«Fabrice A. bleibt ein Psychopath»

Genfs Generalstaatsanwalt Olivier Jornot beantragt für den Mörder der Soziotherapeutin Adeline M. eine lebenslange Verwahrung.

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Generalstaatsanwalt Olivier Jornot beantragt für Fabrice A., den Mörder der Genfer Soziotherapeutin Adeline M., eine lebenslange Verwahrung. Die Psychiater seien sich einig: A. sei ein perverser Psychopath, bei dem ein hohes Risiko für eine Wiederholungstat bestehe und für den es heute keine Behandlungsmöglichkeit gebe, sagte der Generalstaatsanwalt gestern vor dem Genfer Strafgericht. A. habe vor Adelines Tötung während eines Freigangs im September 2013 bereits zwei Frauen bedroht und vergewaltigt und sei in allen Fällen nach demselben Muster vorgegangen. Er habe seine Opfer mit einem Messer bedroht, dominiert, gefesselt und ihnen Geld abgenommen. Adeline schnitt er gar die Halsschlagader auf. Die Eskalation verlange eine Verwahrung, so Jornot. Sollte die Wissenschaft künftig eine wirksame Therapiemethode finden oder Fabrice A.s Gefährlichkeit wegen einer Krankheit oder eines Unfalls abnehmen, könnten Richter die Verwahrung aufheben, führte der Ankläger aus.

Adelines Eltern reagierten erleichtert auf Jornots Strafantrag. Auch die Mutter Esther M. hatte eine lebenslange Verwahrung gefordert. Die Art, wie ihre Tochter ums Leben kam, könne die Familie nie akzeptieren, sagte sie vor Gericht. Adeline sei ein «Sonnenschein» gewesen, intelligent und voller Empathie. «Wir werden nie verstehen, warum Adeline, die so viel gegeben hat, dieses Schicksal erleiden musste. Sie hatte keine Chance, sich zu wehren», so die Mutter.

Kurz vor der Tat war Adeline M. von ihrem Mutterschaftsurlaub an ihre Arbeitsstelle in der Sozialtherapeutischen Abteilung La Pâquerette («Das Gänseblümchen») des Gefängnisses Champ-Dollon zurückgekehrt. «Die Schwangerschaft und ihre Rolle als Mutter einer wenige Monate alten Tochter haben Adeline verändert. Sie wollte sich eine neue Stelle suchen», so Esther M.

Adelines kleiner Tochter erklärten die Grosseltern nach der Tat, ihre Mutter sei im Himmel und auch in ihrem Herzen. Natürlich vermisse das Mädchen seine Mama, sagte die Grossmutter. Vor kurzem habe ihre Enkelin gesagt: «Mein Herz ist so schwer, weil meine Mama darin ist.» Auch schon blickte das Mädchen zum Himmel hoch und sagte: «Ich verstehe nicht, warum meine Mutter nicht herunterkommt, um mit uns zu sein.»

Fabrice stellte Adeline

Juan P., der Lebenspartner von Adeline M. und Vater der gemeinsamen Tochter, kritisierte den Genfer Strafvollzug scharf. Wie Adeline arbeitete er als Soziotherapeut in La Pâquerette und erlebte, wie Fabrice A. sich heftig für seine Partnerin interessierte. Er erkundigte sich, ob sie ein Paar seien und wie regelmässig Juan P. seine Tochter sehe. Bei einer Gelegenheit war Fabrice A. mit Adeline und Juan auf dem Gang unterwegs, wobei Fabrice zu Adeline sagte: «Hast du das Geld genommen, Liebste?» und Juan P. provokant ins Gesicht blickte. Auch war Fabrice A. fasziniert vom Gewaltfilm «Seven», in dem ein Massenmörder die Frau eines Ermittlers umbringt, wobei dem Ermittler in der Schlussszene der Kopf der Frau übergeben wird. Fabrice A. habe sich den Film ständig angeschaut und ihn eines Tages gefragt, ob ihn die Szene nicht auch fasziniere, so Juan P. Er mass der Konversation wenig Bedeutung zu. «Doch am Ende kopierte Fabrice A. mit dem Mord die Filmszene.»

Gemäss Juan P. haben Wärter die Pâquerette-Direktion vor dem Sexualstraftäter gewarnt, weil er gegenüber Frauen aggressiv auftrat. Doch nichts geschah. Fabrice A. konnte sich sogar seine Soziotherapeutinnen für seine Freigänge auswählen. Als Adeline getötet wurde, hatte Juan P. bereits gekündigt und sollte La Pâquerette Ende Oktober 2013 verlassen. «Adeline und ich waren enttäuscht und desillusioniert. Wir waren uns einig, dass die Therapien für Häftlinge nichts brachten», so der Psychologe. Häftlinge bekamen pro Monat 500 Franken für 10 Therapiesitzungen, selbst wenn sie in den Sitzungen gar nichts sagten.» Als die Polizei ihn über Adelines Tod informierte, habe er geweint, Angst verspürt und sei in eine monatelange Krise gestürzt, so Juan P. Seiner Tochter sagte er schliesslich: «Deine Mutter ist im Himmel. Sie wollte nicht gehen, aber sie musste.»

Erstellt: 18.05.2017, 15:00 Uhr

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