstellung ausgesprochen haben. Allerdings war die Befragung alles andere als repräsentativ. Während der Grossteil der Teilnehmer aus Deutschland und Österreich kam, liess die Frage den Rest der EU-Bürger kalt.

Blamage vor der Europawahl

Juncker wollte jedoch nochmals Handlungsfähigkeit demonstrieren. Im Mai wird das neue EU-Parlament gewählt, und wenige Monate später geht die Amtszeit Junckers in Brüssel zu Ende. Vorher sollte das Ende der Zeit-umstellung besiegelt sein. Junckers Vorschlag sieht vor, dass die Europäer 2019 ein letztes Mal die Uhren neu stellen. Nun droht aus dem Schnellschuss ein Rohrkrepierer zu werden, die Kommission vor der Europawahl blamiert dazustehen.

Der Vorschlag sei schlecht vorbereitet, klagen EU-Diplomaten. So kann Brüssel die Zeit-umstellung, bisher in einer EU-Richtlinie festgelegt, zwar abschaffen. Welche Zeit die einzelnen Mitgliedsstaaten dann wählen, ist allerdings nationale Kompetenz. Je nach Längengrad und ob man nun die Schulkinder oder eher die Tourismusindustrie im Auge hat, fallen die Präferenzen anders aus.

Deutschland, Polen, Portugal und Zypern tendieren Richtung ewige Sommerzeit. Finnland, Dänemark, die Niederlande und die Slowakei haben signalisiert, dass sie eher die Winterzeit bevorzugen. Die EU komme doch heute schon zwischen Baltikum und Irland mit drei Zeitzonen zurecht, beschwichtigt die EU-Kommission. Andere befürchten aber einen Flickenteppich mit Chaos nicht nur im Flugverkehr.

Frühestens 2021?

Gemäss Vorschlag der EU-Kommission sollen sich die Länder bis Ende April entscheiden. Viele Mitgliedsstaaten finden den Zeitplan aber zu ambitioniert. Und kritisieren, dass die Kommission sich um die Verantwortung drücke. Österreich, das derzeit den EU-Ratsvorsitz innehat, plädiert für Koordination. So will die Regierung in Wien sich mit den Nachbarländern auf eine einheitliche Zeitzone in Mitteleuropa einigen. Auch die Beneluxstaaten Belgien, die Niederlande und Luxemburg haben angekündigt, sich abzusprechen.

Die Schweiz müsste entscheiden, wem sie sich anschliessen will. Der Bundesrat hat schon 2017 in der Antwort auf einen Vorstoss zur Abschaffung der Zeitumstellung erklärt, er wolle sich in jedem Fall nach der Mehrheit der Nachbarländer richten.

Es ist immer noch möglich, dass der Schweiz ein Entscheid erspart bleibt. Dann nämlich, wenn sich herumspricht, dass die Abschaffung der Zeitumstellung mehr Probleme schafft als löst. Österreich will beim Treffen der Verkehrsminister in Graz schon einmal vorschlagen, das Ende der Zeitumstellung auf frühestens 2021 zu vertagen.

Video: «Sommerzeit abschaffen, ja!»

Wie die Zeitumstellung den Leuten zu schaffen macht – oder diese gar erfreut. (Video: Tamedia)

Erstellt: 27.10.2018, 07:42 Uhr

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