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Nur jeder vierte psychisch Kranke schafft Ausstieg aus IV

Besonders unter 25-Jährige haben Schwierigkeiten in den Arbeitsmarkt zurückzukehren. Dies liege auch daran, dass die IV zu rasch aufgebe, sagt Psychologe Niklas Baer.

Wer bereits in jungen Jahren eine IV-Rente erhält, hat später schlechtere Aussichten für eine Wiedereingliederung.
Wer bereits in jungen Jahren eine IV-Rente erhält, hat später schlechtere Aussichten für eine Wiedereingliederung.
Julian Stratenschulte, Keystone

Die Invalidenversicherung (IV) will die Eingliederung junger Erwachsener und psychisch Kranker in den Arbeitsmarkt verbessern. Denn 40 Prozent der Neurenten werden zurzeit wegen psychischer Erkrankungen erteilt, bei den unter 25-Jährigen liegt dieser Anteil sogar bei 70 bis 80 Prozent. Deshalb hat der Nationalrat am Mittwoch zusätzliche Massnahmen beschlossen, um die Arbeitsintegration dieser Gruppen zu verbessern.

Allerdings reicht dies nach Ansicht von Niklas Baer nicht aus. Der Experte für Arbeitsintegration verweist auf eine Untersuchung, die er im Auftrag der IV mitverfasste (zum Bericht als PDF). Die Studie zeigt, dass die IV bei der Eingliederung psychisch Kranker sehr grosse Mühe bekundet. Nur gerade 25 Prozent der Versicherten mit psychischen Erkrankungen schaffen mithilfe der IV den Sprung in den Arbeitsmarkt. Bei den jungen Versicherten mit einer psychischen Erkrankung ist der Erfolg noch geringer: Bei den unter 25-Jährigen erreicht die IV sogar nur bei 20 Prozent eine Arbeitsintegration.

Doppelt so gross ist die Erfolgsquote der IV bei körperlichen Leiden. Von den Versicherten mit Erkrankungen des Bewegungsapparates schaffen immerhin 45 Prozent den Weg in den Arbeitsmarkt.

Einmal Rente, immer Rente

Fatal ist nach Ansicht Baers, dass den Jungen nach dem Scheitern sehr rasch eine IV-Rente zugesprochen wird. 43 Prozent der psychisch Kranken unter 25 Jahren erhielten bereits ein Jahr nach der letzten IV-Massnahme eine Rente – meistens handle es sich dabei um eine Vollrente. Die Erfahrung zeige, dass nach einer Berentung in jungen Jahren kaum mehr eine Aussicht auf eine spätere Integration bestehe.

Zwar erhält die IV mit der Reform zusätzliche Möglichkeiten. So könnten Ausbildungs- und Eingliederungsmassnahmen künftig auch nach einem Scheitern wieder aufgenommen werden, sagt Baer. Auch wird die IV künftig Fallmanager bei der Berufsbildung finanzieren. Und medizinische Eingliederungsmassnahmen werden bis zum Alter von 25 Jahren bezahlt statt nur bis 20.

Keine Rente unter 30 Jahren

Für Baer ist die Reform trotzdem nicht mehr als eine «Optimierung der IV». Bei manchen Jungen brauchte es eine Begleitung über diese Zeit hinaus. Ausbildungsmassnahmen der IV kosteten sehr viel Geld. «Manchmal wäre es jedoch besser, die IV würde die gleichen Beträge in weniger aufwendige Massnahmen über eine längere Zeit hinweg investieren.»

Niklas Baer leitet die Fachstelle Psychiatrische Rehabilitation an der Psychiatrie Baselland. Er plädiert selbst dafür, unter 30-Jährigen nur noch bei gewissen Geburtsgebrechen und offensichtlicher Erwerbsunfähigkeit eine IV-Rente zuzusprechen. Allerdings ist dies politisch zurzeit kein Thema.

Mit der Studie liess die IV erstmals repräsentativ und differenziert den Erfolg ihrer Eingliederungsmassnahmen überprüfen. Dazu wurden 916 Versicherte befragt, die eine berufliche Eingliederungsmassnahme der IV zugesprochen erhielten. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten litt an einer psychischen Erkrankung wie einer Psychose, einer neurotischen Störung oder einer Persönlichkeitsstörung. Die anderen Befragten, jene mit körperlichen Leiden, hatten eine muskuloskelettale Erkrankung.

Die Hürde für die Erfolgsmessung wurde bei der Studie tief angesetzt. Als integriert gilt jemand, wenn er nach Abschluss der Eingliederungsmassnahmen keine IV-Rente bezieht, nicht arbeitslos ist und mindestens 1000 Franken im Monat verdient. Das bedeutet auch, dass viele trotz Erwerbsarbeit noch von der Sozialhilfe oder Angehörigen abhängig sind.

«Es ist die letzte Station, die man in Anspruch nimmt.»

Die meisten der Befragten hätten sich mit dem Gang zur IV sehr schwer getan, sagt Baer. «Sie empfanden die Meldung bei der IV als ein Zeichen dafür, dass sie gescheitert und ganz unten angekommen sind.» Die IV sei offensichtlich noch weit weg vom angestrebten Image der Integrationsversicherung. Für die Versicherten sei die Betreuung durch die IV mit einem Stigma behaftet. «Es ist die letzte Station, die man in Anspruch nimmt.»

Dies dürfte auch einer der Gründe sein, warum Arbeitgeber und Ärzte nach wie vor zurückhaltend sind mit der Frühmeldung von Versicherten bei der IV. Zwar kennt die IV seit 2008 die Möglichkeit der Früherfassung. Die Betroffenen selbst, Arbeitgeber, Ärzte oder Sozialversicherungen können bei der IV eine Meldung machen, wenn wegen gesundheitlicher Probleme während mindestens 30 Tagen ununterbrochen eine Arbeitsunfähigkeit besteht.

Gute Noten für IV-Berater

Ziel ist es, dass die IV rechtzeitig Massnahmen ergreifen kann, um eine Invalidität zu verhindern. Zwar würden jährlich Tausende solcher Meldungen gemacht, sagt Baer. Aber noch immer würden zu viele Fälle erst zu spät bei der IV gemeldet. Er führt dies darauf zurück, dass sowohl Ärzte wie Arbeitgeber die Betroffenen nicht gegen ihren Willen bei der IV melden wollten.

Doch die Befragung von Betroffenen bringt für die IV auch positive Erkenntnisse. So beschrieben die meisten den IV-Berater als wichtige und hilfreiche Person, die sie zur Integration ermutigt habe. Auch die behandelnden Ärzte wurden ähnlich bewertet. Fast die Hälfte der Befragten zeigte sich jedoch verunsichert darüber, dass ihr Arzt und der IV-Berater unterschiedliche Vorstellungen von ihren Möglichkeiten hätten. Viele vermissten auch, dass sich Arzt und IV-Berater nicht untereinander abgesprochen hätten.

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