Böswilliger Mumpitz

Wenn schon Flüchtlinge, wen sollen wir nehmen? Der künftige CVP-Präsident Gerhard Pfister plädiert für: Frauen, Kinder, Christen.

Schon im antiken Rom nur schwer integrierbar: Christen. Foto: Alvaro Barrientos (AP, Keystone)

Schon im antiken Rom nur schwer integrierbar: Christen. Foto: Alvaro Barrientos (AP, Keystone)

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«Die einzige Pflicht, die wir der Geschichte gegenüber haben, ist, sie umzuschreiben», sagte Oscar Wilde. Doch der Verzicht auf ewige Werte ist nicht jedermanns Ding. In ganz Europa debattieren massenweise Publizisten, Philosophen, Politiker zur Frage, was nationale, europäische oder christlich-abendländische Werte seien. Das Resultat ist in so gut wie jedem Fall: Ärger. Manchmal für den Autor. Aber weit öfter der Ärger, den man denen androht, die die Werte nicht teilen.

In der Schweiz verlief die Diskussion dagegen speditiv. Auf die Frage, warum unsere Vorfahren bei Morgarten 1315 ihr Leben und bei der Revolution 1848 ihren Kopf einsetzten, twitterte die FDP-Präsidentin von Konolfingen, Christine Kohli, unverhandelbare Schweizer Werte seien: «Weihnachten. Schweinefleisch. Mädchenschwimmen.» Kurz darauf, nach dem Attentat von Paris, ergänzte die Liberale: «Ausgehverbot ab 20 Uhr in allen muslimischen Quartieren in Europa, Moscheen schliessen und Wohnungen durchsuchen bis zur restlosen Aufklärung!» Ärger folgte, aber viel mehr nicht.

Doch nun hat sich ein weiterer Parteipräsident in die Debatte um Flüchtlinge und Abendland eingeschaltet: Gerhard Pfister, künftiger Chef der CVP, praktizierender Katholik und als Doktor der Germanistik einer der wenigen anerkannten Intellektuellen im Parlament.

Pfister tat, was Intellektuelle tun: Paradoxe entwerfen. Er forderte eine Obergrenze von 25'000 Asylgesuchen und griff einen Vorschlag des Basler Bischofs Gmür auf, bevorzugt «Frauen, Kinder und Christen» aufzunehmen. Gmür begründete das damit, dass arabische Länder wie Saudiarabien keine Flüchtlinge aufnähmen – und Christen schon gar nicht.

Pfister lieferte in der «Rundschau» eine weitere Begründung für die Christenbevorzugung: Schon heute gäbe es bei den Flüchtlingen eine Zweiklassengesellschaft: Wirtschaftsflüchtlinge, die es sich leisten könnten, hierherzukommen, und echte Flüchtlinge, die nicht das Geld dazu hätten.

Damit spannte Pfister folgende interessanten Denkspiele auf.

  • Das Gmür-Dilemma: Ist jemand hilfsbedürftiger, wenn er nicht nur als Flüchtling nicht nach Saudiarabien eingelassen wird, sondern als Flüchtling und Christ gleich doppelt nicht?
  • Gesetzt, das Asylrecht gilt für Verfolgte: Was ist der 25'001. Verfolgte?
  • Wenn die Tatsache, hierherzukommen, bereits das Kennzeichen des illegalen Wirtschaftsflüchtlings ist, was in Gottes Namen muss ein echter Flüchtling dann unternehmen, um von der CVP anerkannt zu werden: Wiedergeburt?

Sind Christen integrierbar?

Dazu stellt sich die Frage, ob Christentum wirklich mit der abendländischen Tradition vereinbar ist. Im Internet kursiert etwa folgender Frage­katalog eines bibeltreuen Amerikaners an eine strenggläubige Radiomoderatorin:

Wenn ich am Altar einen Stier als Brandopfer darbiete, weiss ich, dass dies für den Herrn einen lieblichen Geruch erzeugt (Lev. 1:9). Das Problem sind meine Nachbarn. Sie behaupten, der Geruch sei nicht lieblich. Soll ich sie niederstrecken?

Ich würde gerne meine Tochter in die Sklaverei verkaufen, wie es in Exodus 21:7 erlaubt wird. Was wäre Ihrer Meinung nach heutzutage ein angemessener Preis?

Lev. 25:44 stellt fest, dass ich Sklaven besitzen darf, sowohl männliche als auch weibliche, wenn ich sie von benachbarten Nationen erwerbe. Einer meiner Freunde meint, das würde auf Mexikaner zutreffen, aber nicht auf Kanadier. Können Sie das klären? Warum darf ich keine Kanadier besitzen?

Ich habe einen Nachbarn, der stets am Samstag arbeitet. Exodus 35:2 stellt deutlich fest, dass er getötet werden muss. Allerdings: Bin ich moralisch verpflichtet, ihn eigenhändig zu töten?

Sind Christen also Leute, die sich in der modernen Schweiz ernsthaft integrieren lassen? Nun, Gerhard Pfister zuliebe könnte man einräumen, dass die obigen Fragen böswilliger Mumpitz sind.

Allerdings müsste man auch einräumen, dass seine Forderungen dasselbe sind: böswilliger Mumpitz. Im Grunde sagt Pfister nur zwei Dinge. Erstens: Wir sind gegen alle, die kommen. Und zweitens: Schnorfeldigorfel.

Wir müssen beichten, dass der Autor zwei Bischöfe verwechselt hat. Es handelt sich nicht, wie in der ersten Fassung, um den St. Galler Bischof Büchel, sondern um seinen Basler Kollegen Gmür. Wir bitten um Entschuldigung.

Erstellt: 29.02.2016, 12:08 Uhr

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