Experten fordern strengere Regeln zum Schutz des Grundwassers

Eine Motion will die Zulassung von Pestiziden erschweren. Fachleute unterstützen den Vorschlag.

Ein Traktor bringt in der Nähe von Göttingen, Deutschland, Glyphosat aus. In EU-Ländern gelten dabei strengere Regeln als in der Schweiz. Foto: Keystone

Ein Traktor bringt in der Nähe von Göttingen, Deutschland, Glyphosat aus. In EU-Ländern gelten dabei strengere Regeln als in der Schweiz. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Name klingt rätselhaft, klar umrissen ist dagegen das Problem, das mit ihm verknüpft ist: R471811 ist ein Abbauprodukt von Chlorothalonil, also jenes Pestizids gegen Pilzbefall auf Äckern, das zuletzt für Schlagzeilen gesorgt hat. Während die EU R471811 als toxisch relevant einstuft, klassifiziert ihn das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) als nicht relevant. Entsprechend gibt es hierzulande auch keinen gesetzlich festgelegten Grenzwert, der überschritten werden könnte.

Die Unterscheidung in relevante und nicht relevante Abbauprodukte ist bedeutsam, wie eine Anfang September veröffentlichte Studie der Schweizer Kantonschemiker zutage gefördert hat. Demnach tranken zum Zeitpunkt der Untersuchung rund 170'000 Konsumenten Trinkwasser, das die lebensmittelrechtlichen Anforderungen nicht erfüllen konnte. Die Experten hatten in verschiedenen Proben das als relevant eingestufte Abbauprodukt Chlorothalonil-Sulfonsäure in Konzentrationen über dem gesetzlichen Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter gefunden. Aber nicht nur. Auch Abbauprodukte, die als nicht relevant eingestuft werden, wiesen solche kritischen Konzentrationen auf. Diese Fälle dazugezählt, liegt die Zahl der betroffenen Menschen mit rund 431’000 laut der Studie der Kantonschemiker deutlich höher.

Grenze um Faktor 27 überschritten

Nach R471811 suchten die Kantonschemiker nicht. Dies tat jedoch kurz zuvor die Eawag, das Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs. In einer Untersuchung des Grundwassers hatten Forscher R471811 in sämtlichen 31 Proben gefunden, teils in Konzentrationen von bis zu 2,7 Mikrogramm pro Liter. Doch weil das BLV den Stoff als nicht relevant taxiert, bleibt dies ohne Konsequenzen. Die Experten von Bundesrat Alain Berset (SP) argumentieren, das Abbauprodukt R471811 sei mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht krebserregend. Ein BLV-Vertreter erklärte in der SRF-Sendung «Kassensturz» unlängst, entscheidend seien nicht einzelne Abbauprodukte von Chlorothalonil, sondern vielmehr, dass das BLV mit seiner Arbeit die Grundlage dafür geliefert habe, die Bewilligung für Chlorothalonil zu widerrufen.

Es ist sinnvoll, die Unterscheidung von relevanten und nicht relevanten Abbauprodukten abzuschaffen.Kurt Seiler, Kantonschemiker

In der Tat überprüft das Bundesamt für Landwirtschaft die Zulassung des Wirkstoffs; entscheiden dürften die Fachleute von Agrarminister Guy Parmelin (SVP) im Lauf dieses Herbsts. Die EU hat Chlorothalonil im Frühjahr die Zulassung entzogen, nachdem die europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde erstmals darauf hingewiesen hatte, dass bei R471811 und anderen Abbauprodukten von Chlorothalonil Hinweise für eine Gesundheitsgefährdung bestünden – fast ein halbes Jahrhundert nach der Einführung des Pestizids.

Die Kontroverse um R471811 könnte auch auf dem politischen Parkett Folgen zeitigen. Auf dem Tisch liegt eine neue Motion von Nationalrätin Tiana Moser (GLP). In Zukunft, so die Forderung, sollen Behörden bei der Frage, ob sie ein Pflanzenschutzmittel zulassen, nicht mehr zwischen relevanten und nicht relevanten Abbauprodukten unterschieden dürfen. Das hiesse: Würden die Behörden im Rahmen des Zulassungsverfahrens bei einem Abbauprodukt eine höhere Konzentration als 0,1 Mikrogramm pro Liter im Sickerwasser voraussagen, dürften sie das Pflanzenschutzmittel künftig nicht bewilligen.

