Ewiges Wochenende dank Grundeinkommen

Brauchen Menschen Arbeit, um glücklich zu sein? Oder ist Müssiggang das wahre Glück?

Blüht der Mensch erst richtig auf, wenn er nicht mehr dem Geld nachrennen muss?

Blüht der Mensch erst richtig auf, wenn er nicht mehr dem Geld nachrennen muss? Bild: Keystone

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Im Paradies herrschte Nullbeschäftigung. Adam und Eva waren arbeitslos, lungerten den ganzen Tag herum. Hungern mussten sie trotzdem nicht.

Ähnlich würde es den Schweizerinnen ergehen, wenn sie der Initiative zum bedingungslosen Grundeinkommen zustimmten. Niemand, der nicht wollte, müsste arbeiten. Der Staat finanzierte allen einen bescheidenen Lohn.

Selbst viele Linke lehnen das Anliegen ab: Der Mensch brauche Arbeit, um Selbstachtung und Würde zu entwickeln, sagen sie. Bürgerliche sehen das ebenso. Ihr Paradies ist kein Schlaraffenland, dort herrscht Vollbeschäftigung.

Die Faulen machen keinen Fortschritt

«Glorifizierung der Arbeit», nannte die Philosophin Hannah Arendt dieses Denken. Es setzte spät ein. Jahrtausendelang galt Arbeit als Übel. Antike Philosophen verdammten sie als Unfreiheit, die Männer von wichtigen Tätigkeiten wie Politikmachen und Kriegführen abhielt. Den Rest sollten Frauen und Sklaven erledigen.

Unter dem Einfluss des Christentums (Paulus: «Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen») bildeten sich im Mittelalter Berufsstände, die sich stolz über ihr Handwerk definierten. Reformatoren wie Martin Luther erhoben Arbeiten zur Pflicht. Das aufstrebende Bürgertum ging noch weiter und erklärte die Arbeit zur Grundbedingung des Menschseins: «Je mehr wir beschäftigt sind, je mehr fühlen wir, dass wir leben», schrieb Immanuel Kant. Ohne Arbeit bleibe die Menschheit stehen, Müssiggänger bringen keinen Fortschritt. Sozialisten bekämpften später die schlecht bezahlten, unmenschlichen Jobs, die in den Fabriken entstanden waren. Oft übernahmen sie aber den Grundsatz, dass Arbeit zum Wesen des Menschen gehört. Die DDR schrieb das «Recht auf Arbeit» in ihre Verfassung, die UNO machte es zum Menschenrecht. Das späte 20. Jahrhundert hat die Arbeit noch stärker zur Selbstverwirklichung verklärt. Unternehmer verstanden, dass Menschen, die gerne arbeiten, es länger und für weniger Geld tun. Heute kompensieren etwa viele Kreativgewerbler tiefe Löhne mit der Genugtuung freier Entfaltung. Job und Identität haben sich untrennbar verzahnt. Aus dieser Tradition nährt sich die Ablehnung des Grundeinkommens: Wer dem Menschen den Job nimmt, raubt ihm einen Teil seiner selbst.

Nicht nur Fortschrittsfeinde loben die Faulheit

Trotz Arbeitsglorifizierung überlebte die Hoffnung aufs Nichtstun. Nicht nur Fortschrittsfeinde lobten die Faulheit. Auch in der Industrialisierung hat immer ein paradiesisches Versprechen mitgeschwungen: Dank technischer Innovation und gesteigerter Produktivität entfallen irgendwann die meisten Pflichten. Maschinen erledigen alles Mühsame, sämtliche Menschen steigen quasi zu Adligen auf. Der Ökonom John Maynard Keynes prophezeite 1930: In hundert Jahren werde das «wirtschaftliche Problem» gelöst sein, niemand müsse mehr ums Dasein kämpfen.

Das klingt übermütig. Doch die Entwicklung läuft in diese Richtung. Automaten werden Menschen aus vielen Arbeitsbereichen verdrängen. Das verschärft die Verteilungsfrage: Der Gewinn, den Roboter erwirtschaften, fliesst zu deren Besitzern. Die ersetzten Angestellten drohen leer auszugehen. Auf dieser Ausgangslage entwirft die französische Fernsehserie «Stadt ohne Namen» eine radikal ungerechte Zweiklassengesellschaft. Um eine solche zu verhindern, braucht es neue Wege der Umverteilung – eine Art Kompensation der Roboterbesitzer an die Verdrängten. Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein Versuch in diese Richtung.

Lehrer für den Müssiggang

Was aber, wenn tatsächlich eine fast arbeitsfreie, wohlhabende und faire Gesellschaft entstünde? Würden die Menschen in Trägheit verelenden und sich zu Tode langweilen? Davon gehen die Verfechter der Vollbeschäftigung aus.

Oder würden sie, befreit von den Zwängen des Alltags, erst richtig aufblühen? Darauf hoffte John Maynard Keynes: Ewige Wochenenden würden die Menschen moralisch erheben, sie müssten nicht mehr dem Geld nachrennen, «zögen das Gute dem Nützlichen vor» und «erfreuten sich unmittelbar an den Dingen».

Niemand weiss, wie eine Nullbeschäftigungs-Gesellschaft funktionieren würde. Auf jeden Fall würde die viele Freizeit neue Arbeit erschaffen: Es brauchte Lehrer für den Müssiggang.

Erstellt: 17.03.2016, 21:09 Uhr

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