Moser will so verhindern, dass Abbauprodukte, die heute als nicht relevant klassifiziert werden, aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse aber umgestuft werden müssen, weiter ins Grundwasser gelangen. Denn einmal dort hingelangt, überdauern sie lange – das gilt auch für Abbauprodukte von Chlorothalonil, selbst wenn der Bund dem Pestizid nun die Zulassung entzöge. Zudem können Syngenta und andere Chlorothalonil-Hersteller ein Verbot mit Rekursen bekämpfen und es so unter Umständen um Jahre hinauszögern.

Moser erhält von Fachleuten Unterstützung. «Wenn Rückstände in mehreren Regionen auftreten, dann muss bei der Zulassung gehandelt werden», sagt Kurt Seiler, Amtsleiter des Interkantonalen Labors der beiden Appenzell und Schaffhausen. «Ansonsten müssen Gewässerschutzfachleute, Kantonschemiker, Wasserversorger und Konsumenten später die Suppe auslöffeln.» Es sei sinnvoll, die Unterscheidung von relevanten und nicht relevanten Abbauprodukten abzuschaffen. Darüber hinaus braucht es nach Ansicht Seilers einen Automatismus: Wenn Rückstände im Grundwasser in mehreren Regionen über 0,1 Mikrogramm pro Liter gefunden werden, sollen die Behörden die Zulassungen umgehend einschränken können – ohne Rekursrecht der Betroffenen. «Es darf nicht sein, dass ein Rechtsstreit zulasten von Konsumentinnen und Konsumenten geführt werden kann», sagt Seiler.

Folgen unklar

Auch Eawag-Forscherin Juliane Hollender sagt: «Da Abbauprodukte wie R471811 voraussichtlich sehr lange im Grundwasser verbleiben, sollte die Zulassung möglichst so erfolgen, dass vorsorgend auch keine erhöhten Konzentrationen von nicht relevanten Abbauprodukten zu finden sind.» Denn toxikologische Einschätzungen könnten sich ändern, so wie beim Chlorothalonil erfolgt, mahnt Hollender.

Unklar bleibt, welche gesundheitlichen Risiken die Grenzwertüberschreitungen darstellen, welche die Kantonschemiker festgestellt haben. Humantoxikologe Lothar Aicher erklärte in dieser Zeitung jüngst, die meisten Resultate der Studie «bewegen sich in einem sehr tiefen Konzentrationsbereich und stellen keine Gefahr für die Gesundheit dar». Er wies jedoch auch auf die noch wenig erforschten Risiken von Chemiecocktails hin: «Möglicherweise führt die Kombination von kleinen Mengen mehrerer Chemikalien, die jede für sich allein betrachtet unschädlich für den Menschen sind, am Ende doch zu Gesundheitsschäden.»

Erstellt: 02.10.2019, 14:06 Uhr

Artikel zum Thema

Bis gefährliche Pestizide verboten werden, dauert es oft Jahre

Wie Chemiefirmen dafür sorgen, dass schädliche Stoffe nur mit Verzögerung aus dem Verkehr gezogen werden. Mehr...

Bund erwägt Verbot für Rüben-Pestizid

Das Pflanzenschutzmittel Chloridazon verschwindet wohl auch vom Schweizer Markt. Das löst das Pestizidproblem aber keineswegs. Mehr...

Freisinnige kämpfen mit grüner Allianz gegen Pestizide

Sind die beiden Pestizid-Initiativen zu radikal? SP, GLP und Grüne drängen auf einen Gegenvorschlag. Nun können sie auf eine Überraschung im Nationalrat hoffen – dank der FDP. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Mamablog «Trennungen werden noch immer tabuisiert»

Paid Post

Mehr Freizeit dank iRobot

Diese intelligenten Alleskönner übernehmen das Reinigen für Sie: gründlich, zuverlässig und vollautomatisch.

Die Welt in Bildern

Fliegende Körner: Ein Bauer erntet Reis auf einem Feld in Nepal. (15. November 2019) A farmer harvests rice on a field in Lalitpur, Nepal November 15, 2019.
(Bild: Navesh Chitrakar ) Mehr